Gefühlte Wahrheiten und echte Fehlschlüsse

Mann ohne Gesicht schlägt Hände über dem Kopf zusammen
Foto: Gerd Altmann / pixabay / CC0

Über die Aktion #allesdichtmachen ist inzwischen fast alles gesagt worden. Es wurde viel berechtigte Kritik, aber auch Verständnis geäußert, und es wurden sogar Gesprächsangebote gemacht. Der Diskurs, den die Videos eigentlich auslösen wollten, stand aber von Anfang an unter keinem guten Stern, was auch daran liegt, dass die Beteiligten den Weg zu einer fruchtbaren Diskussion durch ihre Cringe-Satire weitgehend verbaut haben. Daher haben sich auch immer mehr Beteiligte von der Aktion distanziert, und ein großer Teil der Videos wurde mittlerweile folgerichtig offline genommen. Was trotzdem bleibt: viel mediale Aufmerksamkeit und die Frage, ob sich aus der destruktiven Aktion etwas Konstruktives ableiten lässt, was über den kurzzeitigen Shitstorm hinausgeht.

„Diagonale“ Narrative

Wenn man von den positiven Reaktionen absieht, die vor allem aus Lagern kamen, von denen sich die Macher der Videos wohl eher keinen Applaus erhofft hatten, lassen sich die Reaktionen auf die Videos grob in zwei Lager aufteilen: einerseits heftige Empörung, andererseits milde Empörung gepaart mit dem Hinweis, dass die Aktion einige wichtige Punkte anspreche und einige Reaktionen darauf ihrerseits über das Ziel hinausschössen.

Beide Reaktionen sind verständlich, bringen uns aber nicht unbedingt weiter, sodass ich hier die Frage stellen möchte: Kann es einen wirklich konstruktiven Umgang mit diesen Videos geben? Ich würde sagen ja – und zwar, wenn wir uns auf eine Metaebene begeben und fragen, was wir daraus lernen können über die Narrative und Denkmuster, die in nicht unerheblichen Teilen der Gesellschaft das Bild von der aktuellen Pandemiepolitik prägen. Und wenn wir uns fragen, wie wir ihnen begegnen können.

Den Videos liegen eine Reihe von Narrativen zugrunde, bei denen es sich teils um Fehlschlüsse, teils um Fake News oder Verschwörungstheorien handelt, die aber allesamt selbst bei Menschen, die nicht an der Existenz oder Gefährlichkeit von Corona zweifeln, relativ weit verbreitet sein dürften, zumal viele davon des öfteren in auflagenstarken Zeitungen nicht nur der Springer-Presse verbreitet werden. In Anlehnung an einen ausführlichen Artikel, der sich mit den Hintergründen der Querdenker-Bewegung befasst, könnte man hier vielleicht von „diagonalen“ Narrativen sprechen, ohne dass zwangsläufig alle, die „diagonale“ Positionen vertreten, eine Nähe zu „Querdenkern“ aufweisen; im Gegenteil distanzieren sich viele explizit von ihnen (und/oder machen ihre Demonstrationen sogar maßgeblich für das Ansteigen der Infektionszahlen verantwortlich). Die „diagonalen“ Narrative sind außer in der Springer-Presse auch anderswo in den Medien präsent – etwa in Kabarettsendungen von Dieter Nuhr oder Helmut Schleich (auch wenn das durch den Blackfacing-Skandal geflissentlich übersehen wurde); aber auch in Teilen der Politik und im Alltag: Wenn ich zum Beispiel mit manchen Verwandten spreche oder mal wieder einen Blick in meinen Facebook-Feed statt in die Twitter-Bubble werfe, wenn ich Regionalzeitungen lese und dort insbesondere die Leserbriefe, begegnen sie mir allenthalben. Zu den wahrscheinlich verbreitetsten Beispielen gehören, in sehr allgemeiner Form formuliert und von unterschiedlichen Personen unterschiedlich radikal vertreten,

  • die Überzeugung, dass die Lockdown-Maßnahmen wirkungslos seien und man sie daher auch lassen könne;
  • der Glaube, dass die „Kollateralschäden“ des Lockdowns mindestens genauso groß seien wie die Schäden, die die Pandemie einrichtet;
  • die Idee, dass die Vorsicht vor Corona in der Politik, aber auch in der Gesellschaft maßlos übertrieben sei.

Das sind zwar keine Mehrheitspositionen, aber nach meinem Eindruck auch keineswegs völlige Nischenpositionen. Während sich in den jüngsten Deutschlandtrend- und Politbarometer-Umfragen eine Mehrheit für härtere Maßnahmen ausspricht, findet immer noch gut ein Viertel der Befragten die Corona-Maßnahmen übertrieben.

Um nicht missverstanden zu werden: Bei allen drei Aussagen handelt es sich nicht zwangsläufig um „Querdenker“-Meinungen. Mit guten Argumenten könnte man sie potentiell alle drei verteidigen, wobei die wissenschaftliche Evidenz gerade gegen die erstgenannte Position doch ziemlich erheblich ist. Allerdings geht es, wie Jan Josef Liefers in einem Interview einräumte, bei der #allesdichtmachen-Aktion dezidiert auch um „gefühlte Wahrheiten“.

Die Fehlschlüsse hinter den gefühlten Wahrheiten

Meine Überzeugung ist, dass man auch solche „gefühlten Wahrheiten“ wahrnehmen und ernst nehmen muss, auch wenn das immer eine schmale Gratwanderung ist, weil man damit Gefahr läuft, ihnen auf problematische Weise Legitimität zuzusprechen – man denke an die Diskussionen darüber, ob man „mit Rechten reden“ bzw., in der inzwischen oft verspotteten euphemistischen Formulierung, die „Sorgen der Bürger ernst nehmen“ sollte. Zumindest kann es sinnvoll sein, sich mit der Frage zu beschäftigen, woher solche Narrative kommen, und die Fehlschlüsse zu entlarven, die ihnen zugrundeliegen.

Hier daher eine kleine Typologie an Fehlschlüssen, die ich in der aktuellen Diskussion immer wieder erkenne und mit denen sich die oben genannten sowie einige weitere Narrative teilweise erklären lassen (größtenteils meine eigene Typologie; ich will nicht ausschließen, dass Andere das schon besser und treffender formuliert haben):

  • der egoistische Fehlschluss: die Gefahr einer eigenen Infektion wird in Kauf genommen, ohne zu bedenken, dass man in diesem Fall Andere anstecken kann, die wiederum Andere anstecken, die wiederum… usw. Mein persönlicher Eindruck ist, dass dies der verbreitetste und auch folgenreichste Denkfehler ist, der häufig gemacht wird. Tatsächlich machen alle Maßnahmen nur Sinn, wenn man genau das mitdenkt – es geht darum, schon eine vergleichsweise geringe Zahl an Infektionen zu verhindern, um ein exponentielles Wachstum der Ansteckungszahlen zu verhindern (ein Konzept, für das in der Theorie mittlerweile fast alle ein gewisses Verständnis entwickelt haben dürften, ohne aber zwangsläufig die eigene Rolle, die man im Falle einer Ansteckung selbst in diesem exponentiellen Wachstum spielen könnte, realistisch einschätzen zu können). Der egoistische Fehlschluss lässt sich auch mit einem Fehlschluss der Kontrolle in Verbindung bringen: Wenn etwa in gefühlt Hunderten Facebook-Sharepics für die Öffnung der Gastronomie mit dem Argument plädiert wird, dass man sich ja gut selbst schützen könne, liegt dem die Idee zugrunde, das eigene Infektionsrisiko recht gut unter Kontrolle zu haben – was aber, auch angesichts anderer Fehlschlüsse, oft genug eine Illusion bleiben muss.
  • das klassische Präventionsparadox, aber mit Mutationsbooster: Auch hier verlasse ich mich ausschließlich auf meine Intuition, wenn ich sage, dass nach meinem Eindruck das Präventionsparadox im Zuge der ersten Pandemiewelle überbewertet wurde. Sicher gab es einige, die an den Lockdown-Maßnahmen zweifelten, weil die erste Welle in Deutschland glücklicherweise hinter den Befürchtungen zurückblieb, aber ich glaube, es gab doch ein weit verbreitetes Bewusstsein dafür, dass es die Maßnahmen waren, die Schlimmeres verhindert haben. Durch die Kombination aus dem Bemühen der Politik, weitere Lockdowns möglichst „light“ zu halten, mit dem Auftreten von ansteckenderen Mutationen kam es dann aber zu einer anderen Art Präventionsparadox: Plötzlich kam das Narrativ auf, dass die Lockdown-Maßnahmen wirkungslos seien. Für Fachleute und informierte Beobachterinnen war klar, dass die lange vorhergesagte dritte Welle aufgrund der Mutationen kommen musste. Für viele, die sich nicht ganz so eingehend informieren (können), blieb das erneute Ansteigen der Infektionszahlen aber ein Rätsel und konnte zu dem Eindruck führen: Okay, dann bringen die Maßnahmen wohl nichts, also können wir sie eigentlich auch sein lassen.
  • der kontrafaktische Fehlschluss und der Fehlschluss der Gleichzeitigkeit: Diese beiden eng verwandten Fehlschlüsse laufen darauf hinaus, dass man mit Möglichkeiten und Szenarien argumentiert, die aber faktisch nicht oder noch nicht gegeben sind. Die häufige Forderung, statt auf Maßnahmen auf mehr Tests und Impfungen zu setzen, beruht auf diesen Fehlschlüssen; und auch wenn es sich sicherlich in vielen Fällen um kalkulierten, billigen Populismus handelt, will ich doch nicht allen, die diese Forderung stellen, böse Absichten unterstellen, sondern gehe vielmehr davon aus, dass manche von ihnen tatsächlich diesem Fehlschluss unterliegen. Diese Forderungen funktionieren aber eben nur, wenn genug Impfstoff vorhanden ist bzw. wenn die Tests entweder extrem zuverlässig sind oder die Inzidenz niedrig genug, dass einige falsch-negative Ergebnisse nicht allzu sehr ins Gewicht fallen. Nichts davon ist derzeit der Fall. Ein Musterbeispiel für den Fehlschluss der Gleichzeitigkeit lieferte der mittlerweile fast schon berüchtigte Kommentar von Bild-Chef Julian Reichelt: „Während in England Menschen vor den Pubs Schlange stehen, sperrt unsere Regierung einen Landkreis mit 50000 Menschen ein, wenn in einer Woche 50 von ihnen positiv auf Corona getestet werden“. An die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, den quasi asynchronen Verlauf der Pandemie in verschiedenen Gegenden der Welt, haben wir uns eigentlich in den letzten Monaten gewöhnt – man könnte auch argumentieren, dass sie uns zu Beginn der Pandemie zum Verhängnis geworden ist, weil die Berichte erst aus China, dann aus Italien auf viele wirkten wie Nachrichten aus einer anderen, weit, weit entfernten Welt. Und trotzdem neigen wir dazu, eher den Status quo hier mit dem Status quo anderswo zu vergleichen, als den asynchronen Verlauf mit- und über die nächsten Wochen hinaus zu denken.
  • der Fehlschluss der Dissoziation: Dieser Fehlschluss begegnet uns etwa, wenn die Maßnahmen der Pandemiebekämpfung als politische Entscheidungen unabhängig von der Pandemie wahrgenommen werden; oder auch, wenn die Pandemie als etwas wahrgenommen wird, was außerhalb des eigenen Lebensbereichs stattfindet, sodass die eigenen Kontakte etwa in der Familie (oder auch am Arbeitsplatz) subjektiv als sicher empfunden werden, während man anderswo vorsichtshalber etwas mehr Abstand hält.

Fehlschlüsse wie diese zu entlarven kann dabei helfen, sachlich gegen fragwürdige Positionen wie diejenigen, die den #allesdichtmachen-Videos zugrundeliegen, zu argumentieren – insbesondere dann, wenn sie uns im eigenen Umfeld begegnen. Denn Ausgangspunkt dieses Beitrags war ja meine These, dass die Videoaktion kein „Dammbruch war“, wie es der Medienjournalist Stefan Niggemeier beschrieben hat, und dass die Aktion auch nicht die fraglichen Ideologien in die Mitte der Gesellschaft trägt, wie es Thomas Laschyk in seiner sehr lesenswerten Analyse beim „Volksverpetzer“ annimmt – diese Ideologien sind vielmehr längst da. Durch die Videoaktion haben sie lediglich eine große Bühne und enorme mediale Aufmerksamkeit bekommen, verstärkt durch den extremen Zynismus und das, sagen wir mal, rätselhafte Timing (ein Jahr zu spät, um wirklich etwas zum Diskurs beizutragen, mitten in der dritten Welle und zugleich mitten in der Impfkampagne, die zwar nicht dem Virus, aber hoffentlich der Pandemie in absehbarer Zeit ein Ende bereitet).

Schade ist, dass damit die Diskussion über die durchaus wichtigen Fragen, die die Videos auch stellen, weitgehend im Keim erstickt wurde – und zwar von den Beteiligten selbst, nicht von den Kritiker:innen, denen jetzt erwartungsgemäß teilweise „cancel culture“ oder sogar faschistoide Tendenzen vorgeworfen werden. Die These, dass die Schicksale der vom Lockdown unmittelbar Betroffenen in der öffentlichen Diskussion noch nicht ausreichend Berücksichtigung finden, kann man beispielsweise durchaus diskutieren (auch wenn die implizite Unterstellung, dass sie in der medialen Berichterstattung so gut wie gar nicht vorkommen, offensichtlich nicht stimmt). Denn dass der Lockdown enorme wirtschaftliche, psychologische und in einigen Bereichen auch gesundheitliche Auswirkungen hat, bestreitet niemand. Wenn diese Auswirkungen aber gegen die Pandemiebekämpfungsmaßnahmen ins Feld geführt werden, greift der Fehlschluss der Dissoziation. Natürlich kann man mit diesen Argumenten trotzdem gezielt einzelne Maßnahmen hinterfragen, aber genau das geschieht meist gerade nicht, wenn etwa auf die Gefahr häuslicher Gewalt oder von Kindeswohlgefährdungen hingewiesen wird. Tatsächlich könnte man aber – worauf in der Diskussion um die #allesmachtdicht-Videos auch des öfteren hingewiesen wurde – mit Verweis auf mögliche und tatsächliche negative Auswirkungen des Lockdowns für eine konsequente No-Covid-Strategie argumentieren: Denn dass Maßnahmen umso kürzer ausfallen können, je härter sie sind, dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben.

Dass auch diejenigen, die sich (wie auch ich selbst) tendenziell für härtere Maßnahmen aussprechen, einem Fehlschluss unterliegen könnten und an der einen oder anderen Stelle den Effekt eines kurzen, harten Lockdowns zu optimistisch einschätzen, will ich dabei nicht völlig ausschließen. Dass der Ruf nach einer NoCovid-Strategie lauter wird – etwas, was Dietrich Brüggemann als Initiator der #allesdichtmachen-Aktion interessanterweise explizit kritisiert – liegt aber eben auch daran, dass entgegen der häufig gehörten Unterstellungen niemand Lust auf (noch mehr) Lockdown hat. Und wenn wir all den Zynismus und Sarkasmus, die uns aus den Videos entgegenschlagen, und all die heftige und berechtigte Empörung, die im Gegenzug aufkam, beiseitelassen, ist das doch zumindest etwas, worauf wir uns alle einigen können.

Sprachideologien in der Pandemie: Die “Sprachwahrer” 2020

(Bild: geralt, Pixabay, CC-0)

Was haben Elon Musk, Hendrik Streeck, Prinz Charles und Lisa Eckhart gemeinsam? Sie alle sind für den Preis „Sprachwahrer des Jahres“ nominiert, der von der Zeitschrift „Deutsche Sprachwelt“ jährlich vergeben wird. Dass ich zufällig auf diese schon vor Weihnachten bekanntgegebene Information gestoßen bin, verdanke ich übrigens der Tatsache, dass sich die „Sprachwelt“ die Domain rechtschreibrat.de gesichert hat (die Seite des Rats für deutsche Rechtschreibung findet man unter rechtschreibrat.com). Eigentlich wollte ich nur nachschauen, ob das amtliche Regelwerk zur deutschen Rechtschreibung tatsächlich ein Leerzeichen vor Auslassungspunkten vorsieht, wie jemand auf Twitter behauptet hatte (Spoiler: ja). Die Nominiertenliste für die „Sprachwahrer“-Auszeichnung konnte dann in ihrer bunten Mischung aus Nominierten doch meine nicht ganz verdiente Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Liste ist soziologisch interessant, denn so völlig willkürlich sie auf den ersten Blick scheint, so folgerichtig ist sie auf den zweiten. Besonders stechen dabei zwei Nominierte heraus: Hendrik Streeck und Boris Reitschuster.

Letzterer fällt, wie beispielsweise die SZ (Paywall) neulich gezeigt hat, durch inhaltliche Nähe zu Corona-Verschwörungstheorien auf, die er gern auch in der Bundespressekonferenz ausbreitet. Ersterer hingegen ist eher unfreiwillig, wenn auch nicht ganz ohne eigenes Zutun, zu einer Galionsfigur von Teilen dieser Szene geworden. Am teils problematischen Streeck-Bashing, das derzeit in Mode ist, will ich mich dabei nicht beteiligen, sondern verweise lediglich auf die fundierte Kritik an seinen fachlichen Aussagen (aber auch auf seine deutliche Abgrenzung von Verschwörungstheorien). Dass der Autor eines Buchs mit dem Titel „Hotspot“ (nicht etwa „Heißfleck“ oder „engl. ‚heiße Stelle‘“, wie uns die oft in beinahe selbstparodistischer Weise sprachpuristische deutsche Wikipedia belehrt) von den sonst so wenig anglizismenaffinen Sprachweltlern mit einer solchen Nominierung bedacht wird, lässt sich wohl eher politisch erklären, was in der Begründung auch durchschimmert: Schließlich „vermeidet er Übertreibungen und Zuspitzungen und trägt damit zu einer Atmosphäre bei, in der angstfrei und sachlich diskutiert werden kann.“ Das lässt sich durchaus so lesen, dass Streeck weniger für seine geschliffene Sprache nominiert ist (was, wenn man sich manche seiner Talkshow-Auftritte ansieht, auch eher verwunderlich wäre) als vielmehr dafür, dass sich mit manchen seiner Aussagen eine pandemieverharmlosende Politik rechtfertigen lässt, wie sie in großen Teilen des rechten politischen Spektrums (aber natürlich nicht nur dort) gefordert wird, insbesondere eben auch von medialen Akteuren wie Reitschuster.

Die Wahl zum „Sprachwahrer des Jahres“, die zeitweise auch größere mediale Aufmerksamkeit fand (2011 etwa befand der Tagesspiegel offenbar völlig unironisch: „Großer Erfolg für Verkehrsminister – Ramsauer ist ‚Sprachwahrer des Jahres‘; aus heutiger Sicht freilich verständlich, da man eine solche Auszeichnung gewissen amtierenden Verkehrsministern durchaus als vergleichsweise großen Erfolg durchgehen lassen könnte), war natürlich immer schon eine politische, zum großen Teil jedoch eine sprachpolitische – ausgezeichnet wurden Persönlichkeiten und Institutionen, die sich gegen Fremdwörter und geschlechtergerechten Sprachgebrauch und/oder für den Gebrauch rassistischer Begriffe einsetzen. Bei den aktuellen Nominierten wirken die sprachbezogenen Begründungen mehr denn je wie ein Vorwand, worin sich einmal mehr der enge Zusammenhang zwischen Sprachideologien und politischer Ideologie zeigt. Die Nominierten decken einen großen Teil der Positionen ab, die für aktuelle rechtskonservative Strömungen charakteristisch sind: Eine Kabarettistin, die angeblich Opfer von „Cancel Culture“ wurde. Ein CSU-Abgeordneter, der für eine langjährige Forderung der Sprachkonservativen wirbt: eine Quote für deutschsprachige Musik im Radio. Ein Fitnessstudio-Betreiber, der allen eine kostenlose Mitgliedschaft anbot, die ihm ein Exemplar jener Soße mitbrachten, die damals in der WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ für Diskussionen sorgte. (Die Älteren unter uns erinnern sich: Das war jene Sendung, in der Thomas Gottschalk zu Protokoll gab, er habe einmal „Wetten, dass…“ moderiert und wisse daher genau, wie es sich anfühlt, Wolfgang Lippert zu sein. Oder so ähnlich.) Und eben Reitschuster und Streeck, die – der eine mehr, der andere weniger – symbolisch für eine Anti-Lockdown-Politik stehen. Als prominentes Sahnehäubchen sind außerdem noch Elon Musk und Prinz Charles dabei, weil sie bei ihren Deutschland-Besuchen ein paar Worte Deutsch gesprochen haben.

Während sich die “Sprachwelt” gern gegen den Vorwurf der Rechtslastigkeit verwahrt, tragen die aktuellen Nominierungen insgesamt also nicht unbedingt dazu bei, diesem Image entgegenzuwirken.

Auch wenn die Abstimmung für den „Sprachwahrer“ am 31. Januar endete, wurden die Gewinner übrigens noch nicht bekanntgegeben. Es bleibt also spannend…

Sorry, ich meinte natürlich: Es bleibt spannend …

Der Verein Deutsche Sprache: Ein Wolf im Sprachpelz

Dieser Beitrag ist auch als Gastbeitrag bei volksverpetzer.de erschienen.

Der Verein Deutsche Sprache e.V., kurz VDS, ist auf den ersten Blick ein harmloser Verein mit einem unterstützungswerten Ziel: der Wahrung und Pflege der deutschen Sprache. Daher wurde über seine Aktionen, etwa die jährliche Kür zum „Sprachpanscher des Jahres“, von den Medien lange recht unkritisch berichtet (z.B. 2019 und 2020 in der Welt, 2019 im Stern, 2018 bei ntv, um nur einige neuere Beispiele zu nennen). Die aktuelle Aktion „Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!“ mit inzwischen über 10.000 Unterzeichner*innen hat das Potential, den Verein einmal mehr in die Medien zu bringen.

Worum geht es? Der Duden überarbeitet sein Online-Wörterbuch: Statt bei weiblichen Personenbezeichnungen wie Ärztin auf die männliche Form zu verweisen, gibt es nun eigene Einträge. Ärztin wird definiert als „weibliche Person, die nach Medizinstudium und klinischer Ausbildung die staatliche Zulassung (Approbation) erhalten hat, Kranke zu behandeln“, Arzt entsprechend als „männliche Person“. Nun kann man auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht lange darüber diskutieren, ob die geschlechtergerechte Überarbeitung des Wörterbuchs in genau dieser Form eine gute Idee ist oder ob es bessere Alternativen gegeben hätte. Darum soll es hier nicht gehen, auch nicht um die aus linguistischer Perspektive einigermaßen haarsträubende Argumentation des „Aufrufs“, sondern um den VDS, der diesen Aufruf initiiert hat. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der Verein nämlich als Sprachrohr eines dumpfen Rechtspopulismus, weshalb ihm Stefan Niggemeier bereits 2016 eine gewisse „Pegidahaftigkeit“ attestiert hat.

Die Rechtspopulismus-Checkliste: 4/4 Punkten für den VDS

Wer sich nur wenige Minuten auf der Internetseite des Vereins umschaut, gerät in einen Sumpf aus Rassismus, Homo- und Transphobie sowie typischer rechtspopulistischer Argumentationsmuster. In einem kürzlich erschienenen Sammelband arbeitet eine Gruppe von Wissenschaftler*innen und Journalist*innen vier zentrale Themen rechtspopulistischer Agitation heraus und zeigt, wie diese Themenfelder von der Neuen Rechten in ganz Europa besetzt werden: Demokratie, Feminismus und Geschlechterrollen, Religion sowie Nationalismus/Rassismus. Ein Blick in die aktuelle Ausgabe der VDS-Zeitung „Sprachnachrichten“ genügt, um zu zeigen, wie der VDS diese rechtspopulistischen Narrative bedient (alle Zitate, soweit nicht anders angegeben, aus den „Sprachnachrichten“):

  • Demokratie: Der Rechtspopulismus bedient sich regelmäßig der Gegenüberstellung eines vermeintlich „wahren“ Volkes auf der einen Seite mit angeblichen „Eliten“ auf der anderen. Der VDS greift auf ähnliche Argumentationsmuster zurück, wenn etwa geschlechtergerechte Sprache als „politisch kuratierte Sprachlenkung“ seitens einer „Genderlobby“ bzw. „international­sozialistischen Schläger*innentrupps“ dargestellt wird oder Personenbezeichnungen wie „Mensch mit internationaler Geschichte“ mit Orwells „Neusprech“ in Verbindung gebracht werden. Bei den „Eliten“ dürfen natürlich die Medien nicht fehlen, insbesondere jene „aus dem öffentlich­rechtlich durchgefütterten Grünfunk“.
  • Feminismus/Gender: Die Neue Rechte hält an traditionellen Rollenbildern fest, zugleich inszenieren sich ihre Vertreter*innen aber auch als die „wahren“ Feminist*innen, etwa in der Abwehr vermeintlicher Bedrohungen, die ihrerseits zumeist rassistisch aufgeladen sind. Aber auch das „Gender Mainstreaming“ wird als Bedrohung empfunden. Auch der VDS bedient sich gern des Narrativs, mit seiner Ablehnung des Genderns eigentlich den „wahren“ Feminismus zu vertreten: „‚Geschlechtergerechte Sprache‘ ist frauendiskriminierend und ‑herabsetzend.“ Dabei muss man einräumen, dass diese Argumentation nicht nur von rechtspopulistischer Seite geführt werden kann – eine durchaus differenzierte Auseinandersetzung findet sich z.B. in einem Gastbeitrag von Nele Pollatschek im „Tagesspiegel“ (eine lesenswerte Gegenposition findet sich in diesem Twitter-Thread von Anatol Stefanowitsch). Im Falle des VDS allerdings ist diese Argumentation eingebettet in eine Rhetorik, die sich ganz im Sinne neurechter Ideologien gegen eine vermeintliche „Gender-Ideologie“ richtet. Bezeichnend ist beispielsweise, dass der VDS sich für seine „5 Thesen zur Gendersprache“ mit dem Verein Agens e.V. zusammengetan hat, der für „gelebte Ungleichheit“ zwischen Mann und Frau eintritt, der die Triade „Vater – Mutter – Kind“ gegen die aktuelle „Geschlechter- und Familienpolitik“ verteidigen möchte und der sich gegen eine angebliche „Frühsexualisierung“ von Kindern und die „Normalisierung“ unterschiedlicher sexueller Orientierungen einsetzt (Quelle). Diese Geisteshaltung schlägt sich auch im oben erwähnten Aufruf nieder, der dem Duden eine „problematische Zwangs-Sexualisierung“ der Sprache vorwirft.
  • Religion: Hier spielt die Neue Rechte bekanntlich gern das „christliche Abendland“ gegen den vermeintlich gefährlichen Islam aus. Auch hier muss man in den „Sprachnachrichten“ nicht lange suchen, um, wenig überraschend, in einem Artikel von Peter Hahne fündig zu werden, der kritisiert, dass die christliche Kirche mit „roter Ideologie und grünem Gutmenschentum“ austauschbar geworden sei: „Inzwischen brauchen wir keine ideologische Feministen­Religion mehr oder den aggressiven  Islam, um den letzten Rest von Christlichkeit aus dem Abendland zu verbannen. Kirche erledigt das von selbst!“
  • Nationalismus und Rassismus: „Sprachnationalismus“ hat in Deutschland eine lange Tradition, wie etwa Anja Stukenbrock in ihrer gleichnamigen Monographie gezeigt hat. In der aktuellen Ausgabe der „Sprachnachrichten“ zeigt er sich im Spagat zwischen einer romantisch-verklärenden Darstellung von Dialekten („Die Sprache meiner Kindheit“) einerseits und der Ablehnung von „Denglisch“ andererseits. Sprachpurismus, der sich in der Ablehnung von Fremdwörtern äußert, ist steter Begleiter des Sprachnationalismus. Die andere Seite der Medaille ist eine Art Sprachnostalgie, die einen längst nicht mehr aktuellen, vielleicht auch nie dagewesenen Sprachzustand verklärt, ähnlich wie gerade Konservative gern eine „gute alte Zeit“ heraufbeschwören, die es so nie gegeben hat. Das führt dann dazu, dass auch rassistische Sprache nicht als solche erkannt und benannt wird und der Verein hartnäckig Begriffe wie das M-Wort und das N-Wort verteidigt, deren rassistischer und diskriminierender Gehalt kaum mehr bestritten werden kann – außer natürlich von den „Sprachnachrichten“, die im M-Wort „Anerkennung, Respekt, oft Bewunderung“ erkennen wollen, natürlich illustriert mit dem äußerst zeitgemäßen Wappen der Stadt Coburg.

Wie unpolitisch ist Sprache?

Dies alles ist nicht neu. Beispielsweise hat der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, Henning Lobin, in mehreren Blogbeiträgen auf die problematischen Ideologien des VDS aufmerksam gemacht, zuletzt auch mit Blick auf Äußerungen des VDS zur angeblichen Ideologisierung des Duden-Rechtschreibwörterbuchs. Und auch in den Medien kommt der eher zweifelhafte Ruf des Vereins langsam an, spätestens seit die Kinderbuchautorin Kirsten Boie medienwirksam den Sprachpreis des VDS wegen der rechtspopulistischen Äußerungen seines Vorsitzenden Walter Krämer abgelehnt hat. Zuletzt hat sich auch Philipp Walulis in einem Video kritisch mit dem VDS auseinandergesetzt. Dennoch ist es wichtig, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass der auf den ersten Blick so harmlose Verein rechte bis rechtsextreme Ideologien bedient. Es ist deshalb wichtig, weil der Verein nach wie vor viele teils auch sehr prominente Unterstützer*innen hat – darunter auch solche, die rechter Ideologien eher unverdächtig sind: Zu seinen „bekannten Mitgliedern“ zählt er etwa Hape Kerkeling, und der Verein brüstet sich damit, dass der unter anderem für sein Engagement gegen Rechts bekannte ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse seinen Appell gegen „Genderverirrungen“ mitunterschrieben hat.

Das ist insofern wenig verwunderlich, als Sprache auf den ersten Blick unpolitisch ist. Daher gibt es beim VDS auch Mitglieder jedweder politischen Couleur: Ob den Mitgliedern der Arbeitsgruppen „Linke für gutes Deutsch“, „Bündnis 90/Die Grünen für gutes Deutsch“ und „SPD für gutes Deutsch“ klar ist, dass es auch eine Arbeitsgruppe „AfD für gutes Deutsch“ gibt? Zu den korporativen Mitgliedern gehören neben der, gelinde gesagt, rechtskonservativen Landsmannschaft Ostpreußen auch CDU-Ortsvereine und die Senioren-Union, ein SPD-Ortsverein sowie mehrere Städte und Landkreise, z.B. Harburg, Paderborn oder Rastatt.

Sprache ist aber nur auf den ersten Blick unpolitisch, und beim VDS wird sie beständig politisiert und ideologisiert, wie schon ein kurzer Blick auf den Internetauftritt zeigt. Hinter putzigen Spießigkeiten wie dem Browser-Plugin, das Binnen-Is und Gendersternchen filtert, oder dem „Anglizismenindex“, einem fast schon sympathisch dilettantisch formatierten PDF-Dokument, das deutsche Alternativen für Anglizismen vorschlägt (safer sex = „sichere Geschlechtslustgewinnung“), verbirgt sich eine sprachnationalistische Ideologie, die anschlussfähig ist für rechte bis rechtsextreme Narrative. Ungeachtet mancher Lippenbekenntnisse gelingt es dem VDS nicht nur nicht, sich von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit abzugrenzen, sondern er sucht gezielt den Schulterschluss mit hochproblematischen Gruppierungen wie dem oben erwähnten Verein Agens e.V.

Dass der Aufruf „Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!“ innerhalb weniger Tage schon über 10.000 Unterstützer*innen finden konnte, zeigt, dass die Thesen des VDS nach wie vor auf fruchtbaren Boden fallen, auch weil wahrscheinlich die meisten Unterzeichnenden sich nicht näher mit dem Verein und seinen Positionen auseinandergesetzt haben. Hinzu kommt: Auch wenn sich langsam herumspricht, dass der VDS kein allzu seriöser Verein ist, haben seine Mitglieder und Unterstützer*innen noch immer eine beträchtliche Reichweite. Viele der 100 Erstunterzeichner*innen des Aufrufs „Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!“ sind Personen des öffentlichen Lebens, darunter der Arzt und Autor Dietrich Grönemeyer, der schon erwähnte Peter Hahne und selbstverständlich auch Hobby-Literaturkritiker Dieter Nuhr. Immerhin sieben von ihnen geben als Beruf ernsthaft „Bestsellerautor“ an, übertroffen nur noch durch „Bestsellerautor (über 4 Mio. verkaufte Bücher)“ und „Bestsellerautor (Auflage 8 Mio.)“.

Es stellt sich daher die Frage: Wie geht man mit diesem Verein um? Wie bei anderen rechten Organisationen steht man auch hier vor dem Dilemma, dass man den Verein womöglich nur stärkt, wenn man ihm Aufmerksamkeit schenkt. Allerdings besteht gerade in diesem Bereich nach meinem Eindruck noch sehr viel Aufklärungspotential, eben weil Sprache auf den ersten Blick so unpolitisch ist und weil es nicht schwerfällt, den VDS zunächst als bieder-spießigen, aber harmlosen Altherrenverein wahrzunehmen. Bei vielen Mitgliedern darf bezweifelt werden, dass ihnen klar ist, was genau sie da unterstützen – umso wichtiger ist es, über die beim VDS quasi allgegenwärtigen rechtspopulistischen Tendenzen aufzuklären.

Strukturalismus und Anarchie: Zum Beitrag von Peter Eisenberg in der FAZ vom 8. Januar 2021

Mit zunehmender Schärfe wird derzeit eine Debatte geführt, die der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, Henning Lobin, als „Sprachkampf“ bezeichnet. Das mit Abstand am härtesten umkämpfte Feld stellt dabei der geschlechtergerechte Sprachgebrauch dar. Für die einen ist er inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden, die anderen sehen darin „Genderwahn“ oder „Gender-Unfug“. Beide Seiten werfen einander vor, ideologisch zu argumentieren. Auf der einen Seite werden insbesondere Morphemtrennzeichen wie Gender*Star und Gender_Gap als ideologisch motivierte Formen betrachtet, die von einer kleinen, aber lauten Minderheit gegen die Regeln der deutschen Grammatik und gegen die Gepflogenheiten des aktuellen Sprachgebrauchs durchgesetzt werden. Auf der anderen Seite wird die Verteidigung des sogenannte generischen Maskulinums, also der Annahme, dass eine Form wie liebe Leser sowohl Frauen als auch Männer einschließt, als ideologisch motiviert zurückgewiesen.

Am Beitrag von Peter Eisenberg [Paywall] in der FAZ lassen sich die Frontlinien, entlang derer der „Sprachkampf“ um geschlechterinklusiven Sprachgebrauch verläuft, gut nachzeichnen. Im Folgenden will ich zunächst auf Eisenbergs Argumentationsstrategie eingehen, um dann die Diskussion sprachwissenschaftlich und sprachpolitisch einzuordnen. Dabei plädiere ich dafür, sprachwissenschaftliche und sprachpolitische Argumente klar zu trennen und eine Reihe unterschiedlicher Aspekte, die beispielsweise bei Eisenberg, aber auch in vielen anderen Beiträgen zusammen diskutiert werden, voneinander zu entkoppeln, um eine differenziertere Diskussion zu ermöglichen.

Eisenbergs Unschärfe

Eisenberg nutzt in seinem Artikel zunächst mehrere Delegitimationsstrategien, um Befürworterinnen und Befürwortern gendergerechter Sprache den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dabei bezieht er sich zunächst auf zwei aktuelle Einlassungen zum Thema: zum einen die Initiative der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGfS), ihre Satzung geschlechterinklusiv umzuformulieren. Die Initiative dafür ging per Mehrheitsbeschluss von der Mitgliederversammlung bei der DGfS in Hamburg aus. Zum anderen bezieht er sich auf einen Leserbrief in der Zeitschrift „Forschung & Lehre“, der von mir initiiert und federführend verfasst wurde und der von über 200 Kolleginnen und Kollegen mitgezeichnet wurde. Der Leserbrief kritisiert wissenschaftlich problematische Ausführungen in einem Beitrag von Helmut Glück, wird aber weithin als Plädoyer fürs Gendern verstanden. Eisenberg schreibt, beide Initiativen seien „anonym“. Im Fall des Leserbriefs ist die Urheberschaft einigermaßen klar erkennbar, doch spielt das in beiden Fällen keine große Rolle, da im Fall der DGfS die Mehrheit der Mitgliederversammlung entschieden hat und es beim Leserbrief vorrangig um wissenschaftliche Argumente geht, die immerhin eine dreistellige Anzahl namentlich genannter deutschsprachiger Linguistinnen und Linguisten mitträgt. Schwerer wiegt aber Eisenbergs eigentlicher Vorwurf:

„Unbezweifelbar ist allerdings, dass beide Initiativen darauf hinauslaufen, den Gegenstand der Sprachwissenschaft zu desavouieren. Seine Bedeutung für die Disziplin als empirische Wissenschaft – das ist die Sprache und nur die Sprache – wird negiert. Ihr wird buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen. Denn wo bleibt eine Disziplin, die ihren Gegenstand erst einmal politisch zurichtet, statt ihn zu bearbeiten, wie er ist?“

Eisenberg benutzt hier ein sehr effektives rhetorisches Mittel, indem er seine Position als „unbezweifelbar“ darstellt und seine Kernaussage, dass eine Sprachwissenschaft, die sich für gschlechterinklusiven Sprachgebrauch ausspricht, ihren Gegenstand politisch verfälsche, nicht als Behauptung, sondern mittels einer rhetorischen Frage als Präsupposition formuliert. Präsuppositionen – also das, was die Sprecherin oder der Sprecher als gegeben annimmt – sind nicht unmittelbar negierbar, wie beispielsweise Chris Cummins anhand eines schönen Beispiels zeigt: „Na, wie läuft dein Drogenkartell?“ Der oder die Angesprochene kann die Präsupposition nicht unmittelbar verneinen, sondern kann lediglich z.B. mit „Moment mal, ich habe gar kein Drogenkartell“ reagieren, weshalb der sog. wait-a-minute-Test in der Pragmatik auch als wichtiges Kriterium für die Identifikation von Präsuppositionen gilt.

Tatsächlich ist Eisenbergs Argument aber sehr wohl bezweifelbar, denn er vermischt einiges. Erstens vermischt er Sprachwissenschaft und Sprachpolitik. Wenn die DGfS beschließt, in ihrer Satzung auf das generische Maskulinum zu verzichten, dann ist das eine sprachpolitische Entscheidung. Wenn der Leserbrief zu Helmut Glück dessen Argumente widerlegt, dann geschieht das auf sprachwissenschaftlicher Ebene, ohne dass damit zwangsläufig eine sprachpolitische Absicht verbunden sein muss.

Beides muss aber sorgfältig getrennt werden, auch wenn es nicht immer ohne weiteres zu trennen ist. Häufig wurde schon auf das Grundproblem der Sprachwissenschaft hingewiesen, dass wir mit Sprache über Sprache reden. Wenn ich in diesem Text gendere, indem ich männliche und weibliche Personenbezeichnungen verwende, dann positioniere ich mich (sprach)politisch als Befürworter der Sichtbarmachung von Geschlechterdiversität. Gleichzeitig jedoch erkenne ich aus sprachwissenschaftlicher Perspektive an, also aus der Perspektive der empirischen Beschreibung des Sprachgebrauchs, dass maskuline Personenbezeichnungen häufig de facto geschlechterübergreifend verwendet – und sicherlich in den allermeisten Fällen auch so verstanden werden. Allerdings weiß ich auch, dass die maskuline Form männliche Vorstellungen sehr viel prominenter macht – auch das eine sprachwissenschaftliche Perspektive. Das ändert zunächst einmal nichts am Gebrauch, aber sprachpolitisch kann ich daraus wiederum die Konsequenz ziehen, das Anliegen zu befürworten, andere Geschlechter in der Sprache sichtbarer zu machen.

Die Verabsolutierung des Sprachsystems

Die scheinbaren Selbstverständlichkeiten, die Eisenberg im obigen Zitat formuliert, sind also keine, und das gilt auch und gerade für das scheinbar Selbstverständlichste, was er äußert: dass nämlich „die Sprache und nur die Sprache“ Gegenstand der Sprachwissenschaft sei. Erstens existiert Sprache nicht im luftleeren Raum. Längst sind Teildisziplinen wie Soziolinguistik und interaktionale Linguistik etabliert, die untersuchen, wie Sprache etwa mit gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen interagiert. Zweitens gibt es keinen wirklichen Konsens darüber, was Sprache eigentlich ist. Wir haben zwar ein gewisses Alltagsverständnis dafür, und in der Linguistik mangelt es nicht an Definitionen, die mal enger, mal weiter ausfallen – aber wenn wir pragmatische Phänomene wie die oben genannte Präsupposition oder auch die Implikatur (Es zieht, womit ich signalisiere: ‚Schließ bitte das Fenster!‘) als Beispiel heranziehen, lässt sich trefflich darüber streiten, ob es sich hier um sprachliche Phänomene im engeren Sinne handelt.

Dass Eisenberg ein relativ festes Bild von Sprache zu haben scheint, lässt sich mit seiner strukturalistischen Orientierung begründen, die sich etwa in der expliziten Berufung auf Jakobson zeigt. Er betont stark die Systemhaftigkeit von Sprache, wie auch in anderen Beiträgen – etwa dem von Helmut Glück in „Forschung & Lehre“ – immer wieder das „Sprachsystem“ zitiert wird. Nun sind die Annahme eines Sprachsystems und die strukturalistischen Methoden zu ihrer Beschreibung zweifelsohne Meilensteine der deskriptiven Linguistik. Aber die Markiertheitstheorie, auf die er sich – wie Glück – beruft, ist keineswegs so unumstritten, wie es sein Beitrag glauben macht. Zudem begeht er auch hier den Fehler, zwei Dinge zu vermischen: nämlich den Untersuchungsgegenstand mit seiner Beschreibung. Wie alle linguistischen Theorien leitet die Markiertheitstheorie bestimmte Generalisierungen aus Beobachtungen ab, aber ebenfalls wie bei allen Theorien handelt es sich dabei nicht um Fakten, sondern um Interpretationen der beobachteten Daten. Schon deshalb kann die Berufung auf die Markiertheitstheorie nur bedingt überzeugen, und es irreführend, ihre Annahmen als unumstößliche Fakten zu präsentieren („Wir wissen gut über die Markiertheitsverhältnisse auch in der Morphologie und in der Syntax unserer Sprache Bescheid“). Zudem macht er aus der erklärenden Theorie ein ehernes Prinzip, deutet also eine deskriptive Theorie – zumindest auf den ersten Blick – präskriptiv um.

Dabei ist mir natürlich klar, dass Eisenbergs Argumentation eigentlich komplexer ist. Sie läuft darauf hinaus, dass die diversen Spielarten des Genderns gegen den Sprachgebrauch durchgesetzt werden sollen – für Funktionen, für die im aktuellen Sprachgebrauch eigentlich das generische Maskulinum üblich ist.

Auch diese Argumentation vermischt jedoch einiges. Versuchen wir also auch hier wieder zu differenzieren. Erstens müssen wir die Frage, ob das generische Maskulinum genusübergreifend ist oder nicht, von der Frage trennen, ob Gendern sinnvoll sein kann oder nicht. Das mag widersinnig klingen, weil ja auf den ersten Blick beides zusammenhängt: Wenn es ein generisches Maskulinum gibt, brauchen wir das Gendern nicht. Doch die Sache ist komplexer. Zunächst einmal ist sie deshalb komplexer, weil wir, wie oben schon ausgeführt, sprachwissenschaftliche und sprachpolitische Aspekte trennen sollen. Gendern ist zunächst einmal sprachpolitisch, die Frage nach der genusübergreifenden Semantik maskuliner Formen ist dagegen eine sprachwissenschaftliche, und sie lässt sich, wie oben schon angedeutet, aus unterschiedlichen Perspektiven beantworten. Eine davon ist die psycholinguistische, die untersucht, wie maskuline Formen tatsächlich verstanden werden, wobei wiederholt gezeigt wurde, dass generisch intendierte maskuline Formen doch eher männliche Konzeptualisierungen hervorrufen. Diese Studien sind zwangsläufig sehr vereinfachend, und in früheren Beiträgen hat beispielsweise Eisenberg daran auch durchaus differenzierte Kritik geübt. Bei allen Problemen, die diese Studien haben, zeigen sie aber doch deutlich, dass männliche Konzeptualisierungen deutlich dominant sind – was natürlich weder heißt, dass Sätze wie Von den fünf Ärzten waren drei schwanger nicht im intendierten Sinne verstanden würden, noch, dass maskuline Personenbezeichnungen in allen Kontexten und allen Spezifizitätsgraden ausschließlich männlich verstanden werden. Eine zweite mögliche Perspektive ist nun eine strukturalistisch orientierte, in der, stark vereinfacht gesagt, ein Sprachsystem aus dem Sprachgebrauch herausgearbeitet wird – ungrammatische Äußerungen können dann gerade aufgrund ihrer Inkompatibilität mit dem Sprachsystem ungrammatisch sein. Im Grunde laufen die allermeisten Sprachtheorien auf eine Variante dieses Vorgehens hinaus. Allerdings setzt Eisenberg nun dieses Sprachsystem absolut. Nicht in dem Sinne, dass er es für unveränderlich halten würde – ihm ist selbstverständlich klar, dass Sprache sich wandelt. Aber gerade in seiner Argumentation zum Sprachwandel zeigt sich diese Absolutsetzung des Sprachsystems:

„Das Deutsche tut genau das [sich wandeln, S.H.] seit mehr als tausend Jahren, aber eben nicht nach dem Willen sprachunkundiger Herrinnen, die meinen, sie wären Träger gesellschaftlicher Veränderungen und wüssten es deshalb besser als eine tausendjährige Sprachgeschichte.“

Eisenberg hat natürlich völlig Recht, dass Sprachwandel insofern ein hochdemokratischer Prozess ist, als sich nur das durchsetzen kann, was eine große Mehrheit letztlich benutzt. Allerdings ist Sprache nicht in dem Sinne demokratisch, dass sich die Sprachgemeinschaft auf ein Sprachsystem einigt, an das sich dann alle verbindlich halten müssen. In der Sprache gibt immer auch etwas Anarchie. Sprachaktivist*innen nutzen die inhärente Flexibilität aus, die Sprache hat und die sich im Sprachwandel zeigt. Während Sprachwandel – da ist Eisenberg Recht zu geben – zumeist unbewusst und unbemerkt über lange Zeiträume vonstatten geht, sind Eingriffe, die von sprachaktivistischer Seite vorgenommen werden, deutlich auffälliger und sichtbarer. Deshalb erscheinen sie selbstverständlich zunächst ungrammatisch. Ich erinnere mich gut, wie ungewohnt für mich zu Beginn des Studiums die Partizipialform Studierende war, die ich heute täglich benutze. Das Partizip zählt zu den Formen, die neben dem Genderstern am stärksten die Gemüter von Kritikerinnen und Kritikern erhitzen. Eisenberg breitet allerdings nicht nur die altbekannten semantischen Argumente dagegen aus, sondern ein sprachgebrauchsbasiertes Argument. Im Leserbrief an Forschung & Lehre, wo diese Form kurz thematisiert wurde, bleibe ungesagt,

„dass der übergeordnete Zweck der Ersetzung [von z.B. Zuhörer durch Zuhörende, S.H.] darin besteht, das Nomen Agentis auf er verschwinden zu lassen, es durch partizipiale Substantive zu ersetzen. Und diese Aktion ist alles andere als eine Kleinigkeit. […] Das Partizip I selbst ist hochproduktiv, es kann mit beinahe sämtlichen Infinitiven gebildet werden. Dass es so wenige Substantivierungen gibt, liegt nicht an fehlender Basis, sondern an einer Hemmung, diese zu substantivieren. Die Hemmung wird von der Genderlinguistik nicht respektiert; sie wird übergangen, und wir erhalten Wörter, die grammatisch möglich, in vielen Fällen aber sprachlich unangemessen sind. Berüchtigte Fälle dieser Art sind etwa Einwohnender, Zu-Fuß-Gehender, Nichtglaubender, Lkw-Fahrender, Migrierender, Präsidierender, Lieferierender und viele andere.“

Der Gedanke, der diesen Ausführungen zugrundeliegt, ist durchaus richtig: Die Formen sind auffällig und zunächst kontraintuitiv, was schlicht an ihrer (noch) sehr geringen Frequenz liegt. Dass die Nutzung solcher Formen auf einen gezielten Umbau des Sprachsystems abziele, ist allenfalls ansatzweise richtig. Zum einen dürfte nur den wenigsten daran gelegen sein, Nomina agentis auf -er völlig zu vermeiden – gerade beim Bezug auf konkrete Einzelpersonen bringt es wenig, von einem Lesenden zu sprechen, der ja grammatisch nicht weniger maskulin ist als der Leser (ob das substantivierte Partizip semantisch weniger geschlechtsspezifisch interpretiert wird, wäre eine spannende Frage). Das Partizip stellt also v.a. bei Pluralformen eine Strategie dar, die alleinige Nennung maskuliner Formen oder unökonomische bzw. schwerer zu lesende Beidnennungen bzw. Varianten mit Morphemtrennzeichen zu vermeiden, ohne dass damit eine flächendeckende Ersetzung der Nomina agentis auf -er einherginge. Zum anderen setzen Eisenbergs Ausführungen wiederum das (aktuelle) Sprachsystem absolut. Es ist natürlich richtig, dass hier eine eher weniger produktive Form in einer für die meisten Sprachnutzenden eher unüblichen Funktion verwendet wird, weshalb auch Formen wie Sprachnutzende zunächst ungrammatisch scheinen mögen. Das ist aber eine Frage der Gewohnheit: Im akademischen Kontext ist Studierende nach meinem Empfinden inzwischen ähnlich lexikalisiert wie Vorsitzende/r – was in diesem konkreten Fall tatsächlich zur Folge hat, dass man Studierende/r häufiger auch im Singular hört. Sollte sich die Nutzung substantivierter Partizipien flächendeckend durchsetzen, ist Eisenbergs Szenario einer mittelfristigen Ersetzung der er-Bildungen mithin nicht völlig unrealistisch. Es würde sich dabei aber, anders als von Eisenberg dargestellt, nicht um einen zielgerichteten Prozess handeln, sondern um eine allmähliche Verschiebung der Sprachgewohnheiten, also einen typischen, nicht absichtsvoll gesteuerten Sprachwandelprozess. Sollte es dazu kommen, ist auch nicht auszuschließen, dass sich die Funktion des (substantivierten) Partizips dauerhaft ändert. Eisenbergs Argument, dass dies die Ausdrucksfähigkeit der Sprache schwächen würde, ist aber nur oberflächlich überzeugend: Sprache findet immer einen Weg, das auszudrücken, was Sprecherinnen und Sprecher ausdrücken möchten. So hatte das Indogermanische ein viel differenzierteres Kasussystem als beispielsweise das Deutsche, aber auch wenn wir z.B. keinen Lokativ mehr haben, können wir doch zum Ausdruck bringen, wo sich etwas befindet.

Im obigen Zitat und in seinem ganzen Beitrag bedient Eisenberg das häufig anzutreffende Narrativ, dass geschlechtergerechter Sprachgebrauch von Gruppen durchgesetzt wird, die teilweise nicht benannt werden, teilweise falsch (Eisenberg nennt mehrfach „die Genderlinguistik“, worunter man aber die wissenschaftliche Erforschung des Verhältnisses von Sprache und Geschlecht versteht, ohne aber, anders als die feministische Linguistik, sprachpolitisch Position zu beziehen, auch wenn sicherlich viele ihrer Vertreter*innen das tun – aber auch hier sollten wir Sprachwissenschaft und Sprachpolitik trennen). Diese Durchsetzung wird dabei als stark präskriptives Unterfangen dargestellt: „Die Anhänger des sprachlichen Genderns wollen uns Vorschriften machen“. Es kann nicht oft genug betont werden, dass das nicht stimmt. Es wäre allerdings zu einfach, die Tatsache, dass dieser Eindruck weit verbreitet ist, nur auf Beiträge wie jenen von Eisenberg sowie die oft verkürzte und von Kampfbegriffen wie „Gender-Gaga“ geprägte Berichterstattung in den Medien zurückzuführen. Das trägt sicherlich einen Teil dazu bei. Ein kürzlich erschienenes Video von Philipp Walulis bietet eine recht treffende Analyse der auf – in seinen Worten – „Eskalation“ ausgerichteten medialen Darstellung, liefert aber in Teilen auch Anschauungsmaterial dafür, dass teilweise auch die Befürworterinnen und Befürworter des Genderns nicht ganz unschuldig daran sein mögen, dass offenbar in Teilen der Bevölkerung das Gefühl herrscht, dass hier eine „Sprachpolizei“ ihr Unwesen treibe: Zu Beginn der Sendung wird zwar zu Recht beklagt, dass Medien zu wenig an Argumentaustausch und mehr an Krawall interessiert seien, allerdings macht das Video dann den Fehler, dass es die Zustimmung zum Gendern bereits voraussetzt (Stichwort: Präsupposition), ohne seine Sinnhaftigkeit wirklich erklärt zu haben. Angesichts der Zielgruppe, die Walulis anspricht, macht das auch Sinn, da es überwiegend Personen sein dürften, die sich schon mit der Frage geschlechtergerechter Sprache auseinandergesetzt haben und sie befürworten. Allerdings begibt er sich so in Gefahr, selbst mit an der „Eskalationsspirale“ zu drehen, die er beklagt, da sein Beitrag die Argumente der eigenen Echokammer teils bestätigt, teils präsupponiert.

Da seine Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen läuft, liefert ein solches Video natürlich zudem Futter für die Ansicht, dass gerade die öffentlich-rechtlichen Medien auf eine politisch gewollte „Umerziehung“ der Bevölkerung hinarbeiteten. So unbegründet diese Ansicht auch sein mag, da sie zielgerichtetes, koordiniertes Handeln unterstellt, wäre es fatal, sich nicht zu fragen, woher dieser Eindruck kommt, den es ja auch in anderen Bereichen gibt – man denke an den seinerzeit vieldiskutierten „Welt“-Text von Alexander Dobrindt, in dem er die „konservative Revolution“ ausrief und der 68er-Generation vorwarf, einen „ideologische[n] Feldzug gegen das Bürgertum“ zu führen, „mit dem Ziel der Umerziehung der bürgerlichen Mitte“. Hier ist nun tatsächlich festzustellen, dass geschlechtergerechter Sprachgebrauch vor allem im akademischen Bereich, in der Politik und in den Medien anzutreffen ist, also in den Bereichen, die man mit einem problematischen, weil meist populistisch gebrauchten Begriff als „Eliten“ bezeichnen könnte. Wenn nun Zuschauer und Leserinnen alltäglich mit Formen konfrontiert werden, die – gerade wenn sie so auffällig sind wie das Gendersternchen oder die Sprechpause – ihren eigenen Sprachgewohnheiten widersprechen, liegt der Eindruck nahe, dass hier sprachliche Eingriffe „von oben“ durchgesetzt werden sollen, zumal ja gerade Medien klassischerweise als Norminstanzen für „richtiges und gutes Deutsch“ gelten. Auch Handlungsempfehlungen wie diejenigen der Bundeskonferenz der Frauenbeauftragten (Bukof), gegen die sich Helmut Glücks Beitrag in Forschung & Lehre richtete, können unschwer als verbindliche Richtlinien (miss-)verstanden werden. Doch wenngleich die gerade in jüngster Zeit verstärkte Nutzung des Genderns als eine Art konzertierte Aktion wahrgenommen werden kann, ist sie das nicht. Es ist allenfalls eine „Verschwörung“ in dem Sinne, wie das englische Wort conspire bisweilen im übertragenen Sinne verwendet wird, wenn damit gemeint ist, dass unterschiedliche Faktoren zusammenwirken, ohne das sie zwangsläufig, wie bei einer klassischen Verschwörung, bewusst zusammenarbeiten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Gewiss sind die vielen Moderatorinnen und Moderatoren, die jetzt in Wörtern wie Moderator*innen den Glottisschlag nutzen, nicht unabhängig voneinander zu dieser Entscheidung gekommen, sondern durchaus voneinander beeinflusst und inspiriert, aber trotzdem ist jeder und jede von ihnen selbst zu der  Entscheidung gekommen, dieses Mittel zu nutzen (oder in manchen Fällen vielleicht auch die Redaktion).

Die Medienschaffenden stehen vor einem ähnlichen Problem wie die Sprachwissenschaftler*innen: Da Sprache ihr Werkzeug ist, müssen sie sich für eine Variante entscheiden. Sie können entweder beim generischen Maskulinum bleiben oder in irgendeiner Art und Weise gendern – wobei das nicht zwangsläufig eine Ganz-oder-gar-nicht-Entscheidung sein muss, dazu gleich mehr. Dass sich viele aus guten Gründen und aus persönlicher Überzeugung fürs Gendern entscheiden, kann zwar in der Wahrnehmung problematisch sein, allerdings kann das kaum ein Grund sein, es ihnen zu verbieten.

Gendern ist nicht gleich Gendern

Kommen wir noch einmal auf Eisenbergs gebrauchsbasiertes Argument zurück. Wir haben gesehen, dass wir erstens die Frage, ob das generische Maskulinum genusübergreifend ist oder nicht, von der Frage trennen müssen, ob Gendern sinnvoll sein kann oder nicht. Wer schon die ganze Zeit auf ein „Zweitens“ gewartet hat, kommt nun zum Zug: Zweitens dürfen wir nämlich nicht den Fehler machen, „Gendern“ mit bestimmten Umsetzungsvarianten gleichzusetzen, also etwa mit dem Genderstern. Gendern kann auch durch Beidnennung geschehen, und streng genommen kann man auch eine Fußnote, die darauf hinweist, dass maskuline Formen für beide Geschlechter gebraucht werden, im weitesten Sinne als eine Form des Genderns betrachten. Von sprachpuristischer und sprachkritischer Seite wird jedoch „Gendern“ häufig mit den auffälligsten Varianten, insbesondere Genderstern und Partizipialformen, gleichgesetzt, und auch bei Eisenberg entsteht den Eindruck, dass es nur die Alternativen „generisches Maskulinum“ vs. „Genderstern und Partizip“ gebe. Tatsächlich gibt es aber auch Alternativen wie Beidnennung (Lehrerinnen und Lehrer) oder die – übrigens auch von den amtlichen Rechtschreibregeln gedeckte – Schrägstrichschreibung (Lehrer/innen oder Lehrer/-innen).

Dass Gendern häufig mit den auffälligsten Varianten assoziiert wird, ist aus den oben diskutierten Gründen wenig überraschend, da die genutzten Formen besonders salient sind. Sie werden teilweise auch von Befürworterinnen und Befürwortern geschlechtergerechten Sprachgebrauchs kritisiert, etwa von Kotthoff (2020), die Asterisk und Unterstrich als in-group-Marker, als „Zugehörigkeitszeichen“, sieht:

„Mit den ausdrücklichen Plädoyers für dynamische oder an Morphemgrenzen eingesetzte Unterstriche  und  Sternchen statt  anderer  Möglichkeiten  der  Neutralisierung  oder punktuellen Beidnennungen in Personenreferenzen geht es nicht mehr primär um ein Unterlaufen maskulin dominierter Vorstellungen durch die Referenz, sondern auch um eine moralische Aufladung von Texten, die in der „in-group“ erkannt werden kann, welche sich an entsprechenden Metadiskursen beteiligt.“

Hauptmotivation für die Nutzung von Gender-Stern, Gender-Gap usw. ist bekanntlich der Wunsch, Geschlechterdiversität sichtbar zu machen und dabei ein binäres Geschlechterverständnis zu überwinden, sodass auch intersexuelle Personen eindeutig mitgemeint sind. Für und gegen eine solche Praxis gibt es viele Argumente. Kotthoff (2020) wendet etwa ein, dass „oftmals auf solche Gruppen so referiert wird, denen keine nichtbinäre  Person angehört“, z.B. die Ministerpräsident*innen; hiergegen lässt sich jedoch einwenden, dass der konsequente Einbezug nicht-binärer Geschlechterrollen zur Normalisierung eines nicht-binären Geschlechterverständnisses beitragen kann, ähnlich wie etwa die verbreitete Praxis, dass binäre Personen in sozialen Medien ihre (englischen) Pronomina he/him bzw. she/her nennen, um damit nicht-binären Pronomina, insbesondere they/them, den Status als „Sonderpronomina“ zu nehmen. Vor diesem Hintergrund ist Kotthoffs argument, dass die Gruppe nicht-binärer Personen im deutschen Sprachraum zahlenmäßig sehr klein sei, eher ein Argument für als gegen die Nutzung solcher dezidiert nicht-binärer Zeichen.

Hier sind wir natürlich wieder auf der sprachpolitischen Ebene unterwegs. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht lässt sich nun freilich fragen, ob Zeichen wie Gender-Stern, Gender-Gap usw. wirklich ausdrücken, was sie ausdrücken sollen. Eisenberg verneint dies von vornherein und geht davon, dass „all die Zeichen sprachlich dasselbe leisten, nämlich nichts.“ Kotthoff (2020) verweist auf eine Pilotstudie von Schätzle (2019), die zeigt, „dass selbst von Personen mit akademischem Hintergrund nur die Hälfte den neuen Graphemen Unterstrich und Asterisk eine konkrete Funktion zuordnen kann“. Psycholinguistische Studien zur Wahrnehmung der Zeichen stehen m.W. noch aus – zu erwarten wäre, dass auch sie sehr gemischte Ergebnisse bringen, auch abhängig von unterschiedlichen soziodemographischen Kontexten. Den Zeichen Bedeutung abzusprechen, greift jedoch auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht zu kurz, gerade wenn man im Sinne aktueller linguistischer Theorien die These vertritt, dass Bedeutung in der Interaktion von den Gesprächsbeteiligten „ko-konstruiert“ wird. Dass Gender-Stern und Gender-Gap eine intendierte Bedeutung haben, versteht sich von selbst, und offensichtlich werden die Zeichen zumindest von einem nicht unerheblichen Teil der Adressatinnen und Adressaten verstanden. Kotthoffs Argument, dass die Zeichen quasi in-group-Marker für Gruppen sind, die mit den entsprechenden Diskursen vertraut sind, ist allerdings durchaus bedenkenswert.

Das spricht auf sprachpolitischer Ebene allerdings nicht unbedingt gegen eine Verwendung der Zeichen, sondern eher für eine breitere Sensibilisierung für die Motivationen hinter geschlechtergerechtem Sprachgebrauch, einschließlich einer kontroversen Diskussion der Argumente für und gegen verschiedene Umsetzungsvarianten. Dabei ist es jedoch zentral, a) sprachwissenschaftliche von sprachpolitischen Argumenten zu trennen, soweit das möglich ist, und b) „Gendern“ nicht verkürzt mit bestimmten Praktiken des geschlechtergerechten Sprachgebrauchs gleichzusetzen.

Eisenbergs Argumentation vermischt diese Aspekte in weiten Teilen und bleibt dadurch unscharf. Überzeugungskraft entfaltet der Text, wie eingangs gezeigt, vor allem durch rhetorische Kniffe. Einen davon, Eisenbergs Berufung auf sein „lebenslange[s] Engagement für Gleichberechtigung und sogar Gleichstellung von Frauen und sexuell besonders orientierten Personen“, will ich nicht einmal als solchen sehen, sondern gehe davon aus, dass er durchaus ehrlich gemeint ist, auch wenn mir nicht ganz klar ist, was eine sexuell „besondere“ Orientierung ausmacht. Eisenbergs Engagement für Gleichstellung soll hier auch ebenso wenig in Zweifel gezogen werden wie seine zweifellos beträchtlichen Verdienste für die germanistische Linguistik, was analog übrigens auch für Helmut Glück gilt. Sowohl der Leserbrief zu Glücks Beitrag als auch dieser Text beziehen sich ausschließlich auf ihre Argumentation, die aus meiner Sicht auf eine Reihe von Fehlannahmen aufbaut, insbesondere auf der Verabsolutierung eines „Sprachsystems“, die deskriptive Generalisierungen zu präskriptiven Maximen umdeutet. Den Vorwurf, „Vorschriften“ machen zu wollen, müssen die Vertreterinnen und Vertreter geschlechterinklusiven Sprachgebrauchs daher an Eisenberg zurückgeben.

Ein weiteres rhetorisches Mittel, dessen sich Eisenberg bedient, sind Überzeichnungen, die teilweise nicht einmal als solche gekennzeichnet sind. So perpetuiert er die urban legend, dass an der Universität Leipzig flächendeckend das generische Femininum eingeführt worden sei (das eigentlich nur in ihrer Grundordnung verwendet wurde): „Wenn etwa die Präsidentin der Universität Leipzig Anreden wie Herr Professorin einführt“ – das irreführende Beispiel Herr Professorin findet sich zugegebenermaßen auch anderswo in den Medien, etwa im soeben verlinkten Deutschlandfunk-Beitrag, womit wir wieder bei der oben erwähnten Eskalationsspirale wären.

Mit diesem Beitrag habe ich versucht, Eisenbergs Argumente zu widerlegen und gleichzeitig ein wenig zur Versachlichung der Debatte beizutragen. Ob mir das gelungen ist, kann ich nicht beurteilen, hoffe aber, auch denjenigen, die Eisenbergs Argumenten prinzipiell zustimmen würden, einige Denkanstöße gegeben zu haben.

Die Zerstörung der deutschen Sprache

Das ist ein Transkript meines Videos “Die Zerstörung der deutschen Sprache”:

Wer sich mit dem Youtube-Sprachgebrauch einigermaßen auskennt, weiß natürlich, dass mit “Zerstörung” keine Zerstörung im wörtlichen Sinn gemeint ist. Es geht mir nicht darum, eine Sprache auszulöschen – glücklicherweise wäre ich dazu auch gar nicht in der Lage. Es geht mir vielmehr darum, die Art und Weise zu hinterfragen, wie wir häufig über Sprache nachdenken. Denn es gibt eine auffällige Diskrepanz zwischen der Art und Weise, wie Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler Sprache konzeptualisieren, und der Art und Weise, wie sogenannte Laien über Sprache nachdenken – obwohl es natürlich streng genommen in der Sprache keine Laien gibt, denn wir alle sind in gewisser Weise Sprachexperten, weil wir mindestens eine Sprache sprechen und intuitiv sehr viel mehr über diese Sprache wissen, als uns vielleicht bewusst ist. Und trotzdem ist unser Denken über Sprache oft von Fehlannahmen geprägt, und das führt dann dazu, dass wir in gesellschaftlich relevanten Debatten, die mit Sprache zu tun haben, Argumente benutzen, die nichts mit Sprache zu tun haben – oder zumindest nicht sprachwissenschaftlich fundiert sind. In diesem Video möchte ich das an drei Beispielen klarmachen, die besonders emotional diskutiert werden: 1. Anglizismen, 2. “Falsche” Ausdrucksvarianten, 3. Geschlechtergerechte Sprache.

Anglizismen

Anglizismen. Wer kennt sie nicht, die Klagen über die angeblich überhandnehmenden Entlehnungen aus dem Englischen? Gerade in der Corona-Pandemie gab es da ja einige: Shutdown, lockdown, social distancing, home office und viele mehr. Eine solche Anglizismenflut hätte vermutlich in normalen Zeiten zu heftigen Debatten in den deutschen Feuilletons geführt – so aber wurden die Begriffe relativ widerstandslos und ohne großen Aufschrei ins Deutsche übernommen. Nur der Verein Deutsche Sprache, der uns in diesem Video noch öfter beschäftigen wird, hält noch wacker die Stellung. 2020 verlieh er den großen deutschen Nachrichtensendungen Tagesschau und heute den Negativpreis “Sprachpanscher des Jahres” mit der Begründung: In Zeiten von Corona haben die Nachrichten-Flaggschiffe Wörter wie Lockdown, Homeschooling, Social Distancing, Homeoffice usw. nicht hinterfragt, sondern einfach übernommen. „Diese Anglizismen zeigen, wie wenig Interesse Tagesschau und heute-Nachrichten haben, die Menschen in ihrer eigenen Muttersprache zu informieren. Die Devise ist: Nachplappern statt sinnvolle Übersetzungen finden, die alle verstehen”.

Der Ablehnung von Anglizismen liegt die erste Fehlkonzeption zugrunde, auf die ich eingehen möchte. Sprache wird als statisches und mehr oder weniger geschlossenes System betrachtet. Das macht auch Sinn, denn genau so lernen wir Sprache ja meistens in der Schule: Es gibt Richtig und Falsch, etwas ist entweder Deutsch oder Englisch oder Französisch, und es gibt klare, feststehende Regeln, an denen wir uns orientieren. Das Bedürfnis nach solchen Regeln ist groß, wie man beispielsweise aus Erfahrungsberichten von Sprachberatungsstellen weiß. Aber es speist sich eben auch aus dieser Konzeptualisierung von Sprache als einem statischen, geschlossenen System.

Nun wissen wir aber auch: Sprache ist dynamisch. Sprache ändert sich ständig, und zwar auf allen Ebenen. Unter anderem unterliegt das lexikalische Inventar einer Sprache natürlich Veränderungen. Viele von uns haben im letzten Jahr Wörter gelernt, die vorher allenfalls Fachleuten geläufig waren: Eintragung, Infektionsgeschehen, Maskenpflicht… Und eben auch Lockdown oder Homeschooling. Über das Wort “Lockdown” gab es auch immer mal wieder Debatten, und diese Debatten zeigen, dass es zu einfach wäre, zu sagen, dass es sich hier um ein englisches Wort handelt, das man mangels einer besseren Alternative einfach übernimmt. Denn es wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass der deutsche Lockdown ja eigentlich kein Lockdown sei, weil es beispielsweise keine strengen Ausgangssperren und keine Betriebsschließungen gab wie in anderen Ländern. Und auch der sogenannte harte Lockdown wirkt im Vergleich mit anderen Ländern gleich viel weniger hart. Das Beispiel zeigt aber, dass der Begriff im Deutschen quasi ein Eigenleben entwickelt hat. Er steht für ein ähnliches Konzept wie im Englischen, aber bezeichnet eben nicht genau das gleiche.

Ohnehin ist es ein Irrtum, anzunehmen, dass Anglizismen nur Lückenfüller sind oder dass sie sogar etwas vage ausdrücken, was man mit deutschen Begriffen präziser ausdrücken könnte. Im Gegenteil bringen Anglizismen oft Bedeutungsnuancen zum Ausdruck, die dem scheinbar bedeutungsgleichen deutschen Begriff fehlen. Zum Beispiel wird man eher von einem “Job” sprechen, wenn man ein zeitlich befristetes, oft prekäres Beschäftigungsverhältns hat – also wenn man zum Beispiel als Student kellnert oder wissenschaftliche Mitarbeiterin im akademischen Mittelbau ist -, und eher von einem “Beruf”, wenn es um eine lebenslange Tätigkeit geht. Wie andere Fremdwörter auch können Anglizismen also Bedeutungsnuancen zum Ausdruck bringen, die man mit deutschen Wörtern nur mit langwierigen Umschreibungen erreichen kann. Das sieht man übrigens auch schön im “Anglizismenindex” des VDS, der versucht, deutsche Entsprechungen für Anglizismen vorzuschlagen und wo sich für “Job” folgende Erläuterungen finden:

1: Dienst ohne Berufung, Kurzfrist-Arbeit, Niederigdienst ohne Qualifikationsbedarf. Die Verwendung dieses Namens statt nhd. ‚Dienst‘, ‚Werk‘ geschieht zumeist aus Gewohnheit: des Namens Herkunft und Nennleistung sind so dunkel, wie das mittels seiner Benannte licht- und freudlos (https://vds-ev.de/denglisch-und-anglizismen/anglizismenindex/ag-anglizismenindex/).

Die meisten Argumente gegen Anglizismen sind aber eher kultureller Natur. So warnt beispielsweise der VDS in seinen Leitlinien vor einer Anglisierung und Amerikanisierung Europas. Aber natürlich auch Kulturen gerade in der heutigen Zeit keine geschlossenen Systeme. Kulturen beeinflussen sich immer gegenseitig, unabhängig davon, ob man das will oder nicht und ob man das gut findet oder nicht. Interessant ist beispielsweise, hier einen Blick in das Buch “Allerhand Sprachdummheiten” von Gustav Wustmann zu werfen. Wustmann ist quasi der Bastian Sick des 19. Jahrhunderts – und wenn man in sein Inhaltsverzeichnis schaut, sieht man, dass er teilweise 1 zu 1 die gleichen Themen aufgreift wie Bastian Sick über 100 Jahre später. Allerdings macht er damals noch nicht so stark das Englische für den vermeintlichen Sprachverfall verantwortlich als eine Sprache, die heute kaum einem Sprachpfleger ein Dorn im Auge ist: nämlich das Französische.

Zum Beispiel findet sich schon bei Wustmann eine Kritik an Formulierungen wie “in 1870”, was ja bis heute die sprachkritischen Gemüter erhitzt – Wustmann sieht darin eine “willkürliche Nachäfferei des Französischen und des Englischen”.

Mit Formulierungen wie “in 1870” oder “in 2021” kommen wir zum zweiten Thema, das ich ansprechen möchte: Vermeintlich falsche Formulierungen.

“Falsche” Ausdrucksvarianten

Auch hier gibt es sehr viele Beispiele, die immer wieder genannt werden als Beispiele wahlweise für “schlechtes Deutsch”, “falsche Grammatik” und oft auch für Anglizismen in einem weiteren Sinn, wie ihn beispielsweise Bastian Sick definiert: Er schreibt:

“Was genau sind Anglizismen? Wörter wie ‚Sale‘, ‚U-Turn‘ und ‚Chicken Wings‘ sind englische Fremdwörter. Anglizismen sind etwas anderes: Frühe Vögel zum Beispiel. Oder Dinge, die eine Meinung haben. Kürbisse mit Fratzen. Und Rehe mit Hirschgeweih.
Unter einem Anglizismus versteht der Sprachwissenschaftler ein sprachliches Muster, das aus dem Englischen übernommen wurde und auf den ersten Blick gar nicht unbedingt als englisch zu erkennen ist.“

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist das natürlich Mumpitz, denn natürlich sind auch und gerade einzelne Wörter, die aus dem Englschen entlehnt wurden, Anglizismen. Trotzdem kann es fremdsprachlichen Einfluss natürlich auch bei größeren sprachlichen Mustern geben. Eines der klassischen Beispiele, bei denen häufig englischsprachiger Einfluss angenommen wird, ist die Wendung “Sinn machen”. Ob die Formulierung tatsächlich aus dem Englischen übernommen wurde oder unabhängig davon entstanden ist, ist allerdings nicht ganz geklärt. Jedoch werden gegen solche Wendungen auch andere Argumente ins Feld geführt, in denen sich andere Fehlkonzeptionen von Sprache niederschlagen. Schauen wir uns zum Beispiel diese Argumentation von Bastian Sick an:

“”Sinn” und “machen” passen einfach nicht zusammen. Das Verb “machen” hat die Bedeutung von fertigen, herstellen, tun, bewirken; es geht zurück auf die indogermanische Wurzel mag-, die für “kneten” steht. Das erste, was “gemacht” wurde, war demnach Teig. Etwas Abstraktes wie Sinn lässt sich jedoch nicht kneten oder formen”

Hier begeht Sick einen etymologischen Fehlschluss. Das heißt, er geht davon aus, dass man die heutige Bedeutung eines Wortes, in diesem Fall ‘machen’, aus seiner Geschichte heraus erschließen kann. Sprache wird hier also auch wieder als etwas relativ Statisches gesehen. In dem Argument, dass Sinn und machen nicht zusammenpassen, schlägt sich aber auch eine andere Konzeptualisierung von Sprache nieder, die man ebenfalls häufig findet, nämlich dass Sprache ein logisches System ist und dass in einer Sprache nur das zusammengeht, was logisch zusammenpasst. Aber sprachliche Zeichen entwickeln eben durch den konkreten Sprachgebrauch ein Eigenleben, wie wir vorhin schon am Beispiel Lockdown gesehen haben.

Ein anderes Beispiel, das häufig in der Diskussion von Übersetzungen aus dem Englischen, etwa bei Filmsynchronisationen, diskutiert wird, ist die Formulierung “nicht wirklich” als Äquivalent zu englisch “not really”. Hier wird oft behauptet, dass das eigentliche deutsche Äquivalent “eigentlich nicht” sei. Hier zeigen sich auch wieder die beiden verbreiteten verbreiteten Fehlkonzeptionen – dass Sprache statisch ist und dass sie logisch ist – beispielsweise in diesem Forenbeitrag, wo “wirklich” im Sinne von ‘real’ interpretiert wird.

Was gerade in solchen Fällen passiert, ist, dass sprachliche Strukturen sozialsymbolisch aufgeladen werden – das heißt, sie bekommen eine Art Zusatzbedeutung. Wenn man “das macht Sinn” oder “nicht wirklich” bewusst vermeidet und die vermeintlich “richtigeren” oder “deutscheren” Wendungen “das ergibt Sinn” bzw. “eigentlich nicht” verwendet, inszeniert man sich als Teil einer Gruppe, die richtiges und gutes Deutsch beherrscht – soziologisch könnte man auch sagen: als Teil einer in-group. Damit geht natürlich immer die Ausgrenzung einer out-group einher – also derjenigen, die aus vermeintlicher oder tatsächlicher Unkenntnis ein weniger gepflegtes Deutsch sprechen.

Formen wie “das macht Sinn” erfahren dadurch eine Art Stigmatisierung. In der Sprachwissenschaft spricht man auch von Indexikalisierung, in Anlehnung an den von Michael Silverstein geprägten Begriff der Indexikalität. Silverstein unterscheidet drei Ordnungen der Indexikalität: Im Falle der Indexikalität erster Ordnung werden Formen von außen mit einem spezifischen soziodemographischen Kontext in Verbindung gebracht. Wenn zum Beispiel ein Rheinländer sagt “Ich bin die Kartoffeln am Schälen” und die Berlinerin daraufhin sagt: Ah, typisch Rheinländisch! – dann ist das Indexikalität erster Ordnung. Mit Indexikalität 2. Ordnung ist gemeint, dass Formen von innen (also von den Gruppenmitgliedern selbst) mit einem spezifischen soziodemographischen Kontext in Verbindung gebracht werden. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn unter Jugendlichen Kiezdeutsch gesprochen wird, um damit Gruppenzugehörigkeit zu signalisieren. Indexikalität 3. Ordnung liegt vor, wenn Formen als “emblematisch” für einen bestimmten soziodemographischen Kontext gesehen und z.B. in Parodien genutzt werden. Wenn Sie in deutschsprachigen Comedyformaten einmal darauf achten, werden Sie merken, dass es eine Reihe von besonders stigmatisierten Konstruktionen gibt – gerade die sog. tun-Periphrase und den sog. am-Progressiv tun die Charaktere dort besonders oft am Verwenden sein tun, wenn sie als besonders dumm und inkompetent dargestellt werden sollen.

Hier zeigt sich unfreiwillig ein gewisser Sprachelitismus, dem wiederum eine Fehlkonzeption von Sprache zugrundeliegt, die eng mit der Vorstellung zusammenhängt, dass Sprache statisch sei: nämlich die Idee, dass es ganz klar richtige und falsche Formen gibt. Auch hier sind wir teilweise durch den Schulunterricht vorgeprägt: Wir denken über Sprache im Sinne von Normen nach. Wir fragen uns, was das standardsprachlich Richtige ist. Und tatsächlich gibt es ja auch Normen, die teilweise verbindlich sind – sowohl in der Schule als auch in Behörden müssen wir uns weitgehend an verbindliche Regelwerke halten. Das gilt vor allem für die Schriftsprache, wo es amtliche Rechtschreibregeln gibt. Auch diese gelten aber natürlich nur in offiziellen Kontexten – wenn eine Privatperson beschließt, von nun an nur noch klein zu schreiben, dann kann sie das tun, und wenn ein privatwirtschaftliches Unternehmen beschließt, ab sofort sein eigenes Regelwerk einzuführen, weil es die amtlichen Rechtschreibregeln für doof hält, hindert es auch niemand daran.

Wie stark aber die Orientierung an sprachlichen Normen ist, zeigt sich in der empörten Reaktion eines Lesers in den aktuellen “Sprachnachrichten” des VDS – Sie sehen, ich habe heute viel Zeit auf den VDS-Seiten verbracht. Der Leser hatte sich bei einem Unternehmen über dessen Verwendung des Gendersterns beschwert. Das Unternehmen wies ihn darauf hin, dass jeder und jede schreiben kann, wer er oder sie will – dazu der Leser: “Die Dreistigkeit dieser Antwort verschlägt mir die Sprache”, denn sie zeige eine Haltung jenseits von Recht und Gesetz. Wenig überraschend schließt sich der VDS-Vorstand seiner Empfehlung an, durch Kündigungen seine Macht als Kunde auszuüben – im Englischen nennt man das wohl: cancel culture.

Geschlechtergerechte Sprache

Und damit sind wir mitten im dritten Thema: Geschlechtergerechte Sprache. Dieses Beispiel zeigt schon, wie erbittert hier debattiert wird. Wir haben gerade über sozialsymbolische Aufladung und Indexikalisierung gesprochen – und das ist in diesem Bereich natürlich in besonders starkem Maß der Fall. Wenn wir uns dem Thema ganz nüchtern nähern wollen, ist es zunächst einmal wichtig, ein paar Dinge zu trennen: Wenn man “gendern” hört, denkt man vielleicht zuerst an das Gendersternchen oder sein gesprochenes Äquivalent, die Sprechpause wie bei Moderator-innen, die man ja auch in Nachrichtensendungen mittlerweile öfter hört. Aber es gibt ja auch andere Arten und Weisen, zu gendern. In vielen Texten findet man ja z.B. den Hinweis, dass aus Gründen der Lesbarkeit bei Personenbezeichnungen nur die männliche Form gewählt wird, aber Frauen natürlich mitgemeint sind. Auch wenn diese Praxis inzwischen in die Kritik geraten ist, handelt es sich streng genommen hier auch um eine Form des Genderns, wenn man darunter die sprachliche Sichtbarmachung von Geschlechterdiversität versteht. Und häufig wird auch argumentiert – sogar in einigen wenigen Fällen von linguistischer Seite -, dass all die Mühe um geschlechtergerechten Sprachgebrauch im Deutschen keinen Sinn habe, weil ja die maskuline Form ohnehin geschlechterübergreifend gebraucht werde und Frauen mit einschließe – das sogenannte generische Maskulinum.

Wir stehen also vor zwei Fragen, die wir auch getrennt voneinander betrachten müssen. Erstens: Brauchen wir das ganze Gendergedöns überhaupt oder tut es nicht auch das gute alte generische Maskulinum? Zweitens: Wenn wir uns fürs Gendern entscheiden, wie gendern wir am besten?

Zur ersten Frage habe ich ja schon angedeutet, dass das generische Maskulinum mittlerweile viel kritisiert wird. Vor allem deshalb, weil psycholinguistische Studien gezeigt haben, dass Frauen eben in aller Regel nicht mitverstanden werden, selbst wenn sie mitgemeint sind. Diese experimentellen Studien sind selbst zur Zielscheibe einiger Kritik geworden, weil sie natürlich stark vereinfachen, was sich bei experimentellen Untersuchungen nie ganz vermeiden lässt. Ein Teil der Kritik ist sicherlich berechtigt, aber insgesamt zeigt sich doch sehr deutlich, dass das generische Maskulinum nicht so geschlechterübergreifend ist, wie es vielleicht intendiert ist.

Die Verteidiger*innen des generischen Maskulinums berufen sich gern auf das Sprachsystem und “die Grammatik des Deutschen”. Hier begegnen uns wieder die Fehlkonzeptionen von Sprache: Sprache wird als etwas Statisches gesehen, das außerhalb der Sprecherinnen und Sprecher existiert und wofür es feste Regeln und Normen gibt.

Jetzt muss man natürlich einräumen, dass die Abstraktion eines Sprachsystems auch aus linguistischer Sicht nichts ganz Sinnloses ist. Die meisten Linguistinnen und Linguisten würden sicherlich zustimmen, dass es bestimmte Konventionen gibt, auf die sich die Mitglieder einer Sprachgemeinschaft geeinigt haben, und wenn man eine Äußerung tätigt, die nicht mit diesen Konventionen übereinstimmt, dann wird diese Äußerung als ungrammatisch oder als falsch wahrgenommen. Und es spricht nichts dagegen, diese Abstraktion als Sprachsystem zu bezeichnen. Aber: Dieses Sprachsystem existiert eben nicht oder nur sehr bedingt unabhängig vom Sprachgebrauch – ich selbst würde so weit gehen zu sagen: Sprache ist Sprachgebrauch. Aber je nach theoretischer Orientierung werden mir da viele Kolleginnen und Kollegen widersprechen. Besonders deutlich tut das übrigens Josef Bayer in den aktuellen Sprachnachrichten des VDS, wenn er für das generische Maskulinum mit den Worten argumentiert: “Sprache wird von Menschen verwendet, aber sie ist nicht von Menschen gemacht.”

Aber worauf sich die meisten Linguistinnen und Linguisten sicherlich einigen können, ist, dass gerade, wenn es um Fragen der Bedeutung geht, normative Regelwerke wie der Duden oder die amtliche Rechtschreibung wenig Erhellendes beitragen können. Wir müssen uns anschauen, wie Sprache gebraucht wird, und wenn es um Bedeutung geht, müssen wir uns anschauen, wie sprachliche Zeichen verstanden werden. Wenn wir den Anspruch der Sprachwissenschaft ernst nehmen, den Sprachgebrauch zu beschreiben und damit eine empirische Wissenschaft zu sein, verliert auch das häufig vorgebrachte Argument, dass Genus und Sexus, also grammatisches Geschlecht und biologisches bzw. soziales Geschlecht, nichts miteinander zu tun hätten, an Zugkraft, denn die empirische Beleglage zeigt ganz klar: Natürlich sind Genus und Sexus zwei verschiedene Dinge, die man nicht verwechseln sollte, aber gerade bei Personenbezeichnungen gibt es zwischen beiden einen sehr engen Bezug.

Weil die Evidenz bei allen Problemen, die die empirischen Studien im detail haben mögen, sehr eindeutig ist, gibt es zumindest in bestimmten Kreisen einen weitgehenden Konsens darüber, dass man Frauen in der Sprache sichtbarer machen sollte – eben auch, um das gesellschaftliche Ziel zu erreichen, dass Frauen öfter mitgedacht werden. Das führt uns zu der Frage, wie genau das passieren soll. Die wahrscheinlich unauffälligste Variante ist die Doppelnennung: Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und ich wage die Prognose, dass die derzeitige Debatte weit weniger erhitzt geführt werden würde, wenn es nur diese Form zur Debatte stünde.

Diese Beidnennung hat aber natürlich den Nachteil, dass sie potentiell ebenfalls Menschen ausschließt, weil sie ein binäres Verständnis von Geschlecht und Geschlechterrollen festschreibt. Mit Zeichen wie Genderstern, Gender_Gap oder Doppelpunkt sollen auch intergeschlechtliche Menschen repräsentiert werden. Das trägt sicherlich auch dazu bei, dass die Debatte so erhitzt geführt wird: Schließlich ist auch die Idee, dass Geschlecht nicht nur etwas Binäres sein kann, in Teilen der Gesellschaft noch nicht angekommen. Das ist nicht ganz überraschend, denn schließlich sind die allermeisten von uns in einem Umfeld aufgewachsen, in dem die klassischen binären Geschlechterrollen sehr stark verankert sind. Man muss vieles von dem, was man lange Zeit unausgesprochen für völlig selbstverständlich hielt, in Frage stellen, um zunächst einmal zu akzeptieren, dass vieles von dem, was wir im Alltag als Geschlecht wahrnehmen, eigentlich nur sozial konstruierte Geschlechterrollen sind, und dann auch noch anzuerkennen, dass es sowohl in bezug auf biologisches als auch in bezug auf soziales Geschlecht mehr gibt als nur die klassische Binarität von Mann und Frau. Da ist es einfacher, die wissenschaftliche Evidenz dafür zurückzuweisen und das alles als “Genderwahn” oder “Gender-Indeologie” abzutun – wie es beispielsweise AGENS e.V. macht, ein sympathischer kleiner Verein, der sich unter anderem gegen die – Zitat – “Pornografisierung der Schule” durch die “Durchsetzung der Homosexualität als neue Normalsexualität” einsetzt. Gemeinsam mit dem VDS hat dieser Verein 5 Grundthesen zur Gendersprache veröffentlicht, die er als “Teil eines ideologischen Programms zur Gesellschaftsveränderung” ablehnt.

Dabei wird ein Framing, also eine sprachliche Rahmung, verwendet, das in Zusammenhang mit sprachkritischen Äußerungen zu geschlechtergerechter Sprache häufig bedient wird: Die Gendersprache werde “von oben” durchgesetzt und die Nichtverwendung geschlechtergerechter Formulierungen sanktioniert. Schauen wir dazu noch ein letztes Mal ins Mitteilungsblatt des VDS, die Sprachnachrichten – in der jüngsten Ausgabe gibt es darin mehrere Seiten über das Gendern, und in zweien davon geht es um die Erfahrungen einer Studentin bzw. einer Dozentin, die sich gegen das Gendern positionieren und dafür angeblich Nachteile erleiden müssen. Die Studentin beispielsweise fühlt sich “überrannt”. Mit Überschriften wie “Überzeugungstäter – Mitläufer – Angst” oder “Emotional angeschlagen in den Hörsaal” wird der Eindruck erweckt, an deutschen Universitäten herrsche ein Klima der Angst. Das fügt sich natürlich gut zusammen mit der weitverbreiteten Idee, dass es an Universitäten eine Verengung des Meinungskorridors gebe – Stichwort cancel culture.

Die Realität sieht aber, zumindest in meiner Erfahrung, anders aus. Es mag tatsächlich Fälle geben, in denen Dozierende Hausarbeiten nicht annehmen, die nicht gegendert sind – das finde ich problematisch, weil sich geschlechtergerechte Sprache, entgegen der Annahme von Sprachpflegern, eben nicht verordnen lässt – außer natürlich in bestimmten Kontexten: Wenn sich beispielsweise eine Zeitung oder eine Zeitschrift für einen bestimmten Hausstil entscheidet, dann müssen sich natürlich alle daran halten. Sprachkritiker mögen sich daran stören, dass beispielsweise die taz nicht den amtlichen Rechtschreibregeln folgt, wenn sie das Gendersternchen verwendet. Konsequenterweise hätten sich dieselben Sprachkritikerinnen aber auch daran stören müssen, dass bis 2007 die FAZ in der alten, seit 1996 nicht mehr gültigen Rechtschreibung erschien.

Das Narrativ, dass die sogenannte Gendersprache aus ideologischen Gründen von oben durchgesetzt werde, gegen den Willen einer schweigenden Mehrheit, ist hart an der Grenze zur Verschwörungstheorie und bedient sich ähnlicher argumentativer Muster. Eine nicht näher definierte Elite will auf eine Art Umerziehung der Gesellschaft hinarbeiten. Wenn ich das so sage, ist natürlich sofort klar, dass das wenig überzeugend ist. Trotzdem müssen wir uns natürlich fragen, woher solche Narrative kommen und warum sie so erfolgreich sind. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Art und Weise, wie wir über Sprache denken, geprägt ist von falschen und teilweise problematischen Vorstellungen.

Dazu gehört, dass Sprache statisch und normativ ist, und dazu gehört auch, dass Sprache eng mit kultureller Identität in Verbindung gebracht wird. Gerade in Deutschland gibt es eine lange Tradition des Sprachnationalismus – die deutsche Sprache wird mit der deutschen Kultur in Verbindung gebracht, die zumindest aus einer sehr konservativen Warte wiederum mit Werten verbunden ist, die sich mit Geschlechtervielfalt und anderen Spielarten der Diversität nicht so ohne weiteres in Einklang bringen lassen. Das heißt nicht, dass alle, die generisches Maskulinum verwenden, reaktionär und illiberal sind. Ich will nur deutlich machen, dass sich die Fehlkonzeptionen von Sprache, die ich in diesem Video auseinandernehmen möchte, sehr gut vertragen mit einem illiberalen Weltbild, wie es gerade von der Neuen Rechten sehr stark propagiert wird. So ist es ja sicherlich kein Zufall, dass sich der VDS für seine Fünf Grundthesen zur Gendersprache mit einem Verein zusammengetan hat, der seine Homophobie und Transphobie erstaunlich offen zur Schau stellt.

Aber jetzt sind wir von den vorhin genannten beiden Fragen – Ist Gendern sinnvoll und wenn ja, wie gendern wir am besten? – auf einen Nebenzweig der zweiten Frage abgekommen, nämlich die Frage: Wie werden gegenderte Formen wahrgenommen? Um den Begriff von vorhin noch einmal aufzugreifen, sind gerade Formen wie Genderstern und Gendergap stark indexikalisiert, stark soziosymbolisch aufgeladen, und entsprechend lösen sie bei Gegner*innen auch hochemotionale Reaktionen aus. Wenn wir auf die Frage zurückkommen, welche Form des Genderns sich am besten eignet, müssen wir diese Aspekte mit bedenken. Letztendlich gibt es darauf keine endgültige Antwort, da viele verschiedene Aspekte mit hineinspielen, von ästhetischen Fragen und Fragen der Lesbarkeit bis hin zum Kontext, in dem eine sprachliche Interaktion stattfindet. Deshalb gibt es ja auch so viele verschiedene Varianten des Genderns – was übrigens manchmal auch paradoxerweise als Gegenargument angeführt wird.

Ohnehin ist es ganz instruktiv, sich noch einmal die Gegenargumente gegen das Gendern anzuschauen, weil sich daran die Fehlkonzeptionen von Sprache, über die wir in diesem Video gesprochen haben, ebenso illustrieren lassen wie argumentative Fehlschlüsse, denen Sprachpflegerinnen und Sprachpfleger oft auf den Leim gehen.

Ein Gegenargument ist, dass in Umfragen immer wieder eine Mehrheit das Gendern ablehne. Das müsste mich eigentlich überzeugen, weil ich immer wieder betone, wie demokratisch Sprache ist. Aber hier zeichnet sich wieder die normative Fehlkonzeption von Sprache ab: Sprache ist nicht in dem Sinne demokratisch, dass eine Mehrheit verbindliche Regeln beschließt, an die sich dann alle zu halten haben. Sondern in dem Sinne, dass sich das durchsetzt, was viele machen – auch wenn es am Anfang vielleicht nur wenige sind. Wenn ich hier eine Umfrage über meine Frisur machen würde, gäbe es sicher auch eine relativ große Mehrheit dafür, dass da noch Luft nach oben ist – vor allem, wenn sich insbesondere konservative Medien in den Jahren zuvor alle Mühe gegeben hätten, meine Frisur als Untergang des Abendlandes zu brandmarken. Aber trotzdem zwingt mich glücklicherweise niemand, mich diesem Mehrheitsvotum zu beugen.

Ein weiteres Gegenargument ist, dass sich geschlechtergerechte Sprache nicht konsequent umsetzen lässt. Tatsächlich ist es ja so, dass man schnell an Grenzen versucht, wenn man versucht, wirklich bis ins letzte Detail zu gendern – Texte werden dann im besten Fall schwer lesbar, im schlechtesten unfreiwillig komisch. Auch dieses Argument beruht aber auf einer Fehlannahme, die eng mit dem logischen Fehlschluss verwandt ist. Warum sollte es in einer Sprache etwas nur ganz oder gar nicht geben? Speziell fürs Deutsche gibt es eine ganze Reihe an Beispielen, wo die Grammatik chaotisch, unlogisch, inkonsequent ist, und wenn das schon in der Grammatik gilt, also in dem Bereich der Sprache, wo die Metapher eines Regelgerüsts oder Regelkorsetts, das sprachliche Variation beschränkt, noch am ehesten greift, warum sollte das dann nicht umso mehr im konkreten Gebrauch von Formen gelten, die sprachhistorisch gesehen noch sehr jung sind?

Das wahrscheinlich häufigste Gegenargument bezieht sich auf die Lesbarkeit – auf dieses Argument bin ich schon eingegangen; es kann berechtigt sein, wenn man bestimmte Formen des Genderns sehr konsequent einsetzt. Aber erstens geht es ja, wie schon gesagt, nicht um alles oder nichts, sondern man kann auf verschiedene Art und Weise eine Balance zwischen Lesbarkeit und gendergerechter Sprache finden. Ich selber gendere zum Beispiel Erstglieder von Komposita in der Regel nicht – Leserbrief zum Beispiel, was schon so lexikalisiert, also so verfestigt, ist, dass auch eine Umschreibung mit dem Partizip wie Lesendenbrief mir persönlich eher merkwürdig vorkommen würde. Und zweitens gibt es ja, wie schon gesagt, verschiedene Arten des Genderns – eine häufig benutzte, die die Lesbarkeit quasi gar nicht beeinträchtigt, besteht darin, einfach maskuline und feminine Personenbezeichnungen abwechselnd zu verwenden.

Wir sehen also, wenn es ums Gendern geht, werden in der Diskussion häufig verschiedene Dinge zusammengeworfen: Die Motivation für geschlechtergerechten Sprachgebrauch auf der einen Seite, die Umsetzung auf der anderen. Weil die Debatte so emotionalisiert ist, wird man schnell als missionarisch wahrgenommen, wenn man sich für gendergerechte Sprache ausspricht. Sicher mag es auch Leute geben, die da tatsächlich sehr missionarisch unterwegs sind. Die allermeisten aber wollen nur Argumente austauschen und Denkanstöße liefern und niemanden zum Gendern zwingen – das gilt übrigens auch und gerade für Leute, die solche Handreichungen und Empfehlungen schreiben, wie es sie in vielen Bereichen gibt.

Auch in diesem Video ging es mir nicht darum, irgendjemanden zum Gendern zu bekehren – oder dazu, ganz viele Anglizismen zu benutzen und bei jeder Gelegenheit “das macht Sinn” zu sagen. Sondern ich wollte ein Grundproblem der Argumentation aufzeigen, die häufig von sprachpflegerischer Seite bemüht wird. Da gibt es ganz viele Fehlschlüsse und argumentative Sackgassen, die man aufdröseln könnte, aber mein Eindruck ist, dass sich viele dieser einzelnen Fehlschlüsse zurückführen lassen auf ein gemeinsames Problem, nämlich eine Konzeptualisierung von Sprache, die wenig damit zu tun hat, wie Sprache eigentlich funktioniert. Dieses Modell sieht Sprache als relativ statisches, stark normatives System, das unabhängig von den Sprecherinnen und Sprechern existiert. Sprache wird dabei auch eng mit kulturellen Aspekten verwoben, was sie für rechte Ideologien anfällig macht – nicht zufällig ist der Kampf gegen Anglizismen und gegen das Gendern ja nicht nur ein Anliegen des VDS, sondern auch Teil des Grundsatzprogramms rechter Parteien.

Natürlich gibt es auch innerhalb der Sprachwissenschaft keinen hundertprozentigen Konsens darüber, wie Sprache genau funktioniert und wie man Sprache am besten modellieren kann. Vieles ist sehr umstritten – beispielsweise, in welchem Maße die menschliche Sprachfähigkeit auf angeborenen Grundlagen beruht und in welchem Maße sie kulturell erworben wird. Klar ist aber: Sprache ist kein gottgegebenes, unantastbares Heiligtum, und weder der Duden noch die amtlichen Rechtschreibregeln sind Gesetzbücher. Weder Anglizismen noch Gendersternchen können die Sprache kaputtmachen, denn Sprache ist ein sich selbst organisierendes System, und weil wir als Sprecherinnen und Sprecher an erfolgreicher Kommunikation interessiert sind, werden wir auch immer dafür sorgen, dass die Sprache, die wir sprechen, diese Funktion erfüllt. Um die Zerstörung der deutschen Sprache oder irgendeine Art des Sprachverfalls müssen wir uns also keine Sorgen machen – was uns aber Sorgen bereiten sollte, sind die Ideologien, die der Sprachverfallsdebatte zugrundeliegen, und die Tatsache, dass der Mythos vom Sprachverfall außerhalb der Linguistik immer noch so große Resonanz findet.

Ein offener Brief und offene Fragen

Jetzt habe ich es also auch getan: Ich habe einen offenen Brief geschrieben. 2020 war nicht unbedingt ein Jahr, das arm war an offenen Briefen. Die meisten davon waren nach kurzem Hype schnell vergessen, und in Zeiten, in denen ein Klick genügt, um eine Petition oder eben einen offenen Brief zu unterschreiben, stellt sich die Frage, welche Aussagekraft ein solches Dokument haben kann. Deshalb will ich hier kurz darlegen, was genau das Ziel des offenen Briefs ist, und dabei auch auf einige durchaus berechtigte Kritikpunkte eingehen, die daran geäußert wurden.

Gegen wissenschaftsfremde Sprachkritik

Die Stellungnahme, von der die Rede ist, ist hier zu finden. Die ursprüngliche Fassung des Textes entstand als sehr spontane Reaktion auf einen Artikel von Helmut Glück im Magazin “Forschung & Lehre” des Deutschen Hochschulverbands. Darin kritisiert er die “Handlungsempfehlungen der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen”, die in einer der vorherigen Ausgaben des Magazins gekürzt abgedruckt worden waren. Er beruft sich dabei auf die Linguistik, doch soweit er tatsächlich sprachwissenschaftliche Argumente vorbringt, handelt es sich um Positionen, die mittlerweile in der Linguistik zumindest in der Absolutheit, wie Glück sie formuliert, weitestgehend abgelehnt werden – so jedenfalls mein Eindruck. Um diesen zunächst zumindest teilweise subjektiven Eindruck zu untermauern, war es mir wichtig, die (deutschsprachige) linguistische Community mit einzubeziehen, was dann zu der Entscheidung führte, die Stellungnahme öffentlich zu teilen und zu Unterschriften einzuladen. Dabei konnte der Brief auch noch bearbeitet werden, wodurch er in Teamarbeit noch etwas länger, aber hoffentlich auch überzeugender geworden ist.

Im Nachhinein hätte ich trotzdem manches anders formuliert und die Stellungnahme etwas anders aufgebaut, denn gerade von Gegner*innen, aber auch von grundsätzlichen Befüworter*innen ist sie recht oft missverstanden worden: wahlweise als Plädoyer fürs Gendern, als Verteidigung der von Glück kritisierten Handlungsempfehlungen oder gar als explizite Stellungnahme für Gender*stern und Gender_gap als Morphemtrennzeichen (was die beiden Varianten sind, die im Text deshalb erwähnt wurden, weil sich Glück explizit auf sie bezieht). All das sollte die Stellungnahme aber nicht sein, auch wenn es nicht allzu schwer fällt, das alles in sie hineinzulesen. Umgekehrt war das Ziel aber auch keine ausgewogene Darstellung der Debatten, die in der Linguistik um Themen wie beispielsweise das sog. generische Maskulinum geführt werden. Es ging lediglich darum, zu zeigen, dass es in der Linguistik auch andere Positionen gibt – und dass über diese anderen Positionen sogar, bei allen Differenzen im Detail, weitgehender Konsens in der Linguistik besteht.

Wir sind mehr – so what?

Das führt zur ersten wichtigen Frage, die in Zusammenhang mit dem offenen Brief diskutiert wurde: Was sagt es überhaupt aus, wenn etwas in der Wissenschaft eine Mehrheiten- oder eine Minderheitenmeinung ist? Sollten nicht letztlich nur Argumente zählen? Während die erwarteten ablehnenden Reaktionen auf die Stellungnahme, soweit sie zu mir vorgedrungen sind, erfreulich kollegial ausgefallen sind, habe ich die einzige wirklich heftig erboste Reaktion auf einen Tweet erhalten, in dem ich schrieb, dass natürlich Mehrheitenmeinungen prinzipiell falsch sein können, aber dass es trotzdem wichtig sei, darüber aufzuklären, was gerade der Konsens in einem Fach ist.

Im Pandemiejahr 2020 liegt die Analogie zur Virologie und Epidemiologie auf der Hand: Hier haben wir in den vergangenen Monaten, obwohl völlig fachfremd, doch ein ganz gutes Gespür dafür bekommen, was die dominanten Positionen im jeweiligen Feld sind und welche Positionen eher Außenseitermeinungen sind – zumindest wir, die wir im Wissenschaftsbetrieb tätig sind; ob das auch für die breite Öffentlichkeit gilt, wage ich nicht zu beurteilen. Gäbe es gerade keine Pandemie, würde sich der Vergleich zur Klimaforschung aufdrängen: Auch hier gibt es ganz vereinzelt Wissenschaftler*innen, die den menschengemachten Klimawandel bezweifeln. Aber die überwältigende Mehrheit tut das nicht. Das muss nicht zwangsläufig heißen, dass die Mehrheiten Recht haben. Aber in beiden Fällen sind die Mehrheitsverhältnisse so völlig klar, dass ich als Fachfremder im Zweifelsfall dem “Mainstream” vertraue – natürlich nicht blind, da ich schon Argumente vergleiche und abwäge, soweit das mein begrenzter Sachverstand zulässt. Aber was die fachlichen Grundlagen angeht, muss ich dann eben doch auf die Expertise der Kolleg*innen vertrauen.

Anders als in den genannten Beispielen gefährdet es glücklicherweise keine Menschenleben, wenn in Medien wie der FAZ oder eben “Forschung & Lehre” immer wieder Außenseiterpositionen abgedruckt werden, in denen der Eindruck entsteht, die Linguistik sei mehr mit Sprachpflege und Anglizismenabwehr beschäftigt als mit der Untersuchung des tatsächlichen Sprachgebrauchs. (Wer jetzt einwenden möchte, dass gendergerechte Sprache nichts mit tatsächlichem Sprachgebrauch zu tun hat, sei auf den nächsten Abschnitt verwiesen.) Dennoch sollte der Linguistik daran gelegen sein, das Bild, das dadurch in der öffentlichen Wahrnehmung entsteht, zu korrigieren – schließlich kann keine Wissenschaft daran interessiert sein, dass fundamentale Fehlannahmen selbst über ihre grundlegendsten Konzepte kursieren.

Glück greift in seinem Artikel mehrere Themen auf, aber beschränken wir uns exemplarisch auf das generische Maskulinum: Der Artikel erweckt den Eindruck, die Sexusneutralität maskuliner Personenbezeichnungen sei in der Linguistik Konsens, ja mehr noch: ein unumstößliches Faktum. Bedeutung ist aber ein viel zu komplexes Phänomen, als dass man das so apodiktisch feststellen könnte. Das gilt nicht nur da, wo notorisch schwierige Kategorien wie Genus ins Spiel kommen. An der Schnittstelle von Semantik und Pragmatik (der Lehre vom sprachlichen Handeln) tobt beispielsweise ein großer Streit darüber, ob Er hat die meisten Kekse gegessen auch bedeuten kann ‘Er hat alle Kekse gegessen’. Eine politisch-ideologisch motivierte Kekslobby spielt in dieser Debatte, soweit ich weiß, keine Rolle. Wenn es um die Interpretation grammatisch maskuliner Personenbezeichnungen geht, ist es zugegebenermaßen schwieriger, die “politische” Dimension auszublenden (ob das wünschenswert ist oder nicht, sei dahingestellt), aber es ist nicht unmöglich.

Ob nun die Friseure nur männliche Friseure meint oder auch Friseurinnen, hängt davon ab, was man unter der Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks versteht. Ist die Bedeutung eines sprachlichen Zeichens ein abstraktes, invariates, mithin kontextunabhängiges Konzept? Unser Alltagsverständnis von Sprache suggeriert dies. Wenn ein Kind eine Katze als Hund bezeichnet, dann ist uns klar: Das ist falsch. Und wenn wir zu Sprachpurismus neigen, dann korrigieren wir Mitmenschen, die realisieren im Sinne von ‘erkennen’ benutzen und klären sie auf, dass realisieren im Deutschen ‘umsetzen’ bedeute und eben nicht ‘erkennen’ wie englisch realize. In unserem Alltagsverständnis haben sprachliche Zeichen also eine klare und klar abgrenzbare Bedeutung. Und ganz falsch ist diese Alltagskonzeption sicherlich nicht, andernfalls wäre ja jede Kommunikation zum Scheitern verurteilt. Aber ganz richtig ist sie eben auch nicht, denn Bedeutung ist eben auch dynamisch und kontextabhängig. Die Dynamik von Bedeutung zeigt sich im Bedeutungswandel – so bezog sich fahren im Mittelhochdeutschen noch auf alle Fortbewegungsarten (auch zu Fuß), heute bedeutet es ‘sich mit einem Hilfsmittel fortbewegen’. Und natürlich bedeutet realisieren im heutigen Deutschen auch ‘erkennen’ – wer Anderes behauptet, ignoriert den tatsächlichen Sprachgebrauch.

Die Aussage “generische Maskulina sind sexusneutral”, um darauf zurückzukommen, lässt sich in zweierlei Hinsicht deuten:

a) als präskriptive (‘vorschreibende’) Aussage. Es wird also – i.d.R. auf Grundlage von sprachnormativen Werken (Grammatiken) – eine Aussage über den “richtigen” Sprachgebrauch getroffen. Eine solche Aussage entzieht sich der Bewertung als “richtig” oder “falsch”, sie kann aber natürlich am aktuellen Sprachgebrauch gemessen werden: Denn auch Sprachnormierung und -kodifizierung, wie sie beispielsweise in Werken wie der Duden-Grammatik oder den amtlichen Rechtschreibregeln betrieben wird, orientiert sich in der modernen Linguistik am tatsächlichen Sprachgebrauch. Aus dieser Perspektive, das sei eingeräumt, liegt Glück nicht ganz falsch: Im Alltagsgebrauch scheint das generische Maskulinum tatsächlich noch relativ fest verankert, auch wenn der Sprachgebrauch hier gerade im Umbruch ist (dazu gleich mehr).

b) als deskriptive, also den Sprachgebrauch – konkret: Sprachproduktion und Sprachverstehen – beschreibende Aussage, wobei hier mehrere Aspekte eine Rolle spielen (können) – was die Sprecherin vermitteln möchte, was beim Hörer ankommt und auch, wie diese beiden Aspekte miteinander interagieren. Insbesondere die Frage, wie genusübergreifend gemeinte Maskulina verstanden werden, wurde in psycholinguistischen Studien mehrfach erforscht, und immer wieder zeigte sich, dass sie letztlich eben doch weit überwiegend als männlich verstanden werden. Auch wenn das natürlich in unterschiedlichen Kontexten in unterschiedlichem Umfang gilt und die Studien teilweise methodische Probleme haben mögen, muss die oft behauptete Unabhängigkeit von Genus und Sexus mindestens als umstritten, wenn nicht sogar als widerlegt gelten.

Aus den letztgenannten Punkten kann nun aus sprachpolitischer Perspektive die Forderung nach sprachlicher Sichtbarmachung von Geschlechterdiversität folgen – ein Schritt, den die Stellungnahme zu Glück jedoch ganz bewusst nicht geht, da es dort lediglich um das Aufzeigen der aus wissenschaftlicher Sicht problematischen Aussagen gehen sollte.

Gleiches gilt übrigens für die Passage zu Partizipialformen, die selbst unter Befürwortenden (sic 🙂 ) der Stellungnahme umstritten war: Sie soll zeigen, dass es auch aus linguistischer Sicht nicht völlig abwegig ist, Partizipialformen wie Musizierende als geschlechtsneutrale Formulierungen heranzuziehen. Nun könnte man natürlich einwenden, dass in psycholinguistischen Studien ähnlich jenen, die zum generischen Maskulinum gemacht wurden, sicherlich gezeigt werden könnte, dass man bei der Partizipialform tatsächlich zunächst an eine Person denkt, die gerade musiziert, und nicht an Musiker*innen, die gerade kein Instrument spielen. Der Unterschied ist aber, dass hier eine progressive und eine habituelle Lesart miteinander konkurrieren und aus dem Kontext recht schnell deutlich werden dürfte, welche gemeint ist (sofern das relevant ist), während das generische Maskulinum im Zweifelsfall eine ganze Personengruppe unterschlägt. (Nebenbei: Oft, so auch bei Glück, wird darauf hingewiesen, dass es ja auch andere Personengruppen unterschlage, da man ja z.B. eher an weiße Männer denke. Allerdings kann dieses Argument nicht überzeugen, da “Geschlecht” relativ tief in der deutschen Grammatik verankert ist und es über das Movierungssuffix -in für fast jede Personenbezeichnung zumindest prinzipiell eine männliche und eine weibliche Form gibt, während für andere Kategorien wie “Ethnie” oder “Hautfarbe” nichts Vergleichbares existiert.)

Es gäbe noch einiges mehr über das Partizip zu sagen, aber wie schon gesagt, ging es nur darum, zu zeigen, dass die besagte Bedeutungserweiterung linguistisch nicht völlig abwegig ist – solange sie den Sprecherinnen und Sprechern akzeptiert wird.

Und damit kommen wir zur vielleicht schwierigsten offenen Frage: Ist die Stellungnahme letztlich ein Gruß aus dem Elfenbeinturm?

Sprachwandel von unten und von oben

Im Zuge der kollaborativen Überarbeitung des Textes sowie der Diskussionen über den Text u.a. auf Twitter gab es zwei Diskussionsstränge, die mehr oder weniger direkt mit den Handlungsempfehlungen zusammenhängen, auf die sich Glücks Artikel bezieht. Der erste: Wie praxistauglich sind eigentlich diese Empfehlungen? Ist es nicht, überspitzt gesagt, so, dass viele Spielarten gendergerechter Sprache in bestimmten “Bubbles” zu einem in-group-Marker geworden sind, während sie außerhalb dieser Gruppen eher bespöttelt werden? Das ist durchaus eine sehr wichtige Frage, die auch unmittelbar mit dem zweiten Diskussionsstrang zusammenhängt: Kann Sprachwandel “von oben” über Institutionen stattfinden?

Beide Fragen haben aus meiner Sicht wenig mit der Stellungnahme zu tun, da es ihr weder um eine Verteidigung der Bukof-Handlungsempfehlungen ging noch darum, Empfehlungen fürs “richtige” Gendern zu geben. Dennoch scheint es mir wichtig, darüber zu diskutieren, gerade angesichts der virulenten Metasprachdiskurse, in denen häufig das Topos einer Steuerung des Sprachgebrauchs “von oben” aufgegriffen wird (Schlagworte: “Das darf man ja heute nicht mehr sagen”, “wie es Neudeutsch heißt…”). Eine solche Steuerung gibt es natürlich im eigentlichen Sinne nicht, denn selbstverständlich wird niemand durch irgendwelche Gesetze oder Verordnungen verpflichtet, zu gendern. Dass der Eindruck dennoch entstehen kann, liegt auf der Hand: Wenn eine Person, die gendergerechte Sprache absurd findet, täglich “von oben” mit gegenderten Formen konfrontiert wird – etwa bei Dozierenden oder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – und gleichzeitig in konservativeren Medien immer wieder mit Warnungen vor sprachentstellendem “Genderwahn” konfrontiert ist, mag der Eindruck naheliegen, dass es sich dabei um eine groß angelegte “Umerziehungsmaßnahme” handle. Allerdings ist das vielleicht eine allzu pessmistische Einschätzung: Denkbar ist auch, dass durch die verstärkte Sichtbarkeit geschlechtlicher Vielfalt in den Medien und die Problematisierung sexistischer Strukturen auch die Forderung nach sprachlicher Inklusion auf mehr Akzeptanz stößt. Klar ist aber natürlich auch, dass sich letztlich nur durchsetzen kann, was auch in den alltäglichen Sprachgebrauch übernommen wird. Die Frage ist allerdings auch hier, ob sich die betreffenden Marker, seien es nun Sternchen, Gaps oder der Glottisverschluss im Gesprochenen, flächendeckend durchsetzen können oder dauerhaft an bestimmte Varietäten/Register gekoppelt bleiben.

Auch bei den Handlungsempfehlungen der Bukof besteht die Gefahr, dass sie als etwas “von oben” Kommendes wahrgenommen werden, als Versuch, per Verordnung in den “natürlichen” Sprachgebrauch einzugreifen. Dabei ist freilich einschränkend zu sagen, dass diese Idee eines natürlichen Sprachgebrauchs und eines rein bottom-up verlaufenden Sprachwandels eine Idealisierung darstellt, da Sprache ja immer in Zusammenhängen existiert, in denen zumindest teilweise auch top-down-Prozesse eine Rolle spielen – so ist das Deutsch, das wir heute sprechen, stark von der Schriftsprache beeinflusst, die bei der Standardisierung des Deutschen eine zentrale Rolle spielte. Das Argument, dass ein Sprachwandel “von oben” nicht funktionieren kann, greift also nicht bzw. übersieht, dass “natürlicher” Sprachwandel auch mit nicht ganz so “natürlichen” Prozessen interagiert und sich top-down- und bottom-up-Faktoren dabei nicht immer scharf trennen lassen.

Gleichwohl ist die Frage nach der Wahrnehmung der konkreten Vorschläge, die in den besagten Handlungsempfehlungen und anderswo für eine geschlechtergerechte Sprache gemacht werden, keineswegs irrelevant. Aus dieser Perspektive ist Glücks Beitrag wiederum aufschlussreich und instruktiv, da er wohl als durchaus repräsentativ für die “Außenwahrnehmung” des Bemühens um gendergerechte Sprache verstanden werden kann.

Für dieses Problem habe ich keine Lösung. Ein erster Schritt ist sicherlich ein pragmatischer, unaufgeregter und undogmatischer Diskurs, wie er in vielen Kommentaren von allen Seiten gefordert wurde. Ein solcher Diskurs setzt aber, wenn er sachlich geführt werden soll, auch voraus, dass der aktuelle Forschungsstand in den relevanten Disziplinen berücksichtigt wird. Genau hier setzt die Stellungnahme an und will eine Reihe problematischer Aussagen korrigieren – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ground truths: A note on Pinker

I’ve been thinking a lot about the open letter to the Linguistic Society of America (LSA) recently that calls for the removal of Steven Pinker from the LSA’s list of distinguished academic fellows and their list of media experts. The letter has caused heated controversies, and a number of scholars have offered counterperspectives in blog posts, some of them quite thoughtful, others less so. I find myself in the rare situation that I partly agree with both sides of the debate – at the same time, I find many of the argumentative patterns employed on both sides highly problematic. In this post, I want to explain why. In order to do so, I will first offer an analysis of one of Pinker’s controversial tweets and the reactions that it spawned. I will argue that what I call “ground truths” are at the heart of the debate: Shared convictions that are perceived as self-evident and non-negotiable by those who share them. This will lead to a critical reflection of the ground truths that are at issue in the Pinker debate.

Two levels of analysis

First, let me point out that I perfectly agree with the authors and signatories of the open letter that many of Pinker’s tweets and statements are problematic, and below, I’ll also explain why, focusing on one of his tweets that was mentioned in the open letter. But I would still give him the benefit of doubt and assume that his intentions have been good. Focusing exclusively on his statements on police violence for now, he seems to be convinced of his hypothesis that the world has become more peaceful and that problems like racism have become less important. For the moment, let’s treat this as a scientific hypothesis that’s open to debate. This raises two questions:

a) Do the sources that Pinker cites actually support his hypothesis? And that’s not necessarily a binary question – in science, there are usually no simple answers. Science communication in social media, on the other hand, often requires simplification and stating hypotheses and research findings in a pointed way. And this leads us to the second question:

b) Is the way in which he construes the findings problematic, and if so, in what way?

Note that these are two levels of analysis and two levels of discussion that should be kept apart (although I’ll argue below that this is not always possible). In much of the discussion so far, I’d argue that they have been conflated. As an example, let’s take a look at Sendhil Mullainathan’s New York Times article, which Pinker summarized as follows: “Police don’t shoot blacks disproportionately. Problem: Not race, but too many police shootings.” The article is worth reading in full, not only because it has been a key point in the debate about the open letter: The authors of the open letter accuse Pinker of misrepresenting the article, while e.g. Jerry Coyne accuses the authors of the open letter of quoting one sentence of the article out of context. And indeed, the article can’t be easily summarized as it discusses many different aspects of the problem of police shootings. To me, the main message of the article seems to be: Racism is a very real problem, but it is not, or at least not first and foremost, a police problem. Instead, the fact that disproportionately more Black people are shot in police encounters is a side effect, as it were, of structural racism at a societal level.

This does not mean, of course, that it is not also a problem in and of itself. But let’s remain, for a second, on the level of pure fact checking, taking a benevolent stance towards Pinker, if only for the sake of the argument. Is his summary “Police don’t shoot blacks disproportionately.” a misrepresentation of the article? (And note that I’m only talking about the article: I’m not talking about the scientific study that is summarized in the article, nor am I evaluating its scientific merit.) At first glance, it seems to be a gross misrepresentation indeed, especially given the following quote that is also cited in the open letter: “The data is unequivocal. Police killings are a race problem”. But on closer look, we might be dealing with two perspectives on the same data that do not exclude each other.

Spurious correlations and statistical control

As a point of comparison, consider the alleged problem of migrant criminality – a trope that has always been popular in right-wing circles and that has arguably become even more widespread in the wake of the so-called “refugee crisis”. In many cases, just looking at the raw data may insinuate that this is more than a cliché as the crime rate among migrants tends to be higher than among the rest of the population. But just looking at the raw data is never a good idea. If we control for other factors like age, gender, and socio-economic status, which are usually good predictors for criminal behavior, then we’ll usually see that migrants are not significantly more likely to commit crimes than other members of the population. Anybody who has ever argued against the “migrant criminality” trope knows this. This shows that two statements can be true at the same time: (1) Migrants commit more crimes than the rest of the population, (2) migrants are not more likely to commit crimes than the rest of the population.

This leads us to the question of how we interpret these findings and how we present them. I’m a leftist who thinks that categories like race, gender, nationality, descent etc. shouldn’t play a role in our lives, except maybe as a means of self-identification. That’s why I would never state something like (1) out of context, and I even find it hard writing it here, even though it is clearly contextualized. By contrast, if I was a conservative who thinks that national borders are a necessity and that some cultures are more inclined towards criminal behavior than others and who is therefore in favor of more restrictive migration policies, then I might cite (1) to support my argument. From this perspective, (2) is just not relevant. From this perspective, what is relevant are the effects, not the cause.

As I said, I strongly disagree with the conservative position, but I can respect it to a certain extent and I wouldn’t go so far as to say that everybody who holds such positions is racist. However – and this brings us back to question b) above – stating something like (1) out of context almost necessarily perpetuates racist stereotypes. What is more, it is basically impossible to state (1) without taking sides in the political discourse: Even if it is true, by stating (1), I basically self-identify as someone with more right-wing political views. Note that I’m not saying this in an evaluative way, in the sense of “There are things that you can’t say any more without being called right-wing”, another trope frequently employed by “free speech” activists. The association between certain beliefs, true or not, and political stance is just a perfectly ordinary outcome of cultural evolution. And I think one of the problems in the current debate is that this is often not taken into account.

Misrepresentation?

In the case of police violence, we are faced with a similar problem, but in this case, the correlation between the two perspectives on the data on the one hand and political stance on the other are reversed: Again, we have the two seemlingly contradictory observations that (1) more Black people than other members of the population are killed by the police and (2) Black people are not more likely to be killed by police officers than other members of the population. In this case, it is obvious that (2) – especially in connection with the observation that Black people have more police encounters – can easily be instrumentalized for racist agitation. So it is of course tremendously important to choose one’s words carefully when summarizing these data.

And this brings us back to Pinker and to the two questions mentioned above: a) Are the data compatible with his hypothesis? And b) Is the way he construes the findings problematic? As for a), I hope to have shown that “Police don’t shoot blacks disproportionately” is a perfectly legitimate way of summarizing one of the main findings presented in the article, although, admittedly, it’s a phrasing that can easily be misunderstood. And this leads us to b), the question of construal. Pinker puts one key aspect of the study discussed in the article into focus: According to the article, there is no evidence that in any given encounter, police officers are more likely to shoot a Black person than any other person (again, I’m just paraphrasing the article, not judging the statistical analysis). In addition, Pinker adds his own interpretation, according to which the number of police shootings itself is the actual problem.

The question now is whether this interpretation is problematic. According to the open letter, it definitely is because it downplays the problem of (police) racism. I’ve put “police” in parantheses because the tweet can be interpreted in various ways. The worst possible reading would be a blunt denial of the fact that racism is still a problem, but I strongly doubt that this is what Pinker has in mind, especially when linking to an article that explicitly states the opposite. Instead, the most plausible reading of his tweet seems to be: Racism among the police is not as big a problem as is usually assumed.

Ground truths

Now, the question is, again: Is this conclusion inherently problematic? And again, I think we have to approach this question from multiple perspectives. And as above, the first question is whether the hypothesis is supported by the facts. My gut feeling is that it is obviously blatantly wrong, but right now I don’t have data to substantiate this gut feeling. However, it seems to be shared by many people, and the impression that the police in the US, but also elsewhere, have a huge problem with racism has arguably become some sort of “ground truth” in the current debate. Importantly, this is also a domain where the two aspects of objective facts and subjective experience, which I have tried to neatly separate into a) and b) above, tend to get conflated for very good reasons. There are literally thousands of reports of Black people who state that they fear for their lives in any police encounter, and the very idea that the problem of police racism might have been overstated must feel like a slap in the face to those people.

But, for the sake of the argument, let us consider the possibility that there’s at least a grain of truth to Pinker’s interpretation: Would it still be inappropriate? In another heated controversy, J.K. Rowling recently tweeted: “It isn’t hate to speak the truth” – but as I’ve just argued, it’s not that simple. Firstly because it is not always easy to determine what the truth is. Secondly because even telling the truth can be harmful in some situations. Thus, the more general question is: When is a scientific hypothesis, or the presentation thereof – and that’s what all this is ultimately about, in my view – inherently problematic?

This brings us back to the notion of “ground truths” that I’ve mentioned above. In any discussion, there are arguably some ground truths that are shared either virtually universally, or at least among certain groups. Climate change is a good example: There is a broad consensus that climate change is real. It is supported by all the facts and virtually all experts. Climate change is a ground truth. If you want to argue against it, you’ll need very, very good arguments – or you have to be a member of a group who shares the ground truth that climate change is a lie. The latter option is probably the easier one, which illustrates the inherent problem of ground truths: They do not necessarily have anything to do with facts, let alone with the truth.

So in any debate, it may be worth asking the following questions: What are the ground truths that I am defending? Why are they ground truths, and is it actually appropriate to treat them as ground truths?

These questions provide a good link to the other side of the debate. Here, many people have raised concerns about potential threats to free speech, and the concept of ground truths can maybe help us understand where they’re coming from and to what extent these concerns might be justified. First of all, as it has often been pointed out, of course there’s currently no threat whatsoever to freedom of opinion – at least not in the US, which is most relevant to our topic, or in Germany, where I live. But more and more people seem to share the concerns that have recently been expressed in another open letter, signed by, among others, Margaret Atwood, Joanne K. Rowling, and John McWhorter: “The free exchange of information and ideas, the lifeblood of a liberal society, is daily becoming more constricted.”

I think one reason for this perceived development is that there are more ground truths than there used to be, that these ground truths are defended more vididly, and that that there are more and more ground truths that are diametrically opposed to each other. Probably this is also a result of cultural evolution, as the rapid exchange of information and ideas via the Internet greatly facilitates the formation of ground truths. I’m always a bit sceptical of the concept of “online bubbles” because I think the concept is not particularly well-understood by most people who use it (including myself, which maybe explains my scepticism), but the basic idea is very similar: Given the vast amount of information that we have available, it’s easy to pick out those pieces of information that fit well with our ground truths.

For example, it is a relatively new – but scientifically very well-supported – ground truth that gender is a non-binary concept. This is very much at odds with the ground truth that most people grew up with, in a world of men’s rooms and ladies’ rooms, pants and skirts, blue and pink. So it’s hardly surprising that many people have trouble questioning the ground truth of binary gender that they perceive as an obvious fact. And what makes all this even more complicated is that gender turns out to be not only non-binary, but it also has biological and socio-cultural aspects. As in the case of climate change, it’s pretty easy in this case to identify the ground truth that’s closer to the actual “truth”, whatever that may be, given the vast amount of scientific evidence. But even in this case, the same ground truth can be interpreted in different ways.

Self-evident and non-negotiable

Within the groups that share them, ground truths are self-evident. And perhaps even more importantly, ground truths are usually non-negotiable. And in many cases, there are good reasons for ground truths to be considered non-negotiable. If my ground truth is that all people are born equal and should therefore have the same fundamental human rights, then there are very good arguments (philosophical, biological, etc.) that make this ground truth indeed self-evident to most if not all people. And of course most people would vigorously defend this ground truth against anyone who argues against it. In fact, it is maybe even one of the basic ground truths, and many others follow from it – for example, the ground truths that racism, sexism and other behaviors that marginalize individuals or groups of people are unacceptable. In recent years, the awareness has grown that all kinds of marginalization are a huge problem that not only manifests itself in individual behavior but at a much more subtle structural level, e.g. in language.

This increased awareness is a very good thing, and I’m pretty optimistic that, in the long run, it will contribute to long-overdue changes at a societal level. But it also entails some potential for conflict and polarization. The long-standing conflict between proponents of “political correctness” (in scare quotes because it is often used as a derogatory term) on the one hand and “free speech activists” on the other is a case in point. The Pinker affair can be seen as another episode in this conflict.

At the very beginning of this post, I have said that I can’t really take sides here, and the reason for that is that the “ground truths” that underlie the argumentation of the open letter do not seem self-evident to me. In my lengthy analysis above, I have only referred to the first of the six tweets or statements discussed in the open letter, but two of the other cases discussed follow the same line of argument. From what I can see, the “ground truth” that Pinker is accused of arguing against (if only implicitly) is that (US) police officers have a racism problem. More specifically, it is that police officers kill Black people out of racist motives – because Pinker does not deny the racism problem itself, and in his response to the open letter quoted in Larry Coyne’s blog (in which he, unfortunately and unnecessarily, insults the signatories of the open letter quite harshly), he explicitly states that “racism among the police is a genuine problem”. So, the question is: Is the “ground truth” that is at issue here really self-evident and non-negotiable? At least from my perspective, this seems to be an area where different, nuanced perspectives can and should be discussed. As long as we acknowledge that racism exists, that it is a problem, and that something should be done about it, a position like Pinker’s seems to be well within the confines of what can legitimately be discussed.

Unconvincing arguments

That leads us to the reactions to the open letter. Unfortunately, they all make the mistake of employing some of the typical tropes that “free speech activists” use all the time – even Barbara Partee’s otherwise very thoughtful response contains an unnecessary allusion to communist censorship. And Jerry Coyne’s response is mostly ad-hominem, even though he does make some fair points. And I think this illustrates an important problem of many current debates: Instead of seriously taking the other person’s perspective into account, we tend to fall back into the same argumentative patterns, talking about each other rather than to each other. To exaggerate a bit, it’s always the same pattern: One side goes, “Person A has chosen to do B, and we feel this is bad because X”, and the other goes, “Orwell! 1984! Censorship!” Usually, I tend to align with the former side (even though I have to confess that the reproachful use of choose to is among my personal pet-peeve constructions), but I also try to keep an open mind for other opinions, even though their proponents don’t always deserve it.

The open letter about Pinker, however, might convey the impression that those who claim that the confines of what can be said without fear of an enormous backlash have become alarmingly narrow. I’m not saying that this is the case, I’m also not saying that the authors and signatories of the letter want to give that impression. But in my view all the examples that they cite are quite unconvincing, which is why they could easily be interpreted as deliberate misinterpretations (which is an interpretation that I don’t share). Above I’ve spent some time to show why the accusation of downplaying police racism is only partly convincing. Calling out Pinker for the use of the terms “urban crime” or “urban violence” is even less convincing given the fact that the researchers he cites use the terms in their paper titles. Of course, this doesn’t mean that these terms are not used as implicit political messages (maybe it’s just me, but I find the term “dogwhistle” really disturbing, which is why I’m reluctant to adopt it as a scientific term), and of course that’s something that should be discussed and that should be kept in mind when using (or avoiding) these terms, but in this particular case it seems just to be Pinker adopting the terminology of his sources.

However, the least convincing and most problematic argument is this:

Pinker (2011:107) provides another example of Dr. Pinker downplaying actual violence in a casual manner: “[I]n 1984, Bernhard Goetz, a mild-mannered engineer, became a folk hero for shooting four young muggers in a New York subway car.” (…) Once again, the language Dr. Pinker employs in calling this person “mild-mannered” illustrates his tendency to downplay very real violence.

In this passage of his popular science book, Pinker employs a perfectly ordinary narrative technique, and it should be more than obvious that he is not characterizing the killer here but rather how he was perceived in his daily life before he committed his undeniably horrendeous crimes. The juxtaposition of his “mild manners” and his crimes make the passage even more effective. There is no reason whatsoever to assume that the term “mild-mannered engineer” reflects Pinker’s opinion of the person as a whole. And here, I think the message that the letter sends is highly problematic: It conveys the impression that the use of simple rhetorical devices could get you into trouble because they are are either not properly understood or deliberately misinterpreted.

I don’t blame the authors of the open letter for this – I am sure they have good reasons for including this example that might be convincing if they spelled them out in more detail. But as it stands, the example is unconvincing to me and only strengthens the case of the “free speech” faction – even though I’m very well aware that it’s not free speech that is at issue here.

Finally, Pinker’s tweet about the UCSB murders is hard to judge because the link he provides in his tweet is not active any more, so it’s impossible to tell whether the source he links provides any arguments that support his interpretation.

Thus, in the ongoing debate between proponents of “political correctness” on the one hand and “free speech” on the other, the open latter adds fuel to the flames. However, I should add that it has also had a number of positive consequences: Despite some furious reactions that in turn have spawned furious counter-reactions, I’ve seen quite a few thoughtful and nuanced comments and debates, on Twitter and elsewhere. The best one so far, in my view, is David Adger’s blog post, who explains very convincingly why he has signed the letter even though he didn’t find all arguments in the letter compelling. He also cites an example of Pinker denying scientific facts that is probably more convincing than all six arguments in the open letter taken together (it is mentioned in the open letter as well, but only in a footnote). Also, the letter has led to important discussions about power differentials in academia – Hagit Borer’s public Facebook post is definitely worth a read, although the fact that she focuses on the divide between early career researchers might detract a bit from what is actually at stake in the discussion, and what is probably the most important consequence of the open letter, namely that we are witnessing the start of a discussion about racism and other patterns of marginalization in linguistics in particular and in academia in general.

Let’s talk to each other, not about each other

So, let me reiterate that I agree that many of Pinker’s statements are problematic to say the least. Also, his reactions to the whole affair have not been very constructive, to put it mildly. Still I think the open letter does the linguistics community a disfavor by presenting his tweets as well as excerpts from his popular science work in a way that invites the interpretation that the authors are desperately trying to dig up examples that can somehow be interpreted as problematic, and the fact that one of their analyses is an obvious misinterpretation while others are at least debatable plays into the hands of people who believe that there’s some kind of “thought policing” on the political left that doesn’t tolerate deviant opinions. Again, let me emphasize that I don’t share this opinion. But we all know that there are quite a few people for whom this is a “ground truth”, and even though there are usually good arguments for not taking them too seriously and not trying to anticipate their reactions in everything we do and say, we should avoid giving anyone the impression that they are right.

One way to do this may be to reflect on our ground truths and to talk about them – not only in our “in-groups” that share our views. Of course there will always be people whose ground truths are so different from ours that any attempt at convincing them will be futile. But there are many more people whose ground truths are similar enough to ours that a fruitful debate is possible. Also, I think we have to practice dialectic discourse more than we usually do these days: We have to accept that several seemingly contradictory things can be true at the same time and that several people may draw very different conclusions from the same facts because they have different perspectives on it. Some of those perspectives may be so at odds with our ground truths that we will have to forcefully reject them, but in most cases, it might be worth considering them, trying to understand where our interlocutor is coming from, what their “ground truths” are, and why we disagree.

Finally, let me point out that I’m very well aware that as a white male academic, I’m writing all this from a position of extreme privilege, and I wholeheartedly agree that we have to listen to those groups that have been silenced for much too long. I am also very much aware that my post may be interpreted as downplaying the harmful effects of Pinker’s statements – but as I said above, my goal is not to show that they are unproblematic but that they are problematic to very different degrees and that the six statements cited in the open letter can only be seen as evidence for a pattern of racist and/or misogynist behavior if we interpret them in the worst possible way. Also, my goal was to point out that the whole debate is connected to another, more general discussion that we need to have: When are scientific hypotheses at odds with ground truths that should be universally shared? Some colleagues have stated that the open letter to the LSA is not about science at all, but I disagree: The whole debate is all about Pinker’s hypotheses and the way he presents them. Some people will probably say that there should be no boundaries whatsoever on the formulation of scientific hypotheses. I’m not entirely sure about that – there are probably good arguments that a study linking, say, IQ and ethnicity would be an inherently bad idea even if the study was well-designed and if IQ wasn’t such a problematic measure of intelligence.

At the beginning of this post, I’ve mentioned different levels of analysis – roughly speaking, the level of brute facts and the level of interpretation. I’ve argued that they should usually be kept apart, but we’re facing the challenge that they often cannot be kept apart because science usually combines both aspects, observation and interpretation. We should still try to keep the levels of analysis apart, but we should also be aware that we can’t always do that. This is why we need to discuss things like the ethical limits of scientific hypotheses and the presentation of scientific findings controversially, without ad-hominem attacks and without being too self-assured about our own judgments.

But as I already mentioned: I think it’s important to talk more to each other than about each other, so if you disagree with me, I’m happy to hear your thoughts.