Customizing colors using a charater vector with RGB values in ggplot2

Do you know this feeling when you’re trying to solve a problem, you’re sure that you’ve solved it before, but you don’t really remember when and, more importantly, how? That’s how I felt when I just tried to assign colors to items in a ggplot using a column with rgb values in a dataframe. Luckily I figured it out again after a while – to spare me the work of looking it up once again next time, I’m providing a minimal working example here, maybe other people will find it helpful too. Also, I’m happy to learn about more elegant solutions 🙂

library(tidyverse)

# dataframe
d <- tibble(x = c(0,1,2,3,1),
            y = c(1,0,2,3,4),
            col = c("rgb(0,0,1)", "rgb(0,1,0)", "rgb(0,1,0)", "rgb(1,0,0)", "rgb(1,0,0)"))

# factorize col column
# (because ggplot treats color as a category, hence
# one color will be assigned to each unique label in
# our "col" column)
d$col <- factor(d$col)

# vector with color values
my_cols <- levels(d$col)

# the color values have to be parsed and
# evaluated to make sure that they are recognized
# as such (and not as any other categorial input)
my_cols <- sapply(1:length(my_cols), 
                  function(i) eval(parse(text = my_cols[i])))

# plot
ggplot(d, aes(x = x, y = y, col = col, label = col)) + geom_text() +
  scale_color_manual(values = my_cols)
Result of the ggplot code given above
A ggplot with colors from a character column with RGB values

Of course all of this can also be done without the intermediate step of creating the my_cols vector:

library(tidyverse)

# dataframe
d <- tibble(x = c(0,1,2,3,1),
            y = c(1,0,2,3,4),
            col = c("rgb(0,0,1)", "rgb(0,1,0)", "rgb(0,1,0)", "rgb(1,0,0)", "rgb(1,0,0)"))

# factorize col column
# (because ggplot treats color as a category, hence
# one color will be assigned to each unique label in
# our "col" column)
d$col <- factor(d$col)

# plot - use the factor levels as input,
# and use eval(parse(...)) to make sure that
# they are actually recognized as colors
ggplot(d, aes(x = x, y = y, col = col, label = col)) + geom_text() +
  scale_color_manual(values = sapply(1:length(levels(d$col)), 
                                     function(i) 
                                       eval(parse(text = levels(factor(d$col))[i]))))



Quatsch-Statistik: Impfquote und Übersterblichkeit

In den letzten Tagen wurde öfter eine „Studie“ geteilt, die von einer ThĂŒringer Landtagsabgeordneten in Auftrag gegeben wurde und die einen Zusammenhang zwischen Impfquote und Übersterblichkeit nachweisen will: “Je höher die Impfquote, desto höher die Übersterblichkeit.” FĂŒr Laien sieht diese Studie sehr ĂŒberzeugend aus, zumal die Autoren auf den ersten Blick sehr nachvollziehbar beschreiben, wie sie vorgegangen sind – die „Studie“ wirkt also sehr transparent. Man muss aber kein großer Statistik-Kenner sein, um zu erkennen, dass die Ergebnisse, sofern sie sich denn reproduzieren lassen (was ich erfolglos versucht habe, weil die methodische Herangehensweise dann doch nicht genau genug beschrieben wird), nicht aussagekrĂ€ftig sind.

Problem 1: Auswahl der Daten und der KenngrĂ¶ĂŸe

Ein wesentliches Problem liegt schon im Konzept der „Studie“ selbst (da lediglich ein paar Daten miteinander in Korrelation gesetzt und ein bisschen Text drumherum geschrieben wurde, ohne dass das Ganze mit wissenschaftlicher Begutachtung veröffentlicht worden wĂ€re, fĂ€llt es mir schwer, von einer Studie ohne AnfĂŒhrungszeichen zu sprechen). Da Übersterblichkeit ein PhĂ€nomen ist, das von sehr vielen Faktoren abhĂ€ngt, lĂ€sst sie sich nur schwer auf einen einzelnen Faktor beziehen (was die Autoren auch einrĂ€umen, dazu spĂ€ter mehr). Das wurde auch 2020 deutlich, als in manchen LĂ€ndern statt Über- vielmehr eine Untersterblichkeit zu beobachten war – eine Beobachtung, die entgegen mancher Interpretationen nicht gegen die GefĂ€hrlichkeit von Covid-19 spricht, sondern eher fĂŒr die EffektivitĂ€t der Schutzmaßnahmen, die neben Corona noch andere potentielle Risiken vermindert haben. Das heißt nicht, dass die Übersterblichkeit grundsĂ€tzlich keine Aussagekraft hĂ€tte, aber wie bei jeder KenngrĂ¶ĂŸe muss man bedenken, welche EinschrĂ€nkungen sie mit sich bringt. Apropos EinschrĂ€nkungen: Recht willkĂŒrlich wirkt auch, dass die „Studie“ sich auf die Kalenderwochen 36 bis 40 beschrĂ€nkt, was man aber noch damit begrĂŒnden kann, dass ungefĂ€hr um KW 36 herum alle Erwachsenen ein „Impfangebot“ gehabt haben sollten.

Problem 2: Operationalisierung

Ein weiteres wesentliches Problem der „Studie“ besteht darin, dass sie die beiden Werte – Übersterblichkeit und Impfquote – einfach korreliert. Die Autoren der „Studie“ geben nicht an, mit welchem Korrelationsmaß sie arbeiten (vermutlich Pearsons Produkt-Moment-Korrelation), sondern geben lediglich an, dass die Korrelation mit .31 ĂŒberraschend hoch liege. Um das zu verstehen, muss man sich vergegenwĂ€rtigen, wie Korrelationskoeffizienten funktionieren. Sie ĂŒberprĂŒfen, ob im Vergleich zu dem, was bei einer Zufallsverteilung zu erwarten wĂ€re, ein linearer Zusammenhang zwischen zwei Variablen besteht. Nehmen wir zum Beispiel an, wir korrellieren das monatliche Einkommen der Eltern von Abiturientinnen mit ihrer Abiturnote. Wenn kein Zusammenhang zwischen beiden Variablen besteht, so erwarten wir, dass sich die Abiturergebnisse relativ unsystematisch ĂŒber die einzelnen Einkommensklassen verteilen, wie etwa hier:

Einkommen Eltern / Monat50020005000100002500050000100000
Punkte im Abitur640600780800570650700
Fiktive Daten: Abiturergebnisse, die nicht mit dem Einkommen der Eltern korrellieren.

Wenn hingegen ein klarer Zusammenhang besteht, dann erwarten wir, dass gilt: Je höher das Einkommen der Eltern, desto besser das Abiturergebnis:

Einkommen Eltern / Monat50020005000100002500050000100000
Punkte im Abitur500570600650720780800
Fiktive Daten: Abiturergebnisse, die mit dem Einkommen der Eltern korrellieren.

Ein Korrelationskoeffizient quantifiziert diesen Zusammenhang auf einer Skala von -1 (perfekte inverse Korrelation, also: je weniger von einer Variable, desto mehr von der anderen) bis +1 (perfekte Korrelation, also: je mehr x, desto mehr y). In der ersten Tabe lle oben zum Beispiel ist der Wert, den wir bekommen, -0.009 (also praktisch 0, kein Zusammenhang), in der zweiten ist er 0.85 (recht klarer Zusammenhang). Allerdings gilt natĂŒrlich auch: Je mehr Datenpunkte wir haben, desto zuverlĂ€ssiger ist das Ergebnis. Und je weniger Datenpunkte wir haben, desto stĂ€rker kann das Ergebnis von zufĂ€lligen schiefen Verteilungen in den Daten beeinflusst sein.

Um dem Rechnung zu tragen, schaut man sich bei der Verwendung von Korrelationskoeffizienten noch andere Werte an – etwa den p-Wert, der angibt, wie wahrscheinlich es ist, dass eine Verteilung wie die beobachtete durch Zufall zustandekommt. Interessanterweise geben die Autoren der „Studie“ ihn nicht an. Der p-Wert hat mittlerweile einen etwas ramponierten Ruf, weil man in zu vielen FĂ€llen einfach nur blind geschaut hat, ob der p-Wert unter der berĂŒhmt-berĂŒchtigten Signifikanzschwelle von 0,05 liegt, aber gerade in diesem Fall wĂ€re es durchaus aufschlussreich zu erfahren, ob das Ergebnis statistisch signifikant ist. Wer nicht einfach dem p-Wert vertrauen möchte, kann sich auch die Konfidenzintervalle anschauen, die uns – grob gesagt – sagen, in welchem Bereich der tatsĂ€chliche Wert mit 95%iger Wahrscheinlichkeit liegt. Auch die Konfidenzintervalle geben die Autoren nicht an – korrelliert man aber einfach Übersterblichkeit und Impfquote in den 16 BundeslĂ€ndern (ohne die von den Autoren genannte, aber nicht nĂ€her explizierte Gewichtung, auf die ich gleich eingehe), erhĂ€lt man einen Wert von -0.02 (also praktisch Null) mit einem Konfidenzintervall von -0.5 bis 0.5 (und einem p-Wert von 0,92). (Mein Skript dazu findet sich hier.)

Problem 3: Intransparenz

Die Autoren lassen nicht nur wichtige KenngrĂ¶ĂŸen weg, mit deren Hilfe sie ihr Ergebnis hĂ€tten evaluieren können, sondern legen auch nicht offen, wie sie zu ihrem Ergebnis kommen. Insbesondere legen sie nicht dar, wie genau sie die Gewichtung der Daten nach relativer Bevölkerungszahl vornehmen – diese Information wĂ€re jedoch zentral, denn wie bereits gezeigt, ergibt sich eine Korrelation von praktisch Null, wenn man einfach Impfquote und Übersterblichkeit in Bezug setzt. Offensichtlich erklĂ€rt also nur die besagte Gewichtung den vergleichsweise hohen (und immer noch nicht allzu beeindruckenden) Wert von 0.3, auf den die Autoren kommen. Fun fact: Korrelliert man die Impfquote mit der Anzahl der Weltnatur‑ und ‑kulturerbestĂ€tten im jeweiligen Bundesland, erhĂ€lt man auch einen Korrelationskoeffizienten von -0.32. Das ist noch lange nicht so beeindruckend wie bei anderen Scheinkorrelationen, zeigt aber noch einmal, wie wenig aussagekrĂ€ftig die Daten sind.

Framing

Die „Studie“ ist also in jeder Hinsicht schwach – durch eine nicht nĂ€her definierte Gewichtung wird eine schwache Korrelation aufgezeigt, ohne dass sie nĂ€her evaluiert wird, es wird lediglich ein Wert in den Raum gestellt, der höher ist als der vielleicht intuitiv zu erwartende. Das Perfide ist aber nun, dass das alles in einem vermeintlich wissenschaftlichen Format prĂ€sentiert wird – mit scheinbar transparenter Darstellung der einzelnen Arbeitsschritte, relativ professioneller Visualisierung, und das Ganze auch noch durchaus fĂŒr Laien verstĂ€ndlich formuliert. Dabei behaupten die Autoren auch nicht, dass ihre Studie einen Beleg fĂŒr einen kausalen Zusammenhang fĂŒr Impfung und Sterblichkeit darstelle, sondern rĂ€umen ein, dass auch andere ErklĂ€rungen in Frage kommen. Dabei stellen sie ihren Befund aber als weitaus klarer und eindeutiger dar, als er eigentlich ist („Die Korrelation ist (…) erstaunlich hoch“) und lassen vor allem die naheliegendste alternative ErklĂ€rungsmöglichkeit außen vor, nĂ€mlich dass die Korrelation, sofern sie sich denn einigermaßen belastbar nachweisen lĂ€sst, eine rein zufĂ€llige ist.

Das Framing des Artikels, also der Deutungsrahmen, den er anbietet, bedient zudem in hohem Maße wissenschaftlich nicht haltbare Vorurteile und „Querdenker“-Narrative, die aber betont zurĂŒckhaltend und in scheinbar wissenschaftlichem Duktus formuliert werden und dadurch nicht als solche auffallen. So wird als alternative „ErklĂ€rung“ in den Raum gestellt, dass durch den Impfdruck ausgelöste Angst- und Stressfaktoren zu höherer Sterblichkeit fĂŒhren könnten – die Annahme, dass die Impfung tötet, entweder auf medizinischem oder auf psychosozialem Weg, wird also durchweg recht stark gemacht. Diese Idee wird in verschwörungstheoretischer „Wir-stellen-nur-Fragen-Manier“ in den Raum gestellt, ohne dass beispielsweise darauf eingegangen wird, dass es ja nicht „die Impfung“ gibt, von der im Text die Rede ist, sondern verschiedene Impfstoffe. Um nicht falsch verstanden zu werden: NatĂŒrlich ist es auch in der Wissenschaft wichtig, Fragen zu stellen und Beobachtungen, fĂŒr die man noch keine ErklĂ€rung hat, zur Diskussion zu stellen. Die hier getĂ€tigte „Beobachtung“ ist jedoch allem Anschein nach nur das Ergebnis von schlechter Statistik und zudem offenkundig von einer problematischen PrĂ€misse geleitet. Indem sie vorgibt, nur mit harten Daten und Fakten zu arbeiten („Ob jemand zweifach geimpft ist, ist ebenso unstrittig wie die Frage, ob jemand gestorben ist“ – außer natĂŒrlich Markus Anfang und Schrödingers Katze!), gibt sie sich einen wissenschaftlichen Anstrich und streut Verunsicherung auf Grundlage extrem dĂŒnner Evidenz.

Setting up a conference registration form using Limesurvey

When organizing Protolang 7, we used LimeSurvey to create a conference registraton form. We were lucky enough that I have access to my faculty’s own LimeSurvey instance (as the free tier of the LimeSurvey SaaS plan only supports a very limited number of responses). Under these circumstances, LimeSurvey was the ideal tool for our purpose – it’s easy to use, it’s flexible, and thanks to the installation at our university servers, it’s also more privacy-friendly than other solutions (like e.g. Google Forms).

I won’t give a complete tutorial here on how to set up a conference registration form using LimeSurvey – it’s so easy that this would probably be a waste of time. Instead, I will focus on one thing that we could have done better and one thing that saved us at least once during the process.

Sending a confirmation letter

Probably our biggest mistake was that we failed to send out confirmation emails. As I found out later, this would have been pretty easy, although you have to cheat a bit: Unless you want to send emails to people who have been invited to take part in the survey via email, there’s no obvious way to send a confirmation letter to an email address that has been entered in one of the fields. HOWEVER, in the “Notifications & Data” tab of the Settings, there’s the option to send notification mails to the administrator (normally, you). This option can be used to send notification mails to an email address specified in one of the fields. How?

  • Look up the question code of the question in which you ask participants for their email address.
  • Enter this code (in angle brackets) in the “admin notification” field. It doesn’t matter whether you choose “basic” or “detailed” notification – you can customize either of the two notification emails in the next step.
  • Now you can navigate to “Email templates” and customize your message.

Make sure that the variables {FIRSTNAME} and {ADMINNAME} actually resolve to something meaningful – in case of doubt, better remove them and use something fixed.

Making backup copies

One disadvantage of LimeSurvey is that once your survey is published, you can’t edit it any more. But you can export it using the “Display/Export” button:

So if you find a mistake after publishing it, you can easily create a new one and re-import the structure of the existing survey without having to create it from scratch.

GefĂŒhlte Wahrheiten und echte FehlschlĂŒsse

Mann ohne Gesicht schlĂ€gt HĂ€nde ĂŒber dem Kopf zusammen
Foto: Gerd Altmann / pixabay / CC0

Über die Aktion #allesdichtmachen ist inzwischen fast alles gesagt worden. Es wurde viel berechtigte Kritik, aber auch VerstĂ€ndnis geĂ€ußert, und es wurden sogar GesprĂ€chsangebote gemacht. Der Diskurs, den die Videos eigentlich auslösen wollten, stand aber von Anfang an unter keinem guten Stern, was auch daran liegt, dass die Beteiligten den Weg zu einer fruchtbaren Diskussion durch ihre Cringe-Satire weitgehend verbaut haben. Daher haben sich auch immer mehr Beteiligte von der Aktion distanziert, und ein großer Teil der Videos wurde mittlerweile folgerichtig offline genommen. Was trotzdem bleibt: viel mediale Aufmerksamkeit und die Frage, ob sich aus der destruktiven Aktion etwas Konstruktives ableiten lĂ€sst, was ĂŒber den kurzzeitigen Shitstorm hinausgeht.

„Diagonale“ Narrative

Wenn man von den positiven Reaktionen absieht, die vor allem aus Lagern kamen, von denen sich die Macher der Videos wohl eher keinen Applaus erhofft hatten, lassen sich die Reaktionen auf die Videos grob in zwei Lager aufteilen: einerseits heftige Empörung, andererseits milde Empörung gepaart mit dem Hinweis, dass die Aktion einige wichtige Punkte anspreche und einige Reaktionen darauf ihrerseits ĂŒber das Ziel hinausschössen.

Beide Reaktionen sind verstĂ€ndlich, bringen uns aber nicht unbedingt weiter, sodass ich hier die Frage stellen möchte: Kann es einen wirklich konstruktiven Umgang mit diesen Videos geben? Ich wĂŒrde sagen ja – und zwar, wenn wir uns auf eine Metaebene begeben und fragen, was wir daraus lernen können ĂŒber die Narrative und Denkmuster, die in nicht unerheblichen Teilen der Gesellschaft das Bild von der aktuellen Pandemiepolitik prĂ€gen. Und wenn wir uns fragen, wie wir ihnen begegnen können.

Den Videos liegen eine Reihe von Narrativen zugrunde, bei denen es sich teils um FehlschlĂŒsse, teils um Fake News oder Verschwörungstheorien handelt, die aber allesamt selbst bei Menschen, die nicht an der Existenz oder GefĂ€hrlichkeit von Corona zweifeln, relativ weit verbreitet sein dĂŒrften, zumal viele davon des öfteren in auflagenstarken Zeitungen nicht nur der Springer-Presse verbreitet werden. In Anlehnung an einen ausfĂŒhrlichen Artikel, der sich mit den HintergrĂŒnden der Querdenker-Bewegung befasst, könnte man hier vielleicht von „diagonalen“ Narrativen sprechen, ohne dass zwangslĂ€ufig alle, die „diagonale“ Positionen vertreten, eine NĂ€he zu „Querdenkern“ aufweisen; im Gegenteil distanzieren sich viele explizit von ihnen (und/oder machen ihre Demonstrationen sogar maßgeblich fĂŒr das Ansteigen der Infektionszahlen verantwortlich). Die „diagonalen“ Narrative sind außer in der Springer-Presse auch anderswo in den Medien prĂ€sent – etwa in Kabarettsendungen von Dieter Nuhr oder Helmut Schleich (auch wenn das durch den Blackfacing-Skandal geflissentlich ĂŒbersehen wurde); aber auch in Teilen der Politik und im Alltag: Wenn ich zum Beispiel mit manchen Verwandten spreche oder mal wieder einen Blick in meinen Facebook-Feed statt in die Twitter-Bubble werfe, wenn ich Regionalzeitungen lese und dort insbesondere die Leserbriefe, begegnen sie mir allenthalben. Zu den wahrscheinlich verbreitetsten Beispielen gehören, in sehr allgemeiner Form formuliert und von unterschiedlichen Personen unterschiedlich radikal vertreten,

  • die Überzeugung, dass die Lockdown-Maßnahmen wirkungslos seien und man sie daher auch lassen könne;
  • der Glaube, dass die „KollateralschĂ€den“ des Lockdowns mindestens genauso groß seien wie die SchĂ€den, die die Pandemie einrichtet;
  • die Idee, dass die Vorsicht vor Corona in der Politik, aber auch in der Gesellschaft maßlos ĂŒbertrieben sei.

Das sind zwar keine Mehrheitspositionen, aber nach meinem Eindruck auch keineswegs völlige Nischenpositionen. WĂ€hrend sich in den jĂŒngsten Deutschlandtrend- und Politbarometer-Umfragen eine Mehrheit fĂŒr hĂ€rtere Maßnahmen ausspricht, findet immer noch gut ein Viertel der Befragten die Corona-Maßnahmen ĂŒbertrieben.

Um nicht missverstanden zu werden: Bei allen drei Aussagen handelt es sich nicht zwangslĂ€ufig um „Querdenker“-Meinungen. Mit guten Argumenten könnte man sie potentiell alle drei verteidigen, wobei die wissenschaftliche Evidenz gerade gegen die erstgenannte Position doch ziemlich erheblich ist. Allerdings geht es, wie Jan Josef Liefers in einem Interview einrĂ€umte, bei der #allesdichtmachen-Aktion dezidiert auch um „gefĂŒhlte Wahrheiten“.

Die FehlschlĂŒsse hinter den gefĂŒhlten Wahrheiten

Meine Überzeugung ist, dass man auch solche „gefĂŒhlten Wahrheiten“ wahrnehmen und ernst nehmen muss, auch wenn das immer eine schmale Gratwanderung ist, weil man damit Gefahr lĂ€uft, ihnen auf problematische Weise LegitimitĂ€t zuzusprechen – man denke an die Diskussionen darĂŒber, ob man „mit Rechten reden“ bzw., in der inzwischen oft verspotteten euphemistischen Formulierung, die „Sorgen der BĂŒrger ernst nehmen“ sollte. Zumindest kann es sinnvoll sein, sich mit der Frage zu beschĂ€ftigen, woher solche Narrative kommen, und die FehlschlĂŒsse zu entlarven, die ihnen zugrundeliegen.

Hier daher eine kleine Typologie an FehlschlĂŒssen, die ich in der aktuellen Diskussion immer wieder erkenne und mit denen sich die oben genannten sowie einige weitere Narrative teilweise erklĂ€ren lassen (grĂ¶ĂŸtenteils meine eigene Typologie; ich will nicht ausschließen, dass Andere das schon besser und treffender formuliert haben):

  • der egoistische Fehlschluss: die Gefahr einer eigenen Infektion wird in Kauf genommen, ohne zu bedenken, dass man in diesem Fall Andere anstecken kann, die wiederum Andere anstecken, die wiederum… usw. Mein persönlicher Eindruck ist, dass dies der verbreitetste und auch folgenreichste Denkfehler ist, der hĂ€ufig gemacht wird. TatsĂ€chlich machen alle Maßnahmen nur Sinn, wenn man genau das mitdenkt – es geht darum, schon eine vergleichsweise geringe Zahl an Infektionen zu verhindern, um ein exponentielles Wachstum der Ansteckungszahlen zu verhindern (ein Konzept, fĂŒr das in der Theorie mittlerweile fast alle ein gewisses VerstĂ€ndnis entwickelt haben dĂŒrften, ohne aber zwangslĂ€ufig die eigene Rolle, die man im Falle einer Ansteckung selbst in diesem exponentiellen Wachstum spielen könnte, realistisch einschĂ€tzen zu können). Der egoistische Fehlschluss lĂ€sst sich auch mit einem Fehlschluss der Kontrolle in Verbindung bringen: Wenn etwa in gefĂŒhlt Hunderten Facebook-Sharepics fĂŒr die Öffnung der Gastronomie mit dem Argument plĂ€diert wird, dass man sich ja gut selbst schĂŒtzen könne, liegt dem die Idee zugrunde, das eigene Infektionsrisiko recht gut unter Kontrolle zu haben – was aber, auch angesichts anderer FehlschlĂŒsse, oft genug eine Illusion bleiben muss.
  • das klassische PrĂ€ventionsparadox, aber mit Mutationsbooster: Auch hier verlasse ich mich ausschließlich auf meine Intuition, wenn ich sage, dass nach meinem Eindruck das PrĂ€ventionsparadox im Zuge der ersten Pandemiewelle ĂŒberbewertet wurde. Sicher gab es einige, die an den Lockdown-Maßnahmen zweifelten, weil die erste Welle in Deutschland glĂŒcklicherweise hinter den BefĂŒrchtungen zurĂŒckblieb, aber ich glaube, es gab doch ein weit verbreitetes Bewusstsein dafĂŒr, dass es die Maßnahmen waren, die Schlimmeres verhindert haben. Durch die Kombination aus dem BemĂŒhen der Politik, weitere Lockdowns möglichst „light“ zu halten, mit dem Auftreten von ansteckenderen Mutationen kam es dann aber zu einer anderen Art PrĂ€ventionsparadox: Plötzlich kam das Narrativ auf, dass die Lockdown-Maßnahmen wirkungslos seien. FĂŒr Fachleute und informierte Beobachterinnen war klar, dass die lange vorhergesagte dritte Welle aufgrund der Mutationen kommen musste. FĂŒr viele, die sich nicht ganz so eingehend informieren (können), blieb das erneute Ansteigen der Infektionszahlen aber ein RĂ€tsel und konnte zu dem Eindruck fĂŒhren: Okay, dann bringen die Maßnahmen wohl nichts, also können wir sie eigentlich auch sein lassen.
  • der kontrafaktische Fehlschluss und der Fehlschluss der Gleichzeitigkeit: Diese beiden eng verwandten FehlschlĂŒsse laufen darauf hinaus, dass man mit Möglichkeiten und Szenarien argumentiert, die aber faktisch nicht oder noch nicht gegeben sind. Die hĂ€ufige Forderung, statt auf Maßnahmen auf mehr Tests und Impfungen zu setzen, beruht auf diesen FehlschlĂŒssen; und auch wenn es sich sicherlich in vielen FĂ€llen um kalkulierten, billigen Populismus handelt, will ich doch nicht allen, die diese Forderung stellen, böse Absichten unterstellen, sondern gehe vielmehr davon aus, dass manche von ihnen tatsĂ€chlich diesem Fehlschluss unterliegen. Diese Forderungen funktionieren aber eben nur, wenn genug Impfstoff vorhanden ist bzw. wenn die Tests entweder extrem zuverlĂ€ssig sind oder die Inzidenz niedrig genug, dass einige falsch-negative Ergebnisse nicht allzu sehr ins Gewicht fallen. Nichts davon ist derzeit der Fall. Ein Musterbeispiel fĂŒr den Fehlschluss der Gleichzeitigkeit lieferte der mittlerweile fast schon berĂŒchtigte Kommentar von Bild-Chef Julian Reichelt: „WĂ€hrend in England Menschen vor den Pubs Schlange stehen, sperrt unsere Regierung einen Landkreis mit 50000 Menschen ein, wenn in einer Woche 50 von ihnen positiv auf Corona getestet werden“. An die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, den quasi asynchronen Verlauf der Pandemie in verschiedenen Gegenden der Welt, haben wir uns eigentlich in den letzten Monaten gewöhnt – man könnte auch argumentieren, dass sie uns zu Beginn der Pandemie zum VerhĂ€ngnis geworden ist, weil die Berichte erst aus China, dann aus Italien auf viele wirkten wie Nachrichten aus einer anderen, weit, weit entfernten Welt. Und trotzdem neigen wir dazu, eher den Status quo hier mit dem Status quo anderswo zu vergleichen, als den asynchronen Verlauf mit- und ĂŒber die nĂ€chsten Wochen hinaus zu denken.
  • der Fehlschluss der Dissoziation: Dieser Fehlschluss begegnet uns etwa, wenn die Maßnahmen der PandemiebekĂ€mpfung als politische Entscheidungen unabhĂ€ngig von der Pandemie wahrgenommen werden; oder auch, wenn die Pandemie als etwas wahrgenommen wird, was außerhalb des eigenen Lebensbereichs stattfindet, sodass die eigenen Kontakte etwa in der Familie (oder auch am Arbeitsplatz) subjektiv als sicher empfunden werden, wĂ€hrend man anderswo vorsichtshalber etwas mehr Abstand hĂ€lt.

FehlschlĂŒsse wie diese zu entlarven kann dabei helfen, sachlich gegen fragwĂŒrdige Positionen wie diejenigen, die den #allesdichtmachen-Videos zugrundeliegen, zu argumentieren – insbesondere dann, wenn sie uns im eigenen Umfeld begegnen. Denn Ausgangspunkt dieses Beitrags war ja meine These, dass die Videoaktion kein „Dammbruch war“, wie es der Medienjournalist Stefan Niggemeier beschrieben hat, und dass die Aktion auch nicht die fraglichen Ideologien in die Mitte der Gesellschaft trĂ€gt, wie es Thomas Laschyk in seiner sehr lesenswerten Analyse beim „Volksverpetzer“ annimmt – diese Ideologien sind vielmehr lĂ€ngst da. Durch die Videoaktion haben sie lediglich eine große BĂŒhne und enorme mediale Aufmerksamkeit bekommen, verstĂ€rkt durch den extremen Zynismus und das, sagen wir mal, rĂ€tselhafte Timing (ein Jahr zu spĂ€t, um wirklich etwas zum Diskurs beizutragen, mitten in der dritten Welle und zugleich mitten in der Impfkampagne, die zwar nicht dem Virus, aber hoffentlich der Pandemie in absehbarer Zeit ein Ende bereitet).

Schade ist, dass damit die Diskussion ĂŒber die durchaus wichtigen Fragen, die die Videos auch stellen, weitgehend im Keim erstickt wurde – und zwar von den Beteiligten selbst, nicht von den Kritiker:innen, denen jetzt erwartungsgemĂ€ĂŸ teilweise „cancel culture“ oder sogar faschistoide Tendenzen vorgeworfen werden. Die These, dass die Schicksale der vom Lockdown unmittelbar Betroffenen in der öffentlichen Diskussion noch nicht ausreichend BerĂŒcksichtigung finden, kann man beispielsweise durchaus diskutieren (auch wenn die implizite Unterstellung, dass sie in der medialen Berichterstattung so gut wie gar nicht vorkommen, offensichtlich nicht stimmt). Denn dass der Lockdown enorme wirtschaftliche, psychologische und in einigen Bereichen auch gesundheitliche Auswirkungen hat, bestreitet niemand. Wenn diese Auswirkungen aber gegen die PandemiebekĂ€mpfungsmaßnahmen ins Feld gefĂŒhrt werden, greift der Fehlschluss der Dissoziation. NatĂŒrlich kann man mit diesen Argumenten trotzdem gezielt einzelne Maßnahmen hinterfragen, aber genau das geschieht meist gerade nicht, wenn etwa auf die Gefahr hĂ€uslicher Gewalt oder von KindeswohlgefĂ€hrdungen hingewiesen wird. TatsĂ€chlich könnte man aber – worauf in der Diskussion um die #allesmachtdicht-Videos auch des öfteren hingewiesen wurde – mit Verweis auf mögliche und tatsĂ€chliche negative Auswirkungen des Lockdowns fĂŒr eine konsequente No-Covid-Strategie argumentieren: Denn dass Maßnahmen umso kĂŒrzer ausfallen können, je hĂ€rter sie sind, dĂŒrfte sich mittlerweile herumgesprochen haben.

Dass auch diejenigen, die sich (wie auch ich selbst) tendenziell fĂŒr hĂ€rtere Maßnahmen aussprechen, einem Fehlschluss unterliegen könnten und an der einen oder anderen Stelle den Effekt eines kurzen, harten Lockdowns zu optimistisch einschĂ€tzen, will ich dabei nicht völlig ausschließen. Dass der Ruf nach einer NoCovid-Strategie lauter wird – etwas, was Dietrich BrĂŒggemann als Initiator der #allesdichtmachen-Aktion interessanterweise explizit kritisiert – liegt aber eben auch daran, dass entgegen der hĂ€ufig gehörten Unterstellungen niemand Lust auf (noch mehr) Lockdown hat. Und wenn wir all den Zynismus und Sarkasmus, die uns aus den Videos entgegenschlagen, und all die heftige und berechtigte Empörung, die im Gegenzug aufkam, beiseitelassen, ist das doch zumindest etwas, worauf wir uns alle einigen können.

Sprachideologien in der Pandemie: Die “Sprachwahrer” 2020

(Bild: geralt, Pixabay, CC-0)

Was haben Elon Musk, Hendrik Streeck, Prinz Charles und Lisa Eckhart gemeinsam? Sie alle sind fĂŒr den Preis „Sprachwahrer des Jahres“ nominiert, der von der Zeitschrift „Deutsche Sprachwelt“ jĂ€hrlich vergeben wird. Dass ich zufĂ€llig auf diese schon vor Weihnachten bekanntgegebene Information gestoßen bin, verdanke ich ĂŒbrigens der Tatsache, dass sich die „Sprachwelt“ die Domain rechtschreibrat.de gesichert hat (die Seite des Rats fĂŒr deutsche Rechtschreibung findet man unter rechtschreibrat.com). Eigentlich wollte ich nur nachschauen, ob das amtliche Regelwerk zur deutschen Rechtschreibung tatsĂ€chlich ein Leerzeichen vor Auslassungspunkten vorsieht, wie jemand auf Twitter behauptet hatte (Spoiler: ja). Die Nominiertenliste fĂŒr die „Sprachwahrer“-Auszeichnung konnte dann in ihrer bunten Mischung aus Nominierten doch meine nicht ganz verdiente Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Liste ist soziologisch interessant, denn so völlig willkĂŒrlich sie auf den ersten Blick scheint, so folgerichtig ist sie auf den zweiten. Besonders stechen dabei zwei Nominierte heraus: Hendrik Streeck und Boris Reitschuster.

Letzterer fĂ€llt, wie beispielsweise die SZ (Paywall) neulich gezeigt hat, durch inhaltliche NĂ€he zu Corona-Verschwörungstheorien auf, die er gern auch in der Bundespressekonferenz ausbreitet. Ersterer hingegen ist eher unfreiwillig, wenn auch nicht ganz ohne eigenes Zutun, zu einer Galionsfigur von Teilen dieser Szene geworden. Am teils problematischen Streeck-Bashing, das derzeit in Mode ist, will ich mich dabei nicht beteiligen, sondern verweise lediglich auf die fundierte Kritik an seinen fachlichen Aussagen (aber auch auf seine deutliche Abgrenzung von Verschwörungstheorien). Dass der Autor eines Buchs mit dem Titel „Hotspot“ (nicht etwa „Heißfleck“ oder „engl. ‚heiße Stelle‘“, wie uns die oft in beinahe selbstparodistischer Weise sprachpuristische deutsche Wikipedia belehrt) von den sonst so wenig anglizismenaffinen Sprachweltlern mit einer solchen Nominierung bedacht wird, lĂ€sst sich wohl eher politisch erklĂ€ren, was in der BegrĂŒndung auch durchschimmert: Schließlich „vermeidet er Übertreibungen und Zuspitzungen und trĂ€gt damit zu einer AtmosphĂ€re bei, in der angstfrei und sachlich diskutiert werden kann.“ Das lĂ€sst sich durchaus so lesen, dass Streeck weniger fĂŒr seine geschliffene Sprache nominiert ist (was, wenn man sich manche seiner Talkshow-Auftritte ansieht, auch eher verwunderlich wĂ€re) als vielmehr dafĂŒr, dass sich mit manchen seiner Aussagen eine pandemieverharmlosende Politik rechtfertigen lĂ€sst, wie sie in großen Teilen des rechten politischen Spektrums (aber natĂŒrlich nicht nur dort) gefordert wird, insbesondere eben auch von medialen Akteuren wie Reitschuster.

Die Wahl zum „Sprachwahrer des Jahres“, die zeitweise auch grĂ¶ĂŸere mediale Aufmerksamkeit fand (2011 etwa befand der Tagesspiegel offenbar völlig unironisch: „Großer Erfolg fĂŒr Verkehrsminister – Ramsauer ist ‚Sprachwahrer des Jahres‘; aus heutiger Sicht freilich verstĂ€ndlich, da man eine solche Auszeichnung gewissen amtierenden Verkehrsministern durchaus als vergleichsweise großen Erfolg durchgehen lassen könnte), war natĂŒrlich immer schon eine politische, zum großen Teil jedoch eine sprachpolitische – ausgezeichnet wurden Persönlichkeiten und Institutionen, die sich gegen Fremdwörter und geschlechtergerechten Sprachgebrauch und/oder fĂŒr den Gebrauch rassistischer Begriffe einsetzen. Bei den aktuellen Nominierten wirken die sprachbezogenen BegrĂŒndungen mehr denn je wie ein Vorwand, worin sich einmal mehr der enge Zusammenhang zwischen Sprachideologien und politischer Ideologie zeigt. Die Nominierten decken einen großen Teil der Positionen ab, die fĂŒr aktuelle rechtskonservative Strömungen charakteristisch sind: Eine Kabarettistin, die angeblich Opfer von „Cancel Culture“ wurde. Ein CSU-Abgeordneter, der fĂŒr eine langjĂ€hrige Forderung der Sprachkonservativen wirbt: eine Quote fĂŒr deutschsprachige Musik im Radio. Ein Fitnessstudio-Betreiber, der allen eine kostenlose Mitgliedschaft anbot, die ihm ein Exemplar jener Soße mitbrachten, die damals in der WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ fĂŒr Diskussionen sorgte. (Die Älteren unter uns erinnern sich: Das war jene Sendung, in der Thomas Gottschalk zu Protokoll gab, er habe einmal „Wetten, dass…“ moderiert und wisse daher genau, wie es sich anfĂŒhlt, Wolfgang Lippert zu sein. Oder so Ă€hnlich.) Und eben Reitschuster und Streeck, die – der eine mehr, der andere weniger – symbolisch fĂŒr eine Anti-Lockdown-Politik stehen. Als prominentes SahnehĂ€ubchen sind außerdem noch Elon Musk und Prinz Charles dabei, weil sie bei ihren Deutschland-Besuchen ein paar Worte Deutsch gesprochen haben.

WĂ€hrend sich die “Sprachwelt” gern gegen den Vorwurf der Rechtslastigkeit verwahrt, tragen die aktuellen Nominierungen insgesamt also nicht unbedingt dazu bei, diesem Image entgegenzuwirken.

Auch wenn die Abstimmung fĂŒr den „Sprachwahrer“ am 31. Januar endete, wurden die Gewinner ĂŒbrigens noch nicht bekanntgegeben. Es bleibt also spannend…

Sorry, ich meinte natĂŒrlich: Es bleibt spannend …

Der Verein Deutsche Sprache: Ein Wolf im Sprachpelz

Dieser Beitrag ist auch als Gastbeitrag bei volksverpetzer.de erschienen.

Der Verein Deutsche Sprache e.V., kurz VDS, ist auf den ersten Blick ein harmloser Verein mit einem unterstĂŒtzungswerten Ziel: der Wahrung und Pflege der deutschen Sprache. Daher wurde ĂŒber seine Aktionen, etwa die jĂ€hrliche KĂŒr zum „Sprachpanscher des Jahres“, von den Medien lange recht unkritisch berichtet (z.B. 2019 und 2020 in der Welt, 2019 im Stern, 2018 bei ntv, um nur einige neuere Beispiele zu nennen). Die aktuelle Aktion „Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!“ mit inzwischen ĂŒber 10.000 Unterzeichner*innen hat das Potential, den Verein einmal mehr in die Medien zu bringen.

Worum geht es? Der Duden ĂŒberarbeitet sein Online-Wörterbuch: Statt bei weiblichen Personenbezeichnungen wie Ärztin auf die mĂ€nnliche Form zu verweisen, gibt es nun eigene EintrĂ€ge. Ärztin wird definiert als „weibliche Person, die nach Medizinstudium und klinischer Ausbildung die staatliche Zulassung (Approbation) erhalten hat, Kranke zu behandeln“, Arzt entsprechend als „mĂ€nnliche Person“. Nun kann man auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht lange darĂŒber diskutieren, ob die geschlechtergerechte Überarbeitung des Wörterbuchs in genau dieser Form eine gute Idee ist oder ob es bessere Alternativen gegeben hĂ€tte. Darum soll es hier nicht gehen, auch nicht um die aus linguistischer Perspektive einigermaßen haarstrĂ€ubende Argumentation des „Aufrufs“, sondern um den VDS, der diesen Aufruf initiiert hat. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der Verein nĂ€mlich als Sprachrohr eines dumpfen Rechtspopulismus, weshalb ihm Stefan Niggemeier bereits 2016 eine gewisse „Pegidahaftigkeit“ attestiert hat.

Die Rechtspopulismus-Checkliste: 4/4 Punkten fĂŒr den VDS

Wer sich nur wenige Minuten auf der Internetseite des Vereins umschaut, gerĂ€t in einen Sumpf aus Rassismus, Homo- und Transphobie sowie typischer rechtspopulistischer Argumentationsmuster. In einem kĂŒrzlich erschienenen Sammelband arbeitet eine Gruppe von Wissenschaftler*innen und Journalist*innen vier zentrale Themen rechtspopulistischer Agitation heraus und zeigt, wie diese Themenfelder von der Neuen Rechten in ganz Europa besetzt werden: Demokratie, Feminismus und Geschlechterrollen, Religion sowie Nationalismus/Rassismus. Ein Blick in die aktuelle Ausgabe der VDS-Zeitung „Sprachnachrichten“ genĂŒgt, um zu zeigen, wie der VDS diese rechtspopulistischen Narrative bedient (alle Zitate, soweit nicht anders angegeben, aus den „Sprachnachrichten“):

  • Demokratie: Der Rechtspopulismus bedient sich regelmĂ€ĂŸig der GegenĂŒberstellung eines vermeintlich „wahren“ Volkes auf der einen Seite mit angeblichen „Eliten“ auf der anderen. Der VDS greift auf Ă€hnliche Argumentationsmuster zurĂŒck, wenn etwa geschlechtergerechte Sprache als „politisch kuratierte Sprachlenkung“ seitens einer „Genderlobby“ bzw. „international­sozialistischen SchlĂ€ger*innentrupps“ dargestellt wird oder Personenbezeichnungen wie „Mensch mit internationaler Geschichte“ mit Orwells „Neusprech“ in Verbindung gebracht werden. Bei den „Eliten“ dĂŒrfen natĂŒrlich die Medien nicht fehlen, insbesondere jene „aus dem öffentlich­rechtlich durchgefĂŒtterten GrĂŒnfunk“.
  • Feminismus/Gender: Die Neue Rechte hĂ€lt an traditionellen Rollenbildern fest, zugleich inszenieren sich ihre Vertreter*innen aber auch als die „wahren“ Feminist*innen, etwa in der Abwehr vermeintlicher Bedrohungen, die ihrerseits zumeist rassistisch aufgeladen sind. Aber auch das „Gender Mainstreaming“ wird als Bedrohung empfunden. Auch der VDS bedient sich gern des Narrativs, mit seiner Ablehnung des Genderns eigentlich den „wahren“ Feminismus zu vertreten: „‚Geschlechtergerechte Sprache‘ ist frauendiskriminierend und ‑herabsetzend.“ Dabei muss man einrĂ€umen, dass diese Argumentation nicht nur von rechtspopulistischer Seite gefĂŒhrt werden kann – eine durchaus differenzierte Auseinandersetzung findet sich z.B. in einem Gastbeitrag von Nele Pollatschek im „Tagesspiegel“ (eine lesenswerte Gegenposition findet sich in diesem Twitter-Thread von Anatol Stefanowitsch). Im Falle des VDS allerdings ist diese Argumentation eingebettet in eine Rhetorik, die sich ganz im Sinne neurechter Ideologien gegen eine vermeintliche „Gender-Ideologie“ richtet. Bezeichnend ist beispielsweise, dass der VDS sich fĂŒr seine „5 Thesen zur Gendersprache“ mit dem Verein Agens e.V. zusammengetan hat, der fĂŒr „gelebte Ungleichheit“ zwischen Mann und Frau eintritt, der die Triade „Vater – Mutter – Kind“ gegen die aktuelle „Geschlechter- und Familienpolitik“ verteidigen möchte und der sich gegen eine angebliche „FrĂŒhsexualisierung“ von Kindern und die „Normalisierung“ unterschiedlicher sexueller Orientierungen einsetzt (Quelle). Diese Geisteshaltung schlĂ€gt sich auch im oben erwĂ€hnten Aufruf nieder, der dem Duden eine „problematische Zwangs-Sexualisierung“ der Sprache vorwirft.
  • Religion: Hier spielt die Neue Rechte bekanntlich gern das „christliche Abendland“ gegen den vermeintlich gefĂ€hrlichen Islam aus. Auch hier muss man in den „Sprachnachrichten“ nicht lange suchen, um, wenig ĂŒberraschend, in einem Artikel von Peter Hahne fĂŒndig zu werden, der kritisiert, dass die christliche Kirche mit „roter Ideologie und grĂŒnem Gutmenschentum“ austauschbar geworden sei: „Inzwischen brauchen wir keine ideologische Feministen­Religion mehr oder den aggressiven  Islam, um den letzten Rest von Christlichkeit aus dem Abendland zu verbannen. Kirche erledigt das von selbst!“
  • Nationalismus und Rassismus: „Sprachnationalismus“ hat in Deutschland eine lange Tradition, wie etwa Anja Stukenbrock in ihrer gleichnamigen Monographie gezeigt hat. In der aktuellen Ausgabe der „Sprachnachrichten“ zeigt er sich im Spagat zwischen einer romantisch-verklĂ€renden Darstellung von Dialekten („Die Sprache meiner Kindheit“) einerseits und der Ablehnung von „Denglisch“ andererseits. Sprachpurismus, der sich in der Ablehnung von Fremdwörtern Ă€ußert, ist steter Begleiter des Sprachnationalismus. Die andere Seite der Medaille ist eine Art Sprachnostalgie, die einen lĂ€ngst nicht mehr aktuellen, vielleicht auch nie dagewesenen Sprachzustand verklĂ€rt, Ă€hnlich wie gerade Konservative gern eine „gute alte Zeit“ heraufbeschwören, die es so nie gegeben hat. Das fĂŒhrt dann dazu, dass auch rassistische Sprache nicht als solche erkannt und benannt wird und der Verein hartnĂ€ckig Begriffe wie das M-Wort und das N-Wort verteidigt, deren rassistischer und diskriminierender Gehalt kaum mehr bestritten werden kann – außer natĂŒrlich von den „Sprachnachrichten“, die im M-Wort „Anerkennung, Respekt, oft Bewunderung“ erkennen wollen, natĂŒrlich illustriert mit dem Ă€ußerst zeitgemĂ€ĂŸen Wappen der Stadt Coburg.

Wie unpolitisch ist Sprache?

Dies alles ist nicht neu. Beispielsweise hat der Direktor des Instituts fĂŒr Deutsche Sprache in Mannheim, Henning Lobin, in mehreren BlogbeitrĂ€gen auf die problematischen Ideologien des VDS aufmerksam gemacht, zuletzt auch mit Blick auf Äußerungen des VDS zur angeblichen Ideologisierung des Duden-Rechtschreibwörterbuchs. Und auch in den Medien kommt der eher zweifelhafte Ruf des Vereins langsam an, spĂ€testens seit die Kinderbuchautorin Kirsten Boie medienwirksam den Sprachpreis des VDS wegen der rechtspopulistischen Äußerungen seines Vorsitzenden Walter KrĂ€mer abgelehnt hat. Zuletzt hat sich auch Philipp Walulis in einem Video kritisch mit dem VDS auseinandergesetzt. Dennoch ist es wichtig, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass der auf den ersten Blick so harmlose Verein rechte bis rechtsextreme Ideologien bedient. Es ist deshalb wichtig, weil der Verein nach wie vor viele teils auch sehr prominente UnterstĂŒtzer*innen hat – darunter auch solche, die rechter Ideologien eher unverdĂ€chtig sind: Zu seinen „bekannten Mitgliedern“ zĂ€hlt er etwa Hape Kerkeling, und der Verein brĂŒstet sich damit, dass der unter anderem fĂŒr sein Engagement gegen Rechts bekannte ehemalige BundestagsprĂ€sident Wolfgang Thierse seinen Appell gegen „Genderverirrungen“ mitunterschrieben hat.

Das ist insofern wenig verwunderlich, als Sprache auf den ersten Blick unpolitisch ist. Daher gibt es beim VDS auch Mitglieder jedweder politischen Couleur: Ob den Mitgliedern der Arbeitsgruppen „Linke fĂŒr gutes Deutsch“, „BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen fĂŒr gutes Deutsch“ und „SPD fĂŒr gutes Deutsch“ klar ist, dass es auch eine Arbeitsgruppe „AfD fĂŒr gutes Deutsch“ gibt? Zu den korporativen Mitgliedern gehören neben der, gelinde gesagt, rechtskonservativen Landsmannschaft Ostpreußen auch CDU-Ortsvereine und die Senioren-Union, ein SPD-Ortsverein sowie mehrere StĂ€dte und Landkreise, z.B. Harburg, Paderborn oder Rastatt.

Sprache ist aber nur auf den ersten Blick unpolitisch, und beim VDS wird sie bestĂ€ndig politisiert und ideologisiert, wie schon ein kurzer Blick auf den Internetauftritt zeigt. Hinter putzigen Spießigkeiten wie dem Browser-Plugin, das Binnen-Is und Gendersternchen filtert, oder dem „Anglizismenindex“, einem fast schon sympathisch dilettantisch formatierten PDF-Dokument, das deutsche Alternativen fĂŒr Anglizismen vorschlĂ€gt (safer sex = „sichere Geschlechtslustgewinnung“), verbirgt sich eine sprachnationalistische Ideologie, die anschlussfĂ€hig ist fĂŒr rechte bis rechtsextreme Narrative. Ungeachtet mancher Lippenbekenntnisse gelingt es dem VDS nicht nur nicht, sich von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit abzugrenzen, sondern er sucht gezielt den Schulterschluss mit hochproblematischen Gruppierungen wie dem oben erwĂ€hnten Verein Agens e.V.

Dass der Aufruf „Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!“ innerhalb weniger Tage schon ĂŒber 10.000 UnterstĂŒtzer*innen finden konnte, zeigt, dass die Thesen des VDS nach wie vor auf fruchtbaren Boden fallen, auch weil wahrscheinlich die meisten Unterzeichnenden sich nicht nĂ€her mit dem Verein und seinen Positionen auseinandergesetzt haben. Hinzu kommt: Auch wenn sich langsam herumspricht, dass der VDS kein allzu seriöser Verein ist, haben seine Mitglieder und UnterstĂŒtzer*innen noch immer eine betrĂ€chtliche Reichweite. Viele der 100 Erstunterzeichner*innen des Aufrufs „Rettet die deutsche Sprache vor dem Duden!“ sind Personen des öffentlichen Lebens, darunter der Arzt und Autor Dietrich Grönemeyer, der schon erwĂ€hnte Peter Hahne und selbstverstĂ€ndlich auch Hobby-Literaturkritiker Dieter Nuhr. Immerhin sieben von ihnen geben als Beruf ernsthaft „Bestsellerautor“ an, ĂŒbertroffen nur noch durch „Bestsellerautor (ĂŒber 4 Mio. verkaufte BĂŒcher)“ und „Bestsellerautor (Auflage 8 Mio.)“.

Es stellt sich daher die Frage: Wie geht man mit diesem Verein um? Wie bei anderen rechten Organisationen steht man auch hier vor dem Dilemma, dass man den Verein womöglich nur stĂ€rkt, wenn man ihm Aufmerksamkeit schenkt. Allerdings besteht gerade in diesem Bereich nach meinem Eindruck noch sehr viel AufklĂ€rungspotential, eben weil Sprache auf den ersten Blick so unpolitisch ist und weil es nicht schwerfĂ€llt, den VDS zunĂ€chst als bieder-spießigen, aber harmlosen Altherrenverein wahrzunehmen. Bei vielen Mitgliedern darf bezweifelt werden, dass ihnen klar ist, was genau sie da unterstĂŒtzen – umso wichtiger ist es, ĂŒber die beim VDS quasi allgegenwĂ€rtigen rechtspopulistischen Tendenzen aufzuklĂ€ren.

Strukturalismus und Anarchie: Zum Beitrag von Peter Eisenberg in der FAZ vom 8. Januar 2021

Mit zunehmender SchĂ€rfe wird derzeit eine Debatte gefĂŒhrt, die der Direktor des Instituts fĂŒr Deutsche Sprache in Mannheim, Henning Lobin, als „Sprachkampf“ bezeichnet. Das mit Abstand am hĂ€rtesten umkĂ€mpfte Feld stellt dabei der geschlechtergerechte Sprachgebrauch dar. FĂŒr die einen ist er inzwischen zur SelbstverstĂ€ndlichkeit geworden, die anderen sehen darin „Genderwahn“ oder „Gender-Unfug“. Beide Seiten werfen einander vor, ideologisch zu argumentieren. Auf der einen Seite werden insbesondere Morphemtrennzeichen wie Gender*Star und Gender_Gap als ideologisch motivierte Formen betrachtet, die von einer kleinen, aber lauten Minderheit gegen die Regeln der deutschen Grammatik und gegen die Gepflogenheiten des aktuellen Sprachgebrauchs durchgesetzt werden. Auf der anderen Seite wird die Verteidigung des sogenannte generischen Maskulinums, also der Annahme, dass eine Form wie liebe Leser sowohl Frauen als auch MĂ€nner einschließt, als ideologisch motiviert zurĂŒckgewiesen.

Am Beitrag von Peter Eisenberg [Paywall] in der FAZ lassen sich die Frontlinien, entlang derer der „Sprachkampf“ um geschlechterinklusiven Sprachgebrauch verlĂ€uft, gut nachzeichnen. Im Folgenden will ich zunĂ€chst auf Eisenbergs Argumentationsstrategie eingehen, um dann die Diskussion sprachwissenschaftlich und sprachpolitisch einzuordnen. Dabei plĂ€diere ich dafĂŒr, sprachwissenschaftliche und sprachpolitische Argumente klar zu trennen und eine Reihe unterschiedlicher Aspekte, die beispielsweise bei Eisenberg, aber auch in vielen anderen BeitrĂ€gen zusammen diskutiert werden, voneinander zu entkoppeln, um eine differenziertere Diskussion zu ermöglichen.

Eisenbergs UnschÀrfe

Eisenberg nutzt in seinem Artikel zunĂ€chst mehrere Delegitimationsstrategien, um BefĂŒrworterinnen und BefĂŒrwortern gendergerechter Sprache den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dabei bezieht er sich zunĂ€chst auf zwei aktuelle Einlassungen zum Thema: zum einen die Initiative der Deutschen Gesellschaft fĂŒr Sprachwissenschaft (DGfS), ihre Satzung geschlechterinklusiv umzuformulieren. Die Initiative dafĂŒr ging per Mehrheitsbeschluss von der Mitgliederversammlung bei der DGfS in Hamburg aus. Zum anderen bezieht er sich auf einen Leserbrief in der Zeitschrift „Forschung & Lehre“, der von mir initiiert und federfĂŒhrend verfasst wurde und der von ĂŒber 200 Kolleginnen und Kollegen mitgezeichnet wurde. Der Leserbrief kritisiert wissenschaftlich problematische AusfĂŒhrungen in einem Beitrag von Helmut GlĂŒck, wird aber weithin als PlĂ€doyer fĂŒrs Gendern verstanden. Eisenberg schreibt, beide Initiativen seien „anonym“. Im Fall des Leserbriefs ist die Urheberschaft einigermaßen klar erkennbar, doch spielt das in beiden FĂ€llen keine große Rolle, da im Fall der DGfS die Mehrheit der Mitgliederversammlung entschieden hat und es beim Leserbrief vorrangig um wissenschaftliche Argumente geht, die immerhin eine dreistellige Anzahl namentlich genannter deutschsprachiger Linguistinnen und Linguisten mittrĂ€gt. Schwerer wiegt aber Eisenbergs eigentlicher Vorwurf:

„Unbezweifelbar ist allerdings, dass beide Initiativen darauf hinauslaufen, den Gegenstand der Sprachwissenschaft zu desavouieren. Seine Bedeutung fĂŒr die Disziplin als empirische Wissenschaft – das ist die Sprache und nur die Sprache – wird negiert. Ihr wird buchstĂ€blich der Boden unter den FĂŒĂŸen weggezogen. Denn wo bleibt eine Disziplin, die ihren Gegenstand erst einmal politisch zurichtet, statt ihn zu bearbeiten, wie er ist?“

Eisenberg benutzt hier ein sehr effektives rhetorisches Mittel, indem er seine Position als „unbezweifelbar“ darstellt und seine Kernaussage, dass eine Sprachwissenschaft, die sich fĂŒr gschlechterinklusiven Sprachgebrauch ausspricht, ihren Gegenstand politisch verfĂ€lsche, nicht als Behauptung, sondern mittels einer rhetorischen Frage als PrĂ€supposition formuliert. PrĂ€suppositionen – also das, was die Sprecherin oder der Sprecher als gegeben annimmt – sind nicht unmittelbar negierbar, wie beispielsweise Chris Cummins anhand eines schönen Beispiels zeigt: „Na, wie lĂ€uft dein Drogenkartell?“ Der oder die Angesprochene kann die PrĂ€supposition nicht unmittelbar verneinen, sondern kann lediglich z.B. mit „Moment mal, ich habe gar kein Drogenkartell“ reagieren, weshalb der sog. wait-a-minute-Test in der Pragmatik auch als wichtiges Kriterium fĂŒr die Identifikation von PrĂ€suppositionen gilt.

TatsĂ€chlich ist Eisenbergs Argument aber sehr wohl bezweifelbar, denn er vermischt einiges. Erstens vermischt er Sprachwissenschaft und Sprachpolitik. Wenn die DGfS beschließt, in ihrer Satzung auf das generische Maskulinum zu verzichten, dann ist das eine sprachpolitische Entscheidung. Wenn der Leserbrief zu Helmut GlĂŒck dessen Argumente widerlegt, dann geschieht das auf sprachwissenschaftlicher Ebene, ohne dass damit zwangslĂ€ufig eine sprachpolitische Absicht verbunden sein muss.

Beides muss aber sorgfĂ€ltig getrennt werden, auch wenn es nicht immer ohne weiteres zu trennen ist. HĂ€ufig wurde schon auf das Grundproblem der Sprachwissenschaft hingewiesen, dass wir mit Sprache ĂŒber Sprache reden. Wenn ich in diesem Text gendere, indem ich mĂ€nnliche und weibliche Personenbezeichnungen verwende, dann positioniere ich mich (sprach)politisch als BefĂŒrworter der Sichtbarmachung von GeschlechterdiversitĂ€t. Gleichzeitig jedoch erkenne ich aus sprachwissenschaftlicher Perspektive an, also aus der Perspektive der empirischen Beschreibung des Sprachgebrauchs, dass maskuline Personenbezeichnungen hĂ€ufig de facto geschlechterĂŒbergreifend verwendet – und sicherlich in den allermeisten FĂ€llen auch so verstanden werden. Allerdings weiß ich auch, dass die maskuline Form mĂ€nnliche Vorstellungen sehr viel prominenter macht – auch das eine sprachwissenschaftliche Perspektive. Das Ă€ndert zunĂ€chst einmal nichts am Gebrauch, aber sprachpolitisch kann ich daraus wiederum die Konsequenz ziehen, das Anliegen zu befĂŒrworten, andere Geschlechter in der Sprache sichtbarer zu machen.

Die Verabsolutierung des Sprachsystems

Die scheinbaren SelbstverstĂ€ndlichkeiten, die Eisenberg im obigen Zitat formuliert, sind also keine, und das gilt auch und gerade fĂŒr das scheinbar SelbstverstĂ€ndlichste, was er Ă€ußert: dass nĂ€mlich „die Sprache und nur die Sprache“ Gegenstand der Sprachwissenschaft sei. Erstens existiert Sprache nicht im luftleeren Raum. LĂ€ngst sind Teildisziplinen wie Soziolinguistik und interaktionale Linguistik etabliert, die untersuchen, wie Sprache etwa mit gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen interagiert. Zweitens gibt es keinen wirklichen Konsens darĂŒber, was Sprache eigentlich ist. Wir haben zwar ein gewisses AlltagsverstĂ€ndnis dafĂŒr, und in der Linguistik mangelt es nicht an Definitionen, die mal enger, mal weiter ausfallen – aber wenn wir pragmatische PhĂ€nomene wie die oben genannte PrĂ€supposition oder auch die Implikatur (Es zieht, womit ich signalisiere: ‚Schließ bitte das Fenster!‘) als Beispiel heranziehen, lĂ€sst sich trefflich darĂŒber streiten, ob es sich hier um sprachliche PhĂ€nomene im engeren Sinne handelt.

Dass Eisenberg ein relativ festes Bild von Sprache zu haben scheint, lĂ€sst sich mit seiner strukturalistischen Orientierung begrĂŒnden, die sich etwa in der expliziten Berufung auf Jakobson zeigt. Er betont stark die Systemhaftigkeit von Sprache, wie auch in anderen BeitrĂ€gen – etwa dem von Helmut GlĂŒck in „Forschung & Lehre“ – immer wieder das „Sprachsystem“ zitiert wird. Nun sind die Annahme eines Sprachsystems und die strukturalistischen Methoden zu ihrer Beschreibung zweifelsohne Meilensteine der deskriptiven Linguistik. Aber die Markiertheitstheorie, auf die er sich – wie GlĂŒck – beruft, ist keineswegs so unumstritten, wie es sein Beitrag glauben macht. Zudem begeht er auch hier den Fehler, zwei Dinge zu vermischen: nĂ€mlich den Untersuchungsgegenstand mit seiner Beschreibung. Wie alle linguistischen Theorien leitet die Markiertheitstheorie bestimmte Generalisierungen aus Beobachtungen ab, aber ebenfalls wie bei allen Theorien handelt es sich dabei nicht um Fakten, sondern um Interpretationen der beobachteten Daten. Schon deshalb kann die Berufung auf die Markiertheitstheorie nur bedingt ĂŒberzeugen, und es irrefĂŒhrend, ihre Annahmen als unumstĂ¶ĂŸliche Fakten zu prĂ€sentieren („Wir wissen gut ĂŒber die MarkiertheitsverhĂ€ltnisse auch in der Morphologie und in der Syntax unserer Sprache Bescheid“). Zudem macht er aus der erklĂ€renden Theorie ein ehernes Prinzip, deutet also eine deskriptive Theorie – zumindest auf den ersten Blick – prĂ€skriptiv um.

Dabei ist mir natĂŒrlich klar, dass Eisenbergs Argumentation eigentlich komplexer ist. Sie lĂ€uft darauf hinaus, dass die diversen Spielarten des Genderns gegen den Sprachgebrauch durchgesetzt werden sollen – fĂŒr Funktionen, fĂŒr die im aktuellen Sprachgebrauch eigentlich das generische Maskulinum ĂŒblich ist.

Auch diese Argumentation vermischt jedoch einiges. Versuchen wir also auch hier wieder zu differenzieren. Erstens mĂŒssen wir die Frage, ob das generische Maskulinum genusĂŒbergreifend ist oder nicht, von der Frage trennen, ob Gendern sinnvoll sein kann oder nicht. Das mag widersinnig klingen, weil ja auf den ersten Blick beides zusammenhĂ€ngt: Wenn es ein generisches Maskulinum gibt, brauchen wir das Gendern nicht. Doch die Sache ist komplexer. ZunĂ€chst einmal ist sie deshalb komplexer, weil wir, wie oben schon ausgefĂŒhrt, sprachwissenschaftliche und sprachpolitische Aspekte trennen sollen. Gendern ist zunĂ€chst einmal sprachpolitisch, die Frage nach der genusĂŒbergreifenden Semantik maskuliner Formen ist dagegen eine sprachwissenschaftliche, und sie lĂ€sst sich, wie oben schon angedeutet, aus unterschiedlichen Perspektiven beantworten. Eine davon ist die psycholinguistische, die untersucht, wie maskuline Formen tatsĂ€chlich verstanden werden, wobei wiederholt gezeigt wurde, dass generisch intendierte maskuline Formen doch eher mĂ€nnliche Konzeptualisierungen hervorrufen. Diese Studien sind zwangslĂ€ufig sehr vereinfachend, und in frĂŒheren BeitrĂ€gen hat beispielsweise Eisenberg daran auch durchaus differenzierte Kritik geĂŒbt. Bei allen Problemen, die diese Studien haben, zeigen sie aber doch deutlich, dass mĂ€nnliche Konzeptualisierungen deutlich dominant sind – was natĂŒrlich weder heißt, dass SĂ€tze wie Von den fĂŒnf Ärzten waren drei schwanger nicht im intendierten Sinne verstanden wĂŒrden, noch, dass maskuline Personenbezeichnungen in allen Kontexten und allen SpezifizitĂ€tsgraden ausschließlich mĂ€nnlich verstanden werden. Eine zweite mögliche Perspektive ist nun eine strukturalistisch orientierte, in der, stark vereinfacht gesagt, ein Sprachsystem aus dem Sprachgebrauch herausgearbeitet wird – ungrammatische Äußerungen können dann gerade aufgrund ihrer InkompatibilitĂ€t mit dem Sprachsystem ungrammatisch sein. Im Grunde laufen die allermeisten Sprachtheorien auf eine Variante dieses Vorgehens hinaus. Allerdings setzt Eisenberg nun dieses Sprachsystem absolut. Nicht in dem Sinne, dass er es fĂŒr unverĂ€nderlich halten wĂŒrde – ihm ist selbstverstĂ€ndlich klar, dass Sprache sich wandelt. Aber gerade in seiner Argumentation zum Sprachwandel zeigt sich diese Absolutsetzung des Sprachsystems:

„Das Deutsche tut genau das [sich wandeln, S.H.] seit mehr als tausend Jahren, aber eben nicht nach dem Willen sprachunkundiger Herrinnen, die meinen, sie wĂ€ren TrĂ€ger gesellschaftlicher VerĂ€nderungen und wĂŒssten es deshalb besser als eine tausendjĂ€hrige Sprachgeschichte.“

Eisenberg hat natĂŒrlich völlig Recht, dass Sprachwandel insofern ein hochdemokratischer Prozess ist, als sich nur das durchsetzen kann, was eine große Mehrheit letztlich benutzt. Allerdings ist Sprache nicht in dem Sinne demokratisch, dass sich die Sprachgemeinschaft auf ein Sprachsystem einigt, an das sich dann alle verbindlich halten mĂŒssen. In der Sprache gibt immer auch etwas Anarchie. Sprachaktivist*innen nutzen die inhĂ€rente FlexibilitĂ€t aus, die Sprache hat und die sich im Sprachwandel zeigt. WĂ€hrend Sprachwandel – da ist Eisenberg Recht zu geben – zumeist unbewusst und unbemerkt ĂŒber lange ZeitrĂ€ume vonstatten geht, sind Eingriffe, die von sprachaktivistischer Seite vorgenommen werden, deutlich auffĂ€lliger und sichtbarer. Deshalb erscheinen sie selbstverstĂ€ndlich zunĂ€chst ungrammatisch. Ich erinnere mich gut, wie ungewohnt fĂŒr mich zu Beginn des Studiums die Partizipialform Studierende war, die ich heute tĂ€glich benutze. Das Partizip zĂ€hlt zu den Formen, die neben dem Genderstern am stĂ€rksten die GemĂŒter von Kritikerinnen und Kritikern erhitzen. Eisenberg breitet allerdings nicht nur die altbekannten semantischen Argumente dagegen aus, sondern ein sprachgebrauchsbasiertes Argument. Im Leserbrief an Forschung & Lehre, wo diese Form kurz thematisiert wurde, bleibe ungesagt,

„dass der ĂŒbergeordnete Zweck der Ersetzung [von z.B. Zuhörer durch Zuhörende, S.H.] darin besteht, das Nomen Agentis auf er verschwinden zu lassen, es durch partizipiale Substantive zu ersetzen. Und diese Aktion ist alles andere als eine Kleinigkeit. […] Das Partizip I selbst ist hochproduktiv, es kann mit beinahe sĂ€mtlichen Infinitiven gebildet werden. Dass es so wenige Substantivierungen gibt, liegt nicht an fehlender Basis, sondern an einer Hemmung, diese zu substantivieren. Die Hemmung wird von der Genderlinguistik nicht respektiert; sie wird ĂŒbergangen, und wir erhalten Wörter, die grammatisch möglich, in vielen FĂ€llen aber sprachlich unangemessen sind. BerĂŒchtigte FĂ€lle dieser Art sind etwa Einwohnender, Zu-Fuß-Gehender, Nichtglaubender, Lkw-Fahrender, Migrierender, PrĂ€sidierender, Lieferierender und viele andere.“

Der Gedanke, der diesen AusfĂŒhrungen zugrundeliegt, ist durchaus richtig: Die Formen sind auffĂ€llig und zunĂ€chst kontraintuitiv, was schlicht an ihrer (noch) sehr geringen Frequenz liegt. Dass die Nutzung solcher Formen auf einen gezielten Umbau des Sprachsystems abziele, ist allenfalls ansatzweise richtig. Zum einen dĂŒrfte nur den wenigsten daran gelegen sein, Nomina agentis auf -er völlig zu vermeiden – gerade beim Bezug auf konkrete Einzelpersonen bringt es wenig, von einem Lesenden zu sprechen, der ja grammatisch nicht weniger maskulin ist als der Leser (ob das substantivierte Partizip semantisch weniger geschlechtsspezifisch interpretiert wird, wĂ€re eine spannende Frage). Das Partizip stellt also v.a. bei Pluralformen eine Strategie dar, die alleinige Nennung maskuliner Formen oder unökonomische bzw. schwerer zu lesende Beidnennungen bzw. Varianten mit Morphemtrennzeichen zu vermeiden, ohne dass damit eine flĂ€chendeckende Ersetzung der Nomina agentis auf -er einherginge. Zum anderen setzen Eisenbergs AusfĂŒhrungen wiederum das (aktuelle) Sprachsystem absolut. Es ist natĂŒrlich richtig, dass hier eine eher weniger produktive Form in einer fĂŒr die meisten Sprachnutzenden eher unĂŒblichen Funktion verwendet wird, weshalb auch Formen wie Sprachnutzende zunĂ€chst ungrammatisch scheinen mögen. Das ist aber eine Frage der Gewohnheit: Im akademischen Kontext ist Studierende nach meinem Empfinden inzwischen Ă€hnlich lexikalisiert wie Vorsitzende/r – was in diesem konkreten Fall tatsĂ€chlich zur Folge hat, dass man Studierende/r hĂ€ufiger auch im Singular hört. Sollte sich die Nutzung substantivierter Partizipien flĂ€chendeckend durchsetzen, ist Eisenbergs Szenario einer mittelfristigen Ersetzung der er-Bildungen mithin nicht völlig unrealistisch. Es wĂŒrde sich dabei aber, anders als von Eisenberg dargestellt, nicht um einen zielgerichteten Prozess handeln, sondern um eine allmĂ€hliche Verschiebung der Sprachgewohnheiten, also einen typischen, nicht absichtsvoll gesteuerten Sprachwandelprozess. Sollte es dazu kommen, ist auch nicht auszuschließen, dass sich die Funktion des (substantivierten) Partizips dauerhaft Ă€ndert. Eisenbergs Argument, dass dies die AusdrucksfĂ€higkeit der Sprache schwĂ€chen wĂŒrde, ist aber nur oberflĂ€chlich ĂŒberzeugend: Sprache findet immer einen Weg, das auszudrĂŒcken, was Sprecherinnen und Sprecher ausdrĂŒcken möchten. So hatte das Indogermanische ein viel differenzierteres Kasussystem als beispielsweise das Deutsche, aber auch wenn wir z.B. keinen Lokativ mehr haben, können wir doch zum Ausdruck bringen, wo sich etwas befindet.

Im obigen Zitat und in seinem ganzen Beitrag bedient Eisenberg das hĂ€ufig anzutreffende Narrativ, dass geschlechtergerechter Sprachgebrauch von Gruppen durchgesetzt wird, die teilweise nicht benannt werden, teilweise falsch (Eisenberg nennt mehrfach „die Genderlinguistik“, worunter man aber die wissenschaftliche Erforschung des VerhĂ€ltnisses von Sprache und Geschlecht versteht, ohne aber, anders als die feministische Linguistik, sprachpolitisch Position zu beziehen, auch wenn sicherlich viele ihrer Vertreter*innen das tun – aber auch hier sollten wir Sprachwissenschaft und Sprachpolitik trennen). Diese Durchsetzung wird dabei als stark prĂ€skriptives Unterfangen dargestellt: „Die AnhĂ€nger des sprachlichen Genderns wollen uns Vorschriften machen“. Es kann nicht oft genug betont werden, dass das nicht stimmt. Es wĂ€re allerdings zu einfach, die Tatsache, dass dieser Eindruck weit verbreitet ist, nur auf BeitrĂ€ge wie jenen von Eisenberg sowie die oft verkĂŒrzte und von Kampfbegriffen wie „Gender-Gaga“ geprĂ€gte Berichterstattung in den Medien zurĂŒckzufĂŒhren. Das trĂ€gt sicherlich einen Teil dazu bei. Ein kĂŒrzlich erschienenes Video von Philipp Walulis bietet eine recht treffende Analyse der auf – in seinen Worten – „Eskalation“ ausgerichteten medialen Darstellung, liefert aber in Teilen auch Anschauungsmaterial dafĂŒr, dass teilweise auch die BefĂŒrworterinnen und BefĂŒrworter des Genderns nicht ganz unschuldig daran sein mögen, dass offenbar in Teilen der Bevölkerung das GefĂŒhl herrscht, dass hier eine „Sprachpolizei“ ihr Unwesen treibe: Zu Beginn der Sendung wird zwar zu Recht beklagt, dass Medien zu wenig an Argumentaustausch und mehr an Krawall interessiert seien, allerdings macht das Video dann den Fehler, dass es die Zustimmung zum Gendern bereits voraussetzt (Stichwort: PrĂ€supposition), ohne seine Sinnhaftigkeit wirklich erklĂ€rt zu haben. Angesichts der Zielgruppe, die Walulis anspricht, macht das auch Sinn, da es ĂŒberwiegend Personen sein dĂŒrften, die sich schon mit der Frage geschlechtergerechter Sprache auseinandergesetzt haben und sie befĂŒrworten. Allerdings begibt er sich so in Gefahr, selbst mit an der „Eskalationsspirale“ zu drehen, die er beklagt, da sein Beitrag die Argumente der eigenen Echokammer teils bestĂ€tigt, teils prĂ€supponiert.

Da seine Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen lĂ€uft, liefert ein solches Video natĂŒrlich zudem Futter fĂŒr die Ansicht, dass gerade die öffentlich-rechtlichen Medien auf eine politisch gewollte „Umerziehung“ der Bevölkerung hinarbeiteten. So unbegrĂŒndet diese Ansicht auch sein mag, da sie zielgerichtetes, koordiniertes Handeln unterstellt, wĂ€re es fatal, sich nicht zu fragen, woher dieser Eindruck kommt, den es ja auch in anderen Bereichen gibt – man denke an den seinerzeit vieldiskutierten „Welt“-Text von Alexander Dobrindt, in dem er die „konservative Revolution“ ausrief und der 68er-Generation vorwarf, einen „ideologische[n] Feldzug gegen das BĂŒrgertum“ zu fĂŒhren, „mit dem Ziel der Umerziehung der bĂŒrgerlichen Mitte“. Hier ist nun tatsĂ€chlich festzustellen, dass geschlechtergerechter Sprachgebrauch vor allem im akademischen Bereich, in der Politik und in den Medien anzutreffen ist, also in den Bereichen, die man mit einem problematischen, weil meist populistisch gebrauchten Begriff als „Eliten“ bezeichnen könnte. Wenn nun Zuschauer und Leserinnen alltĂ€glich mit Formen konfrontiert werden, die – gerade wenn sie so auffĂ€llig sind wie das Gendersternchen oder die Sprechpause – ihren eigenen Sprachgewohnheiten widersprechen, liegt der Eindruck nahe, dass hier sprachliche Eingriffe „von oben“ durchgesetzt werden sollen, zumal ja gerade Medien klassischerweise als Norminstanzen fĂŒr „richtiges und gutes Deutsch“ gelten. Auch Handlungsempfehlungen wie diejenigen der Bundeskonferenz der Frauenbeauftragten (Bukof), gegen die sich Helmut GlĂŒcks Beitrag in Forschung & Lehre richtete, können unschwer als verbindliche Richtlinien (miss-)verstanden werden. Doch wenngleich die gerade in jĂŒngster Zeit verstĂ€rkte Nutzung des Genderns als eine Art konzertierte Aktion wahrgenommen werden kann, ist sie das nicht. Es ist allenfalls eine „Verschwörung“ in dem Sinne, wie das englische Wort conspire bisweilen im ĂŒbertragenen Sinne verwendet wird, wenn damit gemeint ist, dass unterschiedliche Faktoren zusammenwirken, ohne das sie zwangslĂ€ufig, wie bei einer klassischen Verschwörung, bewusst zusammenarbeiten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Gewiss sind die vielen Moderatorinnen und Moderatoren, die jetzt in Wörtern wie Moderator*innen den Glottisschlag nutzen, nicht unabhĂ€ngig voneinander zu dieser Entscheidung gekommen, sondern durchaus voneinander beeinflusst und inspiriert, aber trotzdem ist jeder und jede von ihnen selbst zu der  Entscheidung gekommen, dieses Mittel zu nutzen (oder in manchen FĂ€llen vielleicht auch die Redaktion).

Die Medienschaffenden stehen vor einem Ă€hnlichen Problem wie die Sprachwissenschaftler*innen: Da Sprache ihr Werkzeug ist, mĂŒssen sie sich fĂŒr eine Variante entscheiden. Sie können entweder beim generischen Maskulinum bleiben oder in irgendeiner Art und Weise gendern – wobei das nicht zwangslĂ€ufig eine Ganz-oder-gar-nicht-Entscheidung sein muss, dazu gleich mehr. Dass sich viele aus guten GrĂŒnden und aus persönlicher Überzeugung fĂŒrs Gendern entscheiden, kann zwar in der Wahrnehmung problematisch sein, allerdings kann das kaum ein Grund sein, es ihnen zu verbieten.

Gendern ist nicht gleich Gendern

Kommen wir noch einmal auf Eisenbergs gebrauchsbasiertes Argument zurĂŒck. Wir haben gesehen, dass wir erstens die Frage, ob das generische Maskulinum genusĂŒbergreifend ist oder nicht, von der Frage trennen mĂŒssen, ob Gendern sinnvoll sein kann oder nicht. Wer schon die ganze Zeit auf ein „Zweitens“ gewartet hat, kommt nun zum Zug: Zweitens dĂŒrfen wir nĂ€mlich nicht den Fehler machen, „Gendern“ mit bestimmten Umsetzungsvarianten gleichzusetzen, also etwa mit dem Genderstern. Gendern kann auch durch Beidnennung geschehen, und streng genommen kann man auch eine Fußnote, die darauf hinweist, dass maskuline Formen fĂŒr beide Geschlechter gebraucht werden, im weitesten Sinne als eine Form des Genderns betrachten. Von sprachpuristischer und sprachkritischer Seite wird jedoch „Gendern“ hĂ€ufig mit den auffĂ€lligsten Varianten, insbesondere Genderstern und Partizipialformen, gleichgesetzt, und auch bei Eisenberg entsteht den Eindruck, dass es nur die Alternativen „generisches Maskulinum“ vs. „Genderstern und Partizip“ gebe. TatsĂ€chlich gibt es aber auch Alternativen wie Beidnennung (Lehrerinnen und Lehrer) oder die – ĂŒbrigens auch von den amtlichen Rechtschreibregeln gedeckte – SchrĂ€gstrichschreibung (Lehrer/innen oder Lehrer/-innen).

Dass Gendern hĂ€ufig mit den auffĂ€lligsten Varianten assoziiert wird, ist aus den oben diskutierten GrĂŒnden wenig ĂŒberraschend, da die genutzten Formen besonders salient sind. Sie werden teilweise auch von BefĂŒrworterinnen und BefĂŒrwortern geschlechtergerechten Sprachgebrauchs kritisiert, etwa von Kotthoff (2020), die Asterisk und Unterstrich als in-group-Marker, als „Zugehörigkeitszeichen“, sieht:

„Mit den ausdrĂŒcklichen PlĂ€doyers fĂŒr dynamische oder an Morphemgrenzen eingesetzte Unterstriche  und  Sternchen statt  anderer  Möglichkeiten  der  Neutralisierung  oder punktuellen Beidnennungen in Personenreferenzen geht es nicht mehr primĂ€r um ein Unterlaufen maskulin dominierter Vorstellungen durch die Referenz, sondern auch um eine moralische Aufladung von Texten, die in der „in-group“ erkannt werden kann, welche sich an entsprechenden Metadiskursen beteiligt.“

Hauptmotivation fĂŒr die Nutzung von Gender-Stern, Gender-Gap usw. ist bekanntlich der Wunsch, GeschlechterdiversitĂ€t sichtbar zu machen und dabei ein binĂ€res GeschlechterverstĂ€ndnis zu ĂŒberwinden, sodass auch intersexuelle Personen eindeutig mitgemeint sind. FĂŒr und gegen eine solche Praxis gibt es viele Argumente. Kotthoff (2020) wendet etwa ein, dass „oftmals auf solche Gruppen so referiert wird, denen keine nichtbinĂ€re  Person angehört“, z.B. die MinisterprĂ€sident*innen; hiergegen lĂ€sst sich jedoch einwenden, dass der konsequente Einbezug nicht-binĂ€rer Geschlechterrollen zur Normalisierung eines nicht-binĂ€ren GeschlechterverstĂ€ndnisses beitragen kann, Ă€hnlich wie etwa die verbreitete Praxis, dass binĂ€re Personen in sozialen Medien ihre (englischen) Pronomina he/him bzw. she/her nennen, um damit nicht-binĂ€ren Pronomina, insbesondere they/them, den Status als „Sonderpronomina“ zu nehmen. Vor diesem Hintergrund ist Kotthoffs argument, dass die Gruppe nicht-binĂ€rer Personen im deutschen Sprachraum zahlenmĂ€ĂŸig sehr klein sei, eher ein Argument fĂŒr als gegen die Nutzung solcher dezidiert nicht-binĂ€rer Zeichen.

Hier sind wir natĂŒrlich wieder auf der sprachpolitischen Ebene unterwegs. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht lĂ€sst sich nun freilich fragen, ob Zeichen wie Gender-Stern, Gender-Gap usw. wirklich ausdrĂŒcken, was sie ausdrĂŒcken sollen. Eisenberg verneint dies von vornherein und geht davon, dass „all die Zeichen sprachlich dasselbe leisten, nĂ€mlich nichts.“ Kotthoff (2020) verweist auf eine Pilotstudie von SchĂ€tzle (2019), die zeigt, „dass selbst von Personen mit akademischem Hintergrund nur die HĂ€lfte den neuen Graphemen Unterstrich und Asterisk eine konkrete Funktion zuordnen kann“. Psycholinguistische Studien zur Wahrnehmung der Zeichen stehen m.W. noch aus – zu erwarten wĂ€re, dass auch sie sehr gemischte Ergebnisse bringen, auch abhĂ€ngig von unterschiedlichen soziodemographischen Kontexten. Den Zeichen Bedeutung abzusprechen, greift jedoch auch aus sprachwissenschaftlicher Sicht zu kurz, gerade wenn man im Sinne aktueller linguistischer Theorien die These vertritt, dass Bedeutung in der Interaktion von den GesprĂ€chsbeteiligten „ko-konstruiert“ wird. Dass Gender-Stern und Gender-Gap eine intendierte Bedeutung haben, versteht sich von selbst, und offensichtlich werden die Zeichen zumindest von einem nicht unerheblichen Teil der Adressatinnen und Adressaten verstanden. Kotthoffs Argument, dass die Zeichen quasi in-group-Marker fĂŒr Gruppen sind, die mit den entsprechenden Diskursen vertraut sind, ist allerdings durchaus bedenkenswert.

Das spricht auf sprachpolitischer Ebene allerdings nicht unbedingt gegen eine Verwendung der Zeichen, sondern eher fĂŒr eine breitere Sensibilisierung fĂŒr die Motivationen hinter geschlechtergerechtem Sprachgebrauch, einschließlich einer kontroversen Diskussion der Argumente fĂŒr und gegen verschiedene Umsetzungsvarianten. Dabei ist es jedoch zentral, a) sprachwissenschaftliche von sprachpolitischen Argumenten zu trennen, soweit das möglich ist, und b) „Gendern“ nicht verkĂŒrzt mit bestimmten Praktiken des geschlechtergerechten Sprachgebrauchs gleichzusetzen.

Eisenbergs Argumentation vermischt diese Aspekte in weiten Teilen und bleibt dadurch unscharf. Überzeugungskraft entfaltet der Text, wie eingangs gezeigt, vor allem durch rhetorische Kniffe. Einen davon, Eisenbergs Berufung auf sein „lebenslange[s] Engagement fĂŒr Gleichberechtigung und sogar Gleichstellung von Frauen und sexuell besonders orientierten Personen“, will ich nicht einmal als solchen sehen, sondern gehe davon aus, dass er durchaus ehrlich gemeint ist, auch wenn mir nicht ganz klar ist, was eine sexuell „besondere“ Orientierung ausmacht. Eisenbergs Engagement fĂŒr Gleichstellung soll hier auch ebenso wenig in Zweifel gezogen werden wie seine zweifellos betrĂ€chtlichen Verdienste fĂŒr die germanistische Linguistik, was analog ĂŒbrigens auch fĂŒr Helmut GlĂŒck gilt. Sowohl der Leserbrief zu GlĂŒcks Beitrag als auch dieser Text beziehen sich ausschließlich auf ihre Argumentation, die aus meiner Sicht auf eine Reihe von Fehlannahmen aufbaut, insbesondere auf der Verabsolutierung eines „Sprachsystems“, die deskriptive Generalisierungen zu prĂ€skriptiven Maximen umdeutet. Den Vorwurf, „Vorschriften“ machen zu wollen, mĂŒssen die Vertreterinnen und Vertreter geschlechterinklusiven Sprachgebrauchs daher an Eisenberg zurĂŒckgeben.

Ein weiteres rhetorisches Mittel, dessen sich Eisenberg bedient, sind Überzeichnungen, die teilweise nicht einmal als solche gekennzeichnet sind. So perpetuiert er die urban legend, dass an der UniversitĂ€t Leipzig flĂ€chendeckend das generische Femininum eingefĂŒhrt worden sei (das eigentlich nur in ihrer Grundordnung verwendet wurde): „Wenn etwa die PrĂ€sidentin der UniversitĂ€t Leipzig Anreden wie Herr Professorin einfĂŒhrt“ – das irrefĂŒhrende Beispiel Herr Professorin findet sich zugegebenermaßen auch anderswo in den Medien, etwa im soeben verlinkten Deutschlandfunk-Beitrag, womit wir wieder bei der oben erwĂ€hnten Eskalationsspirale wĂ€ren.

Mit diesem Beitrag habe ich versucht, Eisenbergs Argumente zu widerlegen und gleichzeitig ein wenig zur Versachlichung der Debatte beizutragen. Ob mir das gelungen ist, kann ich nicht beurteilen, hoffe aber, auch denjenigen, die Eisenbergs Argumenten prinzipiell zustimmen wĂŒrden, einige DenkanstĂ¶ĂŸe gegeben zu haben.

Die Zerstörung der deutschen Sprache

Das ist ein Transkript meines Videos “Die Zerstörung der deutschen Sprache”:

Wer sich mit dem Youtube-Sprachgebrauch einigermaßen auskennt, weiß natĂŒrlich, dass mit “Zerstörung” keine Zerstörung im wörtlichen Sinn gemeint ist. Es geht mir nicht darum, eine Sprache auszulöschen – glĂŒcklicherweise wĂ€re ich dazu auch gar nicht in der Lage. Es geht mir vielmehr darum, die Art und Weise zu hinterfragen, wie wir hĂ€ufig ĂŒber Sprache nachdenken. Denn es gibt eine auffĂ€llige Diskrepanz zwischen der Art und Weise, wie Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler Sprache konzeptualisieren, und der Art und Weise, wie sogenannte Laien ĂŒber Sprache nachdenken – obwohl es natĂŒrlich streng genommen in der Sprache keine Laien gibt, denn wir alle sind in gewisser Weise Sprachexperten, weil wir mindestens eine Sprache sprechen und intuitiv sehr viel mehr ĂŒber diese Sprache wissen, als uns vielleicht bewusst ist. Und trotzdem ist unser Denken ĂŒber Sprache oft von Fehlannahmen geprĂ€gt, und das fĂŒhrt dann dazu, dass wir in gesellschaftlich relevanten Debatten, die mit Sprache zu tun haben, Argumente benutzen, die nichts mit Sprache zu tun haben – oder zumindest nicht sprachwissenschaftlich fundiert sind. In diesem Video möchte ich das an drei Beispielen klarmachen, die besonders emotional diskutiert werden: 1. Anglizismen, 2. “Falsche” Ausdrucksvarianten, 3. Geschlechtergerechte Sprache.

Anglizismen

Anglizismen. Wer kennt sie nicht, die Klagen ĂŒber die angeblich ĂŒberhandnehmenden Entlehnungen aus dem Englischen? Gerade in der Corona-Pandemie gab es da ja einige: Shutdown, lockdown, social distancing, home office und viele mehr. Eine solche Anglizismenflut hĂ€tte vermutlich in normalen Zeiten zu heftigen Debatten in den deutschen Feuilletons gefĂŒhrt – so aber wurden die Begriffe relativ widerstandslos und ohne großen Aufschrei ins Deutsche ĂŒbernommen. Nur der Verein Deutsche Sprache, der uns in diesem Video noch öfter beschĂ€ftigen wird, hĂ€lt noch wacker die Stellung. 2020 verlieh er den großen deutschen Nachrichtensendungen Tagesschau und heute den Negativpreis “Sprachpanscher des Jahres” mit der BegrĂŒndung: In Zeiten von Corona haben die Nachrichten-Flaggschiffe Wörter wie Lockdown, Homeschooling, Social Distancing, Homeoffice usw. nicht hinterfragt, sondern einfach ĂŒbernommen. „Diese Anglizismen zeigen, wie wenig Interesse Tagesschau und heute-Nachrichten haben, die Menschen in ihrer eigenen Muttersprache zu informieren. Die Devise ist: Nachplappern statt sinnvolle Übersetzungen finden, die alle verstehen”.

Der Ablehnung von Anglizismen liegt die erste Fehlkonzeption zugrunde, auf die ich eingehen möchte. Sprache wird als statisches und mehr oder weniger geschlossenes System betrachtet. Das macht auch Sinn, denn genau so lernen wir Sprache ja meistens in der Schule: Es gibt Richtig und Falsch, etwas ist entweder Deutsch oder Englisch oder Französisch, und es gibt klare, feststehende Regeln, an denen wir uns orientieren. Das BedĂŒrfnis nach solchen Regeln ist groß, wie man beispielsweise aus Erfahrungsberichten von Sprachberatungsstellen weiß. Aber es speist sich eben auch aus dieser Konzeptualisierung von Sprache als einem statischen, geschlossenen System.

Nun wissen wir aber auch: Sprache ist dynamisch. Sprache Ă€ndert sich stĂ€ndig, und zwar auf allen Ebenen. Unter anderem unterliegt das lexikalische Inventar einer Sprache natĂŒrlich VerĂ€nderungen. Viele von uns haben im letzten Jahr Wörter gelernt, die vorher allenfalls Fachleuten gelĂ€ufig waren: Eintragung, Infektionsgeschehen, Maskenpflicht
 Und eben auch Lockdown oder Homeschooling. Über das Wort “Lockdown” gab es auch immer mal wieder Debatten, und diese Debatten zeigen, dass es zu einfach wĂ€re, zu sagen, dass es sich hier um ein englisches Wort handelt, das man mangels einer besseren Alternative einfach ĂŒbernimmt. Denn es wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass der deutsche Lockdown ja eigentlich kein Lockdown sei, weil es beispielsweise keine strengen Ausgangssperren und keine Betriebsschließungen gab wie in anderen LĂ€ndern. Und auch der sogenannte harte Lockdown wirkt im Vergleich mit anderen LĂ€ndern gleich viel weniger hart. Das Beispiel zeigt aber, dass der Begriff im Deutschen quasi ein Eigenleben entwickelt hat. Er steht fĂŒr ein Ă€hnliches Konzept wie im Englischen, aber bezeichnet eben nicht genau das gleiche.

Ohnehin ist es ein Irrtum, anzunehmen, dass Anglizismen nur LĂŒckenfĂŒller sind oder dass sie sogar etwas vage ausdrĂŒcken, was man mit deutschen Begriffen prĂ€ziser ausdrĂŒcken könnte. Im Gegenteil bringen Anglizismen oft Bedeutungsnuancen zum Ausdruck, die dem scheinbar bedeutungsgleichen deutschen Begriff fehlen. Zum Beispiel wird man eher von einem “Job” sprechen, wenn man ein zeitlich befristetes, oft prekĂ€res BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltns hat – also wenn man zum Beispiel als Student kellnert oder wissenschaftliche Mitarbeiterin im akademischen Mittelbau ist -, und eher von einem “Beruf”, wenn es um eine lebenslange TĂ€tigkeit geht. Wie andere Fremdwörter auch können Anglizismen also Bedeutungsnuancen zum Ausdruck bringen, die man mit deutschen Wörtern nur mit langwierigen Umschreibungen erreichen kann. Das sieht man ĂŒbrigens auch schön im “Anglizismenindex” des VDS, der versucht, deutsche Entsprechungen fĂŒr Anglizismen vorzuschlagen und wo sich fĂŒr “Job” folgende ErlĂ€uterungen finden:

1: Dienst ohne Berufung, Kurzfrist-Arbeit, Niederigdienst ohne Qualifikationsbedarf. Die Verwendung dieses Namens statt nhd. ‚Dienst‘, ‚Werk‘ geschieht zumeist aus Gewohnheit: des Namens Herkunft und Nennleistung sind so dunkel, wie das mittels seiner Benannte licht- und freudlos (https://vds-ev.de/denglisch-und-anglizismen/anglizismenindex/ag-anglizismenindex/).

Die meisten Argumente gegen Anglizismen sind aber eher kultureller Natur. So warnt beispielsweise der VDS in seinen Leitlinien vor einer Anglisierung und Amerikanisierung Europas. Aber natĂŒrlich auch Kulturen gerade in der heutigen Zeit keine geschlossenen Systeme. Kulturen beeinflussen sich immer gegenseitig, unabhĂ€ngig davon, ob man das will oder nicht und ob man das gut findet oder nicht. Interessant ist beispielsweise, hier einen Blick in das Buch “Allerhand Sprachdummheiten” von Gustav Wustmann zu werfen. Wustmann ist quasi der Bastian Sick des 19. Jahrhunderts – und wenn man in sein Inhaltsverzeichnis schaut, sieht man, dass er teilweise 1 zu 1 die gleichen Themen aufgreift wie Bastian Sick ĂŒber 100 Jahre spĂ€ter. Allerdings macht er damals noch nicht so stark das Englische fĂŒr den vermeintlichen Sprachverfall verantwortlich als eine Sprache, die heute kaum einem Sprachpfleger ein Dorn im Auge ist: nĂ€mlich das Französische.

Zum Beispiel findet sich schon bei Wustmann eine Kritik an Formulierungen wie “in 1870”, was ja bis heute die sprachkritischen GemĂŒter erhitzt – Wustmann sieht darin eine “willkĂŒrliche NachĂ€fferei des Französischen und des Englischen”.

Mit Formulierungen wie “in 1870” oder “in 2021” kommen wir zum zweiten Thema, das ich ansprechen möchte: Vermeintlich falsche Formulierungen.

“Falsche” Ausdrucksvarianten

Auch hier gibt es sehr viele Beispiele, die immer wieder genannt werden als Beispiele wahlweise fĂŒr “schlechtes Deutsch”, “falsche Grammatik” und oft auch fĂŒr Anglizismen in einem weiteren Sinn, wie ihn beispielsweise Bastian Sick definiert: Er schreibt:

“Was genau sind Anglizismen? Wörter wie ‚Sale‘, ‚U-Turn‘ und ‚Chicken Wings‘ sind englische Fremdwörter. Anglizismen sind etwas anderes: FrĂŒhe Vögel zum Beispiel. Oder Dinge, die eine Meinung haben. KĂŒrbisse mit Fratzen. Und Rehe mit Hirschgeweih.
Unter einem Anglizismus versteht der Sprachwissenschaftler ein sprachliches Muster, das aus dem Englischen ĂŒbernommen wurde und auf den ersten Blick gar nicht unbedingt als englisch zu erkennen ist.“

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist das natĂŒrlich Mumpitz, denn natĂŒrlich sind auch und gerade einzelne Wörter, die aus dem Englschen entlehnt wurden, Anglizismen. Trotzdem kann es fremdsprachlichen Einfluss natĂŒrlich auch bei grĂ¶ĂŸeren sprachlichen Mustern geben. Eines der klassischen Beispiele, bei denen hĂ€ufig englischsprachiger Einfluss angenommen wird, ist die Wendung “Sinn machen”. Ob die Formulierung tatsĂ€chlich aus dem Englischen ĂŒbernommen wurde oder unabhĂ€ngig davon entstanden ist, ist allerdings nicht ganz geklĂ€rt. Jedoch werden gegen solche Wendungen auch andere Argumente ins Feld gefĂŒhrt, in denen sich andere Fehlkonzeptionen von Sprache niederschlagen. Schauen wir uns zum Beispiel diese Argumentation von Bastian Sick an:

“”Sinn” und “machen” passen einfach nicht zusammen. Das Verb “machen” hat die Bedeutung von fertigen, herstellen, tun, bewirken; es geht zurĂŒck auf die indogermanische Wurzel mag-, die fĂŒr “kneten” steht. Das erste, was “gemacht” wurde, war demnach Teig. Etwas Abstraktes wie Sinn lĂ€sst sich jedoch nicht kneten oder formen”

Hier begeht Sick einen etymologischen Fehlschluss. Das heißt, er geht davon aus, dass man die heutige Bedeutung eines Wortes, in diesem Fall ‘machen’, aus seiner Geschichte heraus erschließen kann. Sprache wird hier also auch wieder als etwas relativ Statisches gesehen. In dem Argument, dass Sinn und machen nicht zusammenpassen, schlĂ€gt sich aber auch eine andere Konzeptualisierung von Sprache nieder, die man ebenfalls hĂ€ufig findet, nĂ€mlich dass Sprache ein logisches System ist und dass in einer Sprache nur das zusammengeht, was logisch zusammenpasst. Aber sprachliche Zeichen entwickeln eben durch den konkreten Sprachgebrauch ein Eigenleben, wie wir vorhin schon am Beispiel Lockdown gesehen haben.

Ein anderes Beispiel, das hĂ€ufig in der Diskussion von Übersetzungen aus dem Englischen, etwa bei Filmsynchronisationen, diskutiert wird, ist die Formulierung “nicht wirklich” als Äquivalent zu englisch “not really”. Hier wird oft behauptet, dass das eigentliche deutsche Äquivalent “eigentlich nicht” sei. Hier zeigen sich auch wieder die beiden verbreiteten verbreiteten Fehlkonzeptionen – dass Sprache statisch ist und dass sie logisch ist – beispielsweise in diesem Forenbeitrag, wo “wirklich” im Sinne von ‘real’ interpretiert wird.

Was gerade in solchen FĂ€llen passiert, ist, dass sprachliche Strukturen sozialsymbolisch aufgeladen werden – das heißt, sie bekommen eine Art Zusatzbedeutung. Wenn man “das macht Sinn” oder “nicht wirklich” bewusst vermeidet und die vermeintlich “richtigeren” oder “deutscheren” Wendungen “das ergibt Sinn” bzw. “eigentlich nicht” verwendet, inszeniert man sich als Teil einer Gruppe, die richtiges und gutes Deutsch beherrscht – soziologisch könnte man auch sagen: als Teil einer in-group. Damit geht natĂŒrlich immer die Ausgrenzung einer out-group einher – also derjenigen, die aus vermeintlicher oder tatsĂ€chlicher Unkenntnis ein weniger gepflegtes Deutsch sprechen.

Formen wie “das macht Sinn” erfahren dadurch eine Art Stigmatisierung. In der Sprachwissenschaft spricht man auch von Indexikalisierung, in Anlehnung an den von Michael Silverstein geprĂ€gten Begriff der IndexikalitĂ€t. Silverstein unterscheidet drei Ordnungen der IndexikalitĂ€t: Im Falle der IndexikalitĂ€t erster Ordnung werden Formen von außen mit einem spezifischen soziodemographischen Kontext in Verbindung gebracht. Wenn zum Beispiel ein RheinlĂ€nder sagt “Ich bin die Kartoffeln am SchĂ€len” und die Berlinerin daraufhin sagt: Ah, typisch RheinlĂ€ndisch! – dann ist das IndexikalitĂ€t erster Ordnung. Mit IndexikalitĂ€t 2. Ordnung ist gemeint, dass Formen von innen (also von den Gruppenmitgliedern selbst) mit einem spezifischen soziodemographischen Kontext in Verbindung gebracht werden. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn unter Jugendlichen Kiezdeutsch gesprochen wird, um damit Gruppenzugehörigkeit zu signalisieren. IndexikalitĂ€t 3. Ordnung liegt vor, wenn Formen als “emblematisch” fĂŒr einen bestimmten soziodemographischen Kontext gesehen und z.B. in Parodien genutzt werden. Wenn Sie in deutschsprachigen Comedyformaten einmal darauf achten, werden Sie merken, dass es eine Reihe von besonders stigmatisierten Konstruktionen gibt – gerade die sog. tun-Periphrase und den sog. am-Progressiv tun die Charaktere dort besonders oft am Verwenden sein tun, wenn sie als besonders dumm und inkompetent dargestellt werden sollen.

Hier zeigt sich unfreiwillig ein gewisser Sprachelitismus, dem wiederum eine Fehlkonzeption von Sprache zugrundeliegt, die eng mit der Vorstellung zusammenhĂ€ngt, dass Sprache statisch sei: nĂ€mlich die Idee, dass es ganz klar richtige und falsche Formen gibt. Auch hier sind wir teilweise durch den Schulunterricht vorgeprĂ€gt: Wir denken ĂŒber Sprache im Sinne von Normen nach. Wir fragen uns, was das standardsprachlich Richtige ist. Und tatsĂ€chlich gibt es ja auch Normen, die teilweise verbindlich sind – sowohl in der Schule als auch in Behörden mĂŒssen wir uns weitgehend an verbindliche Regelwerke halten. Das gilt vor allem fĂŒr die Schriftsprache, wo es amtliche Rechtschreibregeln gibt. Auch diese gelten aber natĂŒrlich nur in offiziellen Kontexten – wenn eine Privatperson beschließt, von nun an nur noch klein zu schreiben, dann kann sie das tun, und wenn ein privatwirtschaftliches Unternehmen beschließt, ab sofort sein eigenes Regelwerk einzufĂŒhren, weil es die amtlichen Rechtschreibregeln fĂŒr doof hĂ€lt, hindert es auch niemand daran.

Wie stark aber die Orientierung an sprachlichen Normen ist, zeigt sich in der empörten Reaktion eines Lesers in den aktuellen “Sprachnachrichten” des VDS – Sie sehen, ich habe heute viel Zeit auf den VDS-Seiten verbracht. Der Leser hatte sich bei einem Unternehmen ĂŒber dessen Verwendung des Gendersterns beschwert. Das Unternehmen wies ihn darauf hin, dass jeder und jede schreiben kann, wer er oder sie will – dazu der Leser: “Die Dreistigkeit dieser Antwort verschlĂ€gt mir die Sprache”, denn sie zeige eine Haltung jenseits von Recht und Gesetz. Wenig ĂŒberraschend schließt sich der VDS-Vorstand seiner Empfehlung an, durch KĂŒndigungen seine Macht als Kunde auszuĂŒben – im Englischen nennt man das wohl: cancel culture.

Geschlechtergerechte Sprache

Und damit sind wir mitten im dritten Thema: Geschlechtergerechte Sprache. Dieses Beispiel zeigt schon, wie erbittert hier debattiert wird. Wir haben gerade ĂŒber sozialsymbolische Aufladung und Indexikalisierung gesprochen – und das ist in diesem Bereich natĂŒrlich in besonders starkem Maß der Fall. Wenn wir uns dem Thema ganz nĂŒchtern nĂ€hern wollen, ist es zunĂ€chst einmal wichtig, ein paar Dinge zu trennen: Wenn man “gendern” hört, denkt man vielleicht zuerst an das Gendersternchen oder sein gesprochenes Äquivalent, die Sprechpause wie bei Moderator-innen, die man ja auch in Nachrichtensendungen mittlerweile öfter hört. Aber es gibt ja auch andere Arten und Weisen, zu gendern. In vielen Texten findet man ja z.B. den Hinweis, dass aus GrĂŒnden der Lesbarkeit bei Personenbezeichnungen nur die mĂ€nnliche Form gewĂ€hlt wird, aber Frauen natĂŒrlich mitgemeint sind. Auch wenn diese Praxis inzwischen in die Kritik geraten ist, handelt es sich streng genommen hier auch um eine Form des Genderns, wenn man darunter die sprachliche Sichtbarmachung von GeschlechterdiversitĂ€t versteht. Und hĂ€ufig wird auch argumentiert – sogar in einigen wenigen FĂ€llen von linguistischer Seite -, dass all die MĂŒhe um geschlechtergerechten Sprachgebrauch im Deutschen keinen Sinn habe, weil ja die maskuline Form ohnehin geschlechterĂŒbergreifend gebraucht werde und Frauen mit einschließe – das sogenannte generische Maskulinum.

Wir stehen also vor zwei Fragen, die wir auch getrennt voneinander betrachten mĂŒssen. Erstens: Brauchen wir das ganze Gendergedöns ĂŒberhaupt oder tut es nicht auch das gute alte generische Maskulinum? Zweitens: Wenn wir uns fĂŒrs Gendern entscheiden, wie gendern wir am besten?

Zur ersten Frage habe ich ja schon angedeutet, dass das generische Maskulinum mittlerweile viel kritisiert wird. Vor allem deshalb, weil psycholinguistische Studien gezeigt haben, dass Frauen eben in aller Regel nicht mitverstanden werden, selbst wenn sie mitgemeint sind. Diese experimentellen Studien sind selbst zur Zielscheibe einiger Kritik geworden, weil sie natĂŒrlich stark vereinfachen, was sich bei experimentellen Untersuchungen nie ganz vermeiden lĂ€sst. Ein Teil der Kritik ist sicherlich berechtigt, aber insgesamt zeigt sich doch sehr deutlich, dass das generische Maskulinum nicht so geschlechterĂŒbergreifend ist, wie es vielleicht intendiert ist.

Die Verteidiger*innen des generischen Maskulinums berufen sich gern auf das Sprachsystem und “die Grammatik des Deutschen”. Hier begegnen uns wieder die Fehlkonzeptionen von Sprache: Sprache wird als etwas Statisches gesehen, das außerhalb der Sprecherinnen und Sprecher existiert und wofĂŒr es feste Regeln und Normen gibt.

Jetzt muss man natĂŒrlich einrĂ€umen, dass die Abstraktion eines Sprachsystems auch aus linguistischer Sicht nichts ganz Sinnloses ist. Die meisten Linguistinnen und Linguisten wĂŒrden sicherlich zustimmen, dass es bestimmte Konventionen gibt, auf die sich die Mitglieder einer Sprachgemeinschaft geeinigt haben, und wenn man eine Äußerung tĂ€tigt, die nicht mit diesen Konventionen ĂŒbereinstimmt, dann wird diese Äußerung als ungrammatisch oder als falsch wahrgenommen. Und es spricht nichts dagegen, diese Abstraktion als Sprachsystem zu bezeichnen. Aber: Dieses Sprachsystem existiert eben nicht oder nur sehr bedingt unabhĂ€ngig vom Sprachgebrauch – ich selbst wĂŒrde so weit gehen zu sagen: Sprache ist Sprachgebrauch. Aber je nach theoretischer Orientierung werden mir da viele Kolleginnen und Kollegen widersprechen. Besonders deutlich tut das ĂŒbrigens Josef Bayer in den aktuellen Sprachnachrichten des VDS, wenn er fĂŒr das generische Maskulinum mit den Worten argumentiert: “Sprache wird von Menschen verwendet, aber sie ist nicht von Menschen gemacht.”

Aber worauf sich die meisten Linguistinnen und Linguisten sicherlich einigen können, ist, dass gerade, wenn es um Fragen der Bedeutung geht, normative Regelwerke wie der Duden oder die amtliche Rechtschreibung wenig Erhellendes beitragen können. Wir mĂŒssen uns anschauen, wie Sprache gebraucht wird, und wenn es um Bedeutung geht, mĂŒssen wir uns anschauen, wie sprachliche Zeichen verstanden werden. Wenn wir den Anspruch der Sprachwissenschaft ernst nehmen, den Sprachgebrauch zu beschreiben und damit eine empirische Wissenschaft zu sein, verliert auch das hĂ€ufig vorgebrachte Argument, dass Genus und Sexus, also grammatisches Geschlecht und biologisches bzw. soziales Geschlecht, nichts miteinander zu tun hĂ€tten, an Zugkraft, denn die empirische Beleglage zeigt ganz klar: NatĂŒrlich sind Genus und Sexus zwei verschiedene Dinge, die man nicht verwechseln sollte, aber gerade bei Personenbezeichnungen gibt es zwischen beiden einen sehr engen Bezug.

Weil die Evidenz bei allen Problemen, die die empirischen Studien im detail haben mögen, sehr eindeutig ist, gibt es zumindest in bestimmten Kreisen einen weitgehenden Konsens darĂŒber, dass man Frauen in der Sprache sichtbarer machen sollte – eben auch, um das gesellschaftliche Ziel zu erreichen, dass Frauen öfter mitgedacht werden. Das fĂŒhrt uns zu der Frage, wie genau das passieren soll. Die wahrscheinlich unauffĂ€lligste Variante ist die Doppelnennung: Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und ich wage die Prognose, dass die derzeitige Debatte weit weniger erhitzt gefĂŒhrt werden wĂŒrde, wenn es nur diese Form zur Debatte stĂŒnde.

Diese Beidnennung hat aber natĂŒrlich den Nachteil, dass sie potentiell ebenfalls Menschen ausschließt, weil sie ein binĂ€res VerstĂ€ndnis von Geschlecht und Geschlechterrollen festschreibt. Mit Zeichen wie Genderstern, Gender_Gap oder Doppelpunkt sollen auch intergeschlechtliche Menschen reprĂ€sentiert werden. Das trĂ€gt sicherlich auch dazu bei, dass die Debatte so erhitzt gefĂŒhrt wird: Schließlich ist auch die Idee, dass Geschlecht nicht nur etwas BinĂ€res sein kann, in Teilen der Gesellschaft noch nicht angekommen. Das ist nicht ganz ĂŒberraschend, denn schließlich sind die allermeisten von uns in einem Umfeld aufgewachsen, in dem die klassischen binĂ€ren Geschlechterrollen sehr stark verankert sind. Man muss vieles von dem, was man lange Zeit unausgesprochen fĂŒr völlig selbstverstĂ€ndlich hielt, in Frage stellen, um zunĂ€chst einmal zu akzeptieren, dass vieles von dem, was wir im Alltag als Geschlecht wahrnehmen, eigentlich nur sozial konstruierte Geschlechterrollen sind, und dann auch noch anzuerkennen, dass es sowohl in bezug auf biologisches als auch in bezug auf soziales Geschlecht mehr gibt als nur die klassische BinaritĂ€t von Mann und Frau. Da ist es einfacher, die wissenschaftliche Evidenz dafĂŒr zurĂŒckzuweisen und das alles als “Genderwahn” oder “Gender-Indeologie” abzutun – wie es beispielsweise AGENS e.V. macht, ein sympathischer kleiner Verein, der sich unter anderem gegen die – Zitat – “Pornografisierung der Schule” durch die “Durchsetzung der HomosexualitĂ€t als neue NormalsexualitĂ€t” einsetzt. Gemeinsam mit dem VDS hat dieser Verein 5 Grundthesen zur Gendersprache veröffentlicht, die er als “Teil eines ideologischen Programms zur GesellschaftsverĂ€nderung” ablehnt.

Dabei wird ein Framing, also eine sprachliche Rahmung, verwendet, das in Zusammenhang mit sprachkritischen Äußerungen zu geschlechtergerechter Sprache hĂ€ufig bedient wird: Die Gendersprache werde “von oben” durchgesetzt und die Nichtverwendung geschlechtergerechter Formulierungen sanktioniert. Schauen wir dazu noch ein letztes Mal ins Mitteilungsblatt des VDS, die Sprachnachrichten – in der jĂŒngsten Ausgabe gibt es darin mehrere Seiten ĂŒber das Gendern, und in zweien davon geht es um die Erfahrungen einer Studentin bzw. einer Dozentin, die sich gegen das Gendern positionieren und dafĂŒr angeblich Nachteile erleiden mĂŒssen. Die Studentin beispielsweise fĂŒhlt sich “ĂŒberrannt”. Mit Überschriften wie “ÜberzeugungstĂ€ter – MitlĂ€ufer – Angst” oder “Emotional angeschlagen in den Hörsaal” wird der Eindruck erweckt, an deutschen UniversitĂ€ten herrsche ein Klima der Angst. Das fĂŒgt sich natĂŒrlich gut zusammen mit der weitverbreiteten Idee, dass es an UniversitĂ€ten eine Verengung des Meinungskorridors gebe – Stichwort cancel culture.

Die RealitĂ€t sieht aber, zumindest in meiner Erfahrung, anders aus. Es mag tatsĂ€chlich FĂ€lle geben, in denen Dozierende Hausarbeiten nicht annehmen, die nicht gegendert sind – das finde ich problematisch, weil sich geschlechtergerechte Sprache, entgegen der Annahme von Sprachpflegern, eben nicht verordnen lĂ€sst – außer natĂŒrlich in bestimmten Kontexten: Wenn sich beispielsweise eine Zeitung oder eine Zeitschrift fĂŒr einen bestimmten Hausstil entscheidet, dann mĂŒssen sich natĂŒrlich alle daran halten. Sprachkritiker mögen sich daran stören, dass beispielsweise die taz nicht den amtlichen Rechtschreibregeln folgt, wenn sie das Gendersternchen verwendet. Konsequenterweise hĂ€tten sich dieselben Sprachkritikerinnen aber auch daran stören mĂŒssen, dass bis 2007 die FAZ in der alten, seit 1996 nicht mehr gĂŒltigen Rechtschreibung erschien.

Das Narrativ, dass die sogenannte Gendersprache aus ideologischen GrĂŒnden von oben durchgesetzt werde, gegen den Willen einer schweigenden Mehrheit, ist hart an der Grenze zur Verschwörungstheorie und bedient sich Ă€hnlicher argumentativer Muster. Eine nicht nĂ€her definierte Elite will auf eine Art Umerziehung der Gesellschaft hinarbeiten. Wenn ich das so sage, ist natĂŒrlich sofort klar, dass das wenig ĂŒberzeugend ist. Trotzdem mĂŒssen wir uns natĂŒrlich fragen, woher solche Narrative kommen und warum sie so erfolgreich sind. Ein Grund dafĂŒr ist sicherlich, dass die Art und Weise, wie wir ĂŒber Sprache denken, geprĂ€gt ist von falschen und teilweise problematischen Vorstellungen.

Dazu gehört, dass Sprache statisch und normativ ist, und dazu gehört auch, dass Sprache eng mit kultureller IdentitĂ€t in Verbindung gebracht wird. Gerade in Deutschland gibt es eine lange Tradition des Sprachnationalismus – die deutsche Sprache wird mit der deutschen Kultur in Verbindung gebracht, die zumindest aus einer sehr konservativen Warte wiederum mit Werten verbunden ist, die sich mit Geschlechtervielfalt und anderen Spielarten der DiversitĂ€t nicht so ohne weiteres in Einklang bringen lassen. Das heißt nicht, dass alle, die generisches Maskulinum verwenden, reaktionĂ€r und illiberal sind. Ich will nur deutlich machen, dass sich die Fehlkonzeptionen von Sprache, die ich in diesem Video auseinandernehmen möchte, sehr gut vertragen mit einem illiberalen Weltbild, wie es gerade von der Neuen Rechten sehr stark propagiert wird. So ist es ja sicherlich kein Zufall, dass sich der VDS fĂŒr seine FĂŒnf Grundthesen zur Gendersprache mit einem Verein zusammengetan hat, der seine Homophobie und Transphobie erstaunlich offen zur Schau stellt.

Aber jetzt sind wir von den vorhin genannten beiden Fragen – Ist Gendern sinnvoll und wenn ja, wie gendern wir am besten? – auf einen Nebenzweig der zweiten Frage abgekommen, nĂ€mlich die Frage: Wie werden gegenderte Formen wahrgenommen? Um den Begriff von vorhin noch einmal aufzugreifen, sind gerade Formen wie Genderstern und Gendergap stark indexikalisiert, stark soziosymbolisch aufgeladen, und entsprechend lösen sie bei Gegner*innen auch hochemotionale Reaktionen aus. Wenn wir auf die Frage zurĂŒckkommen, welche Form des Genderns sich am besten eignet, mĂŒssen wir diese Aspekte mit bedenken. Letztendlich gibt es darauf keine endgĂŒltige Antwort, da viele verschiedene Aspekte mit hineinspielen, von Ă€sthetischen Fragen und Fragen der Lesbarkeit bis hin zum Kontext, in dem eine sprachliche Interaktion stattfindet. Deshalb gibt es ja auch so viele verschiedene Varianten des Genderns – was ĂŒbrigens manchmal auch paradoxerweise als Gegenargument angefĂŒhrt wird.

Ohnehin ist es ganz instruktiv, sich noch einmal die Gegenargumente gegen das Gendern anzuschauen, weil sich daran die Fehlkonzeptionen von Sprache, ĂŒber die wir in diesem Video gesprochen haben, ebenso illustrieren lassen wie argumentative FehlschlĂŒsse, denen Sprachpflegerinnen und Sprachpfleger oft auf den Leim gehen.

Ein Gegenargument ist, dass in Umfragen immer wieder eine Mehrheit das Gendern ablehne. Das mĂŒsste mich eigentlich ĂŒberzeugen, weil ich immer wieder betone, wie demokratisch Sprache ist. Aber hier zeichnet sich wieder die normative Fehlkonzeption von Sprache ab: Sprache ist nicht in dem Sinne demokratisch, dass eine Mehrheit verbindliche Regeln beschließt, an die sich dann alle zu halten haben. Sondern in dem Sinne, dass sich das durchsetzt, was viele machen – auch wenn es am Anfang vielleicht nur wenige sind. Wenn ich hier eine Umfrage ĂŒber meine Frisur machen wĂŒrde, gĂ€be es sicher auch eine relativ große Mehrheit dafĂŒr, dass da noch Luft nach oben ist – vor allem, wenn sich insbesondere konservative Medien in den Jahren zuvor alle MĂŒhe gegeben hĂ€tten, meine Frisur als Untergang des Abendlandes zu brandmarken. Aber trotzdem zwingt mich glĂŒcklicherweise niemand, mich diesem Mehrheitsvotum zu beugen.

Ein weiteres Gegenargument ist, dass sich geschlechtergerechte Sprache nicht konsequent umsetzen lĂ€sst. TatsĂ€chlich ist es ja so, dass man schnell an Grenzen versucht, wenn man versucht, wirklich bis ins letzte Detail zu gendern – Texte werden dann im besten Fall schwer lesbar, im schlechtesten unfreiwillig komisch. Auch dieses Argument beruht aber auf einer Fehlannahme, die eng mit dem logischen Fehlschluss verwandt ist. Warum sollte es in einer Sprache etwas nur ganz oder gar nicht geben? Speziell fĂŒrs Deutsche gibt es eine ganze Reihe an Beispielen, wo die Grammatik chaotisch, unlogisch, inkonsequent ist, und wenn das schon in der Grammatik gilt, also in dem Bereich der Sprache, wo die Metapher eines RegelgerĂŒsts oder Regelkorsetts, das sprachliche Variation beschrĂ€nkt, noch am ehesten greift, warum sollte das dann nicht umso mehr im konkreten Gebrauch von Formen gelten, die sprachhistorisch gesehen noch sehr jung sind?

Das wahrscheinlich hĂ€ufigste Gegenargument bezieht sich auf die Lesbarkeit – auf dieses Argument bin ich schon eingegangen; es kann berechtigt sein, wenn man bestimmte Formen des Genderns sehr konsequent einsetzt. Aber erstens geht es ja, wie schon gesagt, nicht um alles oder nichts, sondern man kann auf verschiedene Art und Weise eine Balance zwischen Lesbarkeit und gendergerechter Sprache finden. Ich selber gendere zum Beispiel Erstglieder von Komposita in der Regel nicht – Leserbrief zum Beispiel, was schon so lexikalisiert, also so verfestigt, ist, dass auch eine Umschreibung mit dem Partizip wie Lesendenbrief mir persönlich eher merkwĂŒrdig vorkommen wĂŒrde. Und zweitens gibt es ja, wie schon gesagt, verschiedene Arten des Genderns – eine hĂ€ufig benutzte, die die Lesbarkeit quasi gar nicht beeintrĂ€chtigt, besteht darin, einfach maskuline und feminine Personenbezeichnungen abwechselnd zu verwenden.

Wir sehen also, wenn es ums Gendern geht, werden in der Diskussion hĂ€ufig verschiedene Dinge zusammengeworfen: Die Motivation fĂŒr geschlechtergerechten Sprachgebrauch auf der einen Seite, die Umsetzung auf der anderen. Weil die Debatte so emotionalisiert ist, wird man schnell als missionarisch wahrgenommen, wenn man sich fĂŒr gendergerechte Sprache ausspricht. Sicher mag es auch Leute geben, die da tatsĂ€chlich sehr missionarisch unterwegs sind. Die allermeisten aber wollen nur Argumente austauschen und DenkanstĂ¶ĂŸe liefern und niemanden zum Gendern zwingen – das gilt ĂŒbrigens auch und gerade fĂŒr Leute, die solche Handreichungen und Empfehlungen schreiben, wie es sie in vielen Bereichen gibt.

Auch in diesem Video ging es mir nicht darum, irgendjemanden zum Gendern zu bekehren – oder dazu, ganz viele Anglizismen zu benutzen und bei jeder Gelegenheit “das macht Sinn” zu sagen. Sondern ich wollte ein Grundproblem der Argumentation aufzeigen, die hĂ€ufig von sprachpflegerischer Seite bemĂŒht wird. Da gibt es ganz viele FehlschlĂŒsse und argumentative Sackgassen, die man aufdröseln könnte, aber mein Eindruck ist, dass sich viele dieser einzelnen FehlschlĂŒsse zurĂŒckfĂŒhren lassen auf ein gemeinsames Problem, nĂ€mlich eine Konzeptualisierung von Sprache, die wenig damit zu tun hat, wie Sprache eigentlich funktioniert. Dieses Modell sieht Sprache als relativ statisches, stark normatives System, das unabhĂ€ngig von den Sprecherinnen und Sprechern existiert. Sprache wird dabei auch eng mit kulturellen Aspekten verwoben, was sie fĂŒr rechte Ideologien anfĂ€llig macht – nicht zufĂ€llig ist der Kampf gegen Anglizismen und gegen das Gendern ja nicht nur ein Anliegen des VDS, sondern auch Teil des Grundsatzprogramms rechter Parteien.

NatĂŒrlich gibt es auch innerhalb der Sprachwissenschaft keinen hundertprozentigen Konsens darĂŒber, wie Sprache genau funktioniert und wie man Sprache am besten modellieren kann. Vieles ist sehr umstritten – beispielsweise, in welchem Maße die menschliche SprachfĂ€higkeit auf angeborenen Grundlagen beruht und in welchem Maße sie kulturell erworben wird. Klar ist aber: Sprache ist kein gottgegebenes, unantastbares Heiligtum, und weder der Duden noch die amtlichen Rechtschreibregeln sind GesetzbĂŒcher. Weder Anglizismen noch Gendersternchen können die Sprache kaputtmachen, denn Sprache ist ein sich selbst organisierendes System, und weil wir als Sprecherinnen und Sprecher an erfolgreicher Kommunikation interessiert sind, werden wir auch immer dafĂŒr sorgen, dass die Sprache, die wir sprechen, diese Funktion erfĂŒllt. Um die Zerstörung der deutschen Sprache oder irgendeine Art des Sprachverfalls mĂŒssen wir uns also keine Sorgen machen – was uns aber Sorgen bereiten sollte, sind die Ideologien, die der Sprachverfallsdebatte zugrundeliegen, und die Tatsache, dass der Mythos vom Sprachverfall außerhalb der Linguistik immer noch so große Resonanz findet.

Ein offener Brief und offene Fragen

Jetzt habe ich es also auch getan: Ich habe einen offenen Brief geschrieben. 2020 war nicht unbedingt ein Jahr, das arm war an offenen Briefen. Die meisten davon waren nach kurzem Hype schnell vergessen, und in Zeiten, in denen ein Klick genĂŒgt, um eine Petition oder eben einen offenen Brief zu unterschreiben, stellt sich die Frage, welche Aussagekraft ein solches Dokument haben kann. Deshalb will ich hier kurz darlegen, was genau das Ziel des offenen Briefs ist, und dabei auch auf einige durchaus berechtigte Kritikpunkte eingehen, die daran geĂ€ußert wurden.

Gegen wissenschaftsfremde Sprachkritik

Die Stellungnahme, von der die Rede ist, ist hier zu finden. Die ursprĂŒngliche Fassung des Textes entstand als sehr spontane Reaktion auf einen Artikel von Helmut GlĂŒck im Magazin “Forschung & Lehre” des Deutschen Hochschulverbands. Darin kritisiert er die “Handlungsempfehlungen der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen”, die in einer der vorherigen Ausgaben des Magazins gekĂŒrzt abgedruckt worden waren. Er beruft sich dabei auf die Linguistik, doch soweit er tatsĂ€chlich sprachwissenschaftliche Argumente vorbringt, handelt es sich um Positionen, die mittlerweile in der Linguistik zumindest in der Absolutheit, wie GlĂŒck sie formuliert, weitestgehend abgelehnt werden – so jedenfalls mein Eindruck. Um diesen zunĂ€chst zumindest teilweise subjektiven Eindruck zu untermauern, war es mir wichtig, die (deutschsprachige) linguistische Community mit einzubeziehen, was dann zu der Entscheidung fĂŒhrte, die Stellungnahme öffentlich zu teilen und zu Unterschriften einzuladen. Dabei konnte der Brief auch noch bearbeitet werden, wodurch er in Teamarbeit noch etwas lĂ€nger, aber hoffentlich auch ĂŒberzeugender geworden ist.

Im Nachhinein hĂ€tte ich trotzdem manches anders formuliert und die Stellungnahme etwas anders aufgebaut, denn gerade von Gegner*innen, aber auch von grundsĂ€tzlichen BefĂŒworter*innen ist sie recht oft missverstanden worden: wahlweise als PlĂ€doyer fĂŒrs Gendern, als Verteidigung der von GlĂŒck kritisierten Handlungsempfehlungen oder gar als explizite Stellungnahme fĂŒr Gender*stern und Gender_gap als Morphemtrennzeichen (was die beiden Varianten sind, die im Text deshalb erwĂ€hnt wurden, weil sich GlĂŒck explizit auf sie bezieht). All das sollte die Stellungnahme aber nicht sein, auch wenn es nicht allzu schwer fĂ€llt, das alles in sie hineinzulesen. Umgekehrt war das Ziel aber auch keine ausgewogene Darstellung der Debatten, die in der Linguistik um Themen wie beispielsweise das sog. generische Maskulinum gefĂŒhrt werden. Es ging lediglich darum, zu zeigen, dass es in der Linguistik auch andere Positionen gibt – und dass ĂŒber diese anderen Positionen sogar, bei allen Differenzen im Detail, weitgehender Konsens in der Linguistik besteht.

Wir sind mehr – so what?

Das fĂŒhrt zur ersten wichtigen Frage, die in Zusammenhang mit dem offenen Brief diskutiert wurde: Was sagt es ĂŒberhaupt aus, wenn etwas in der Wissenschaft eine Mehrheiten- oder eine Minderheitenmeinung ist? Sollten nicht letztlich nur Argumente zĂ€hlen? WĂ€hrend die erwarteten ablehnenden Reaktionen auf die Stellungnahme, soweit sie zu mir vorgedrungen sind, erfreulich kollegial ausgefallen sind, habe ich die einzige wirklich heftig erboste Reaktion auf einen Tweet erhalten, in dem ich schrieb, dass natĂŒrlich Mehrheitenmeinungen prinzipiell falsch sein können, aber dass es trotzdem wichtig sei, darĂŒber aufzuklĂ€ren, was gerade der Konsens in einem Fach ist.

Im Pandemiejahr 2020 liegt die Analogie zur Virologie und Epidemiologie auf der Hand: Hier haben wir in den vergangenen Monaten, obwohl völlig fachfremd, doch ein ganz gutes GespĂŒr dafĂŒr bekommen, was die dominanten Positionen im jeweiligen Feld sind und welche Positionen eher Außenseitermeinungen sind – zumindest wir, die wir im Wissenschaftsbetrieb tĂ€tig sind; ob das auch fĂŒr die breite Öffentlichkeit gilt, wage ich nicht zu beurteilen. GĂ€be es gerade keine Pandemie, wĂŒrde sich der Vergleich zur Klimaforschung aufdrĂ€ngen: Auch hier gibt es ganz vereinzelt Wissenschaftler*innen, die den menschengemachten Klimawandel bezweifeln. Aber die ĂŒberwĂ€ltigende Mehrheit tut das nicht. Das muss nicht zwangslĂ€ufig heißen, dass die Mehrheiten Recht haben. Aber in beiden FĂ€llen sind die MehrheitsverhĂ€ltnisse so völlig klar, dass ich als Fachfremder im Zweifelsfall dem “Mainstream” vertraue – natĂŒrlich nicht blind, da ich schon Argumente vergleiche und abwĂ€ge, soweit das mein begrenzter Sachverstand zulĂ€sst. Aber was die fachlichen Grundlagen angeht, muss ich dann eben doch auf die Expertise der Kolleg*innen vertrauen.

Anders als in den genannten Beispielen gefĂ€hrdet es glĂŒcklicherweise keine Menschenleben, wenn in Medien wie der FAZ oder eben “Forschung & Lehre” immer wieder Außenseiterpositionen abgedruckt werden, in denen der Eindruck entsteht, die Linguistik sei mehr mit Sprachpflege und Anglizismenabwehr beschĂ€ftigt als mit der Untersuchung des tatsĂ€chlichen Sprachgebrauchs. (Wer jetzt einwenden möchte, dass gendergerechte Sprache nichts mit tatsĂ€chlichem Sprachgebrauch zu tun hat, sei auf den nĂ€chsten Abschnitt verwiesen.) Dennoch sollte der Linguistik daran gelegen sein, das Bild, das dadurch in der öffentlichen Wahrnehmung entsteht, zu korrigieren – schließlich kann keine Wissenschaft daran interessiert sein, dass fundamentale Fehlannahmen selbst ĂŒber ihre grundlegendsten Konzepte kursieren.

GlĂŒck greift in seinem Artikel mehrere Themen auf, aber beschrĂ€nken wir uns exemplarisch auf das generische Maskulinum: Der Artikel erweckt den Eindruck, die SexusneutralitĂ€t maskuliner Personenbezeichnungen sei in der Linguistik Konsens, ja mehr noch: ein unumstĂ¶ĂŸliches Faktum. Bedeutung ist aber ein viel zu komplexes PhĂ€nomen, als dass man das so apodiktisch feststellen könnte. Das gilt nicht nur da, wo notorisch schwierige Kategorien wie Genus ins Spiel kommen. An der Schnittstelle von Semantik und Pragmatik (der Lehre vom sprachlichen Handeln) tobt beispielsweise ein großer Streit darĂŒber, ob Er hat die meisten Kekse gegessen auch bedeuten kann ‘Er hat alle Kekse gegessen’. Eine politisch-ideologisch motivierte Kekslobby spielt in dieser Debatte, soweit ich weiß, keine Rolle. Wenn es um die Interpretation grammatisch maskuliner Personenbezeichnungen geht, ist es zugegebenermaßen schwieriger, die “politische” Dimension auszublenden (ob das wĂŒnschenswert ist oder nicht, sei dahingestellt), aber es ist nicht unmöglich.

Ob nun die Friseure nur mĂ€nnliche Friseure meint oder auch Friseurinnen, hĂ€ngt davon ab, was man unter der Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks versteht. Ist die Bedeutung eines sprachlichen Zeichens ein abstraktes, invariates, mithin kontextunabhĂ€ngiges Konzept? Unser AlltagsverstĂ€ndnis von Sprache suggeriert dies. Wenn ein Kind eine Katze als Hund bezeichnet, dann ist uns klar: Das ist falsch. Und wenn wir zu Sprachpurismus neigen, dann korrigieren wir Mitmenschen, die realisieren im Sinne von ‘erkennen’ benutzen und klĂ€ren sie auf, dass realisieren im Deutschen ‘umsetzen’ bedeute und eben nicht ‘erkennen’ wie englisch realize. In unserem AlltagsverstĂ€ndnis haben sprachliche Zeichen also eine klare und klar abgrenzbare Bedeutung. Und ganz falsch ist diese Alltagskonzeption sicherlich nicht, andernfalls wĂ€re ja jede Kommunikation zum Scheitern verurteilt. Aber ganz richtig ist sie eben auch nicht, denn Bedeutung ist eben auch dynamisch und kontextabhĂ€ngig. Die Dynamik von Bedeutung zeigt sich im Bedeutungswandel – so bezog sich fahren im Mittelhochdeutschen noch auf alle Fortbewegungsarten (auch zu Fuß), heute bedeutet es ‘sich mit einem Hilfsmittel fortbewegen’. Und natĂŒrlich bedeutet realisieren im heutigen Deutschen auch ‘erkennen’ – wer Anderes behauptet, ignoriert den tatsĂ€chlichen Sprachgebrauch.

Die Aussage “generische Maskulina sind sexusneutral”, um darauf zurĂŒckzukommen, lĂ€sst sich in zweierlei Hinsicht deuten:

a) als prĂ€skriptive (‘vorschreibende’) Aussage. Es wird also – i.d.R. auf Grundlage von sprachnormativen Werken (Grammatiken) – eine Aussage ĂŒber den “richtigen” Sprachgebrauch getroffen. Eine solche Aussage entzieht sich der Bewertung als “richtig” oder “falsch”, sie kann aber natĂŒrlich am aktuellen Sprachgebrauch gemessen werden: Denn auch Sprachnormierung und -kodifizierung, wie sie beispielsweise in Werken wie der Duden-Grammatik oder den amtlichen Rechtschreibregeln betrieben wird, orientiert sich in der modernen Linguistik am tatsĂ€chlichen Sprachgebrauch. Aus dieser Perspektive, das sei eingerĂ€umt, liegt GlĂŒck nicht ganz falsch: Im Alltagsgebrauch scheint das generische Maskulinum tatsĂ€chlich noch relativ fest verankert, auch wenn der Sprachgebrauch hier gerade im Umbruch ist (dazu gleich mehr).

b) als deskriptive, also den Sprachgebrauch – konkret: Sprachproduktion und Sprachverstehen – beschreibende Aussage, wobei hier mehrere Aspekte eine Rolle spielen (können) – was die Sprecherin vermitteln möchte, was beim Hörer ankommt und auch, wie diese beiden Aspekte miteinander interagieren. Insbesondere die Frage, wie genusĂŒbergreifend gemeinte Maskulina verstanden werden, wurde in psycholinguistischen Studien mehrfach erforscht, und immer wieder zeigte sich, dass sie letztlich eben doch weit ĂŒberwiegend als mĂ€nnlich verstanden werden. Auch wenn das natĂŒrlich in unterschiedlichen Kontexten in unterschiedlichem Umfang gilt und die Studien teilweise methodische Probleme haben mögen, muss die oft behauptete UnabhĂ€ngigkeit von Genus und Sexus mindestens als umstritten, wenn nicht sogar als widerlegt gelten.

Aus den letztgenannten Punkten kann nun aus sprachpolitischer Perspektive die Forderung nach sprachlicher Sichtbarmachung von GeschlechterdiversitĂ€t folgen – ein Schritt, den die Stellungnahme zu GlĂŒck jedoch ganz bewusst nicht geht, da es dort lediglich um das Aufzeigen der aus wissenschaftlicher Sicht problematischen Aussagen gehen sollte.

Gleiches gilt ĂŒbrigens fĂŒr die Passage zu Partizipialformen, die selbst unter BefĂŒrwortenden (sic 🙂 ) der Stellungnahme umstritten war: Sie soll zeigen, dass es auch aus linguistischer Sicht nicht völlig abwegig ist, Partizipialformen wie Musizierende als geschlechtsneutrale Formulierungen heranzuziehen. Nun könnte man natĂŒrlich einwenden, dass in psycholinguistischen Studien Ă€hnlich jenen, die zum generischen Maskulinum gemacht wurden, sicherlich gezeigt werden könnte, dass man bei der Partizipialform tatsĂ€chlich zunĂ€chst an eine Person denkt, die gerade musiziert, und nicht an Musiker*innen, die gerade kein Instrument spielen. Der Unterschied ist aber, dass hier eine progressive und eine habituelle Lesart miteinander konkurrieren und aus dem Kontext recht schnell deutlich werden dĂŒrfte, welche gemeint ist (sofern das relevant ist), wĂ€hrend das generische Maskulinum im Zweifelsfall eine ganze Personengruppe unterschlĂ€gt. (Nebenbei: Oft, so auch bei GlĂŒck, wird darauf hingewiesen, dass es ja auch andere Personengruppen unterschlage, da man ja z.B. eher an weiße MĂ€nner denke. Allerdings kann dieses Argument nicht ĂŒberzeugen, da “Geschlecht” relativ tief in der deutschen Grammatik verankert ist und es ĂŒber das Movierungssuffix -in fĂŒr fast jede Personenbezeichnung zumindest prinzipiell eine mĂ€nnliche und eine weibliche Form gibt, wĂ€hrend fĂŒr andere Kategorien wie “Ethnie” oder “Hautfarbe” nichts Vergleichbares existiert.)

Es gĂ€be noch einiges mehr ĂŒber das Partizip zu sagen, aber wie schon gesagt, ging es nur darum, zu zeigen, dass die besagte Bedeutungserweiterung linguistisch nicht völlig abwegig ist – solange sie den Sprecherinnen und Sprechern akzeptiert wird.

Und damit kommen wir zur vielleicht schwierigsten offenen Frage: Ist die Stellungnahme letztlich ein Gruß aus dem Elfenbeinturm?

Sprachwandel von unten und von oben

Im Zuge der kollaborativen Überarbeitung des Textes sowie der Diskussionen ĂŒber den Text u.a. auf Twitter gab es zwei DiskussionsstrĂ€nge, die mehr oder weniger direkt mit den Handlungsempfehlungen zusammenhĂ€ngen, auf die sich GlĂŒcks Artikel bezieht. Der erste: Wie praxistauglich sind eigentlich diese Empfehlungen? Ist es nicht, ĂŒberspitzt gesagt, so, dass viele Spielarten gendergerechter Sprache in bestimmten “Bubbles” zu einem in-group-Marker geworden sind, wĂ€hrend sie außerhalb dieser Gruppen eher bespöttelt werden? Das ist durchaus eine sehr wichtige Frage, die auch unmittelbar mit dem zweiten Diskussionsstrang zusammenhĂ€ngt: Kann Sprachwandel “von oben” ĂŒber Institutionen stattfinden?

Beide Fragen haben aus meiner Sicht wenig mit der Stellungnahme zu tun, da es ihr weder um eine Verteidigung der Bukof-Handlungsempfehlungen ging noch darum, Empfehlungen fĂŒrs “richtige” Gendern zu geben. Dennoch scheint es mir wichtig, darĂŒber zu diskutieren, gerade angesichts der virulenten Metasprachdiskurse, in denen hĂ€ufig das Topos einer Steuerung des Sprachgebrauchs “von oben” aufgegriffen wird (Schlagworte: “Das darf man ja heute nicht mehr sagen”, “wie es Neudeutsch heißt
”). Eine solche Steuerung gibt es natĂŒrlich im eigentlichen Sinne nicht, denn selbstverstĂ€ndlich wird niemand durch irgendwelche Gesetze oder Verordnungen verpflichtet, zu gendern. Dass der Eindruck dennoch entstehen kann, liegt auf der Hand: Wenn eine Person, die gendergerechte Sprache absurd findet, tĂ€glich “von oben” mit gegenderten Formen konfrontiert wird – etwa bei Dozierenden oder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – und gleichzeitig in konservativeren Medien immer wieder mit Warnungen vor sprachentstellendem “Genderwahn” konfrontiert ist, mag der Eindruck naheliegen, dass es sich dabei um eine groß angelegte “Umerziehungsmaßnahme” handle. Allerdings ist das vielleicht eine allzu pessmistische EinschĂ€tzung: Denkbar ist auch, dass durch die verstĂ€rkte Sichtbarkeit geschlechtlicher Vielfalt in den Medien und die Problematisierung sexistischer Strukturen auch die Forderung nach sprachlicher Inklusion auf mehr Akzeptanz stĂ¶ĂŸt. Klar ist aber natĂŒrlich auch, dass sich letztlich nur durchsetzen kann, was auch in den alltĂ€glichen Sprachgebrauch ĂŒbernommen wird. Die Frage ist allerdings auch hier, ob sich die betreffenden Marker, seien es nun Sternchen, Gaps oder der Glottisverschluss im Gesprochenen, flĂ€chendeckend durchsetzen können oder dauerhaft an bestimmte VarietĂ€ten/Register gekoppelt bleiben.

Auch bei den Handlungsempfehlungen der Bukof besteht die Gefahr, dass sie als etwas “von oben” Kommendes wahrgenommen werden, als Versuch, per Verordnung in den “natĂŒrlichen” Sprachgebrauch einzugreifen. Dabei ist freilich einschrĂ€nkend zu sagen, dass diese Idee eines natĂŒrlichen Sprachgebrauchs und eines rein bottom-up verlaufenden Sprachwandels eine Idealisierung darstellt, da Sprache ja immer in ZusammenhĂ€ngen existiert, in denen zumindest teilweise auch top-down-Prozesse eine Rolle spielen – so ist das Deutsch, das wir heute sprechen, stark von der Schriftsprache beeinflusst, die bei der Standardisierung des Deutschen eine zentrale Rolle spielte. Das Argument, dass ein Sprachwandel “von oben” nicht funktionieren kann, greift also nicht bzw. ĂŒbersieht, dass “natĂŒrlicher” Sprachwandel auch mit nicht ganz so “natĂŒrlichen” Prozessen interagiert und sich top-down- und bottom-up-Faktoren dabei nicht immer scharf trennen lassen.

Gleichwohl ist die Frage nach der Wahrnehmung der konkreten VorschlĂ€ge, die in den besagten Handlungsempfehlungen und anderswo fĂŒr eine geschlechtergerechte Sprache gemacht werden, keineswegs irrelevant. Aus dieser Perspektive ist GlĂŒcks Beitrag wiederum aufschlussreich und instruktiv, da er wohl als durchaus reprĂ€sentativ fĂŒr die “Außenwahrnehmung” des BemĂŒhens um gendergerechte Sprache verstanden werden kann.

FĂŒr dieses Problem habe ich keine Lösung. Ein erster Schritt ist sicherlich ein pragmatischer, unaufgeregter und undogmatischer Diskurs, wie er in vielen Kommentaren von allen Seiten gefordert wurde. Ein solcher Diskurs setzt aber, wenn er sachlich gefĂŒhrt werden soll, auch voraus, dass der aktuelle Forschungsstand in den relevanten Disziplinen berĂŒcksichtigt wird. Genau hier setzt die Stellungnahme an und will eine Reihe problematischer Aussagen korrigieren – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ground truths: A note on Pinker

I’ve been thinking a lot about the open letter to the Linguistic Society of America (LSA) recently that calls for the removal of Steven Pinker from the LSA’s list of distinguished academic fellows and their list of media experts. The letter has caused heated controversies, and a number of scholars have offered counterperspectives in blog posts, some of them quite thoughtful, others less so. I find myself in the rare situation that I partly agree with both sides of the debate – at the same time, I find many of the argumentative patterns employed on both sides highly problematic. In this post, I want to explain why. In order to do so, I will first offer an analysis of one of Pinker’s controversial tweets and the reactions that it spawned. I will argue that what I call “ground truths” are at the heart of the debate: Shared convictions that are perceived as self-evident and non-negotiable by those who share them. This will lead to a critical reflection of the ground truths that are at issue in the Pinker debate.

Two levels of analysis

First, let me point out that I perfectly agree with the authors and signatories of the open letter that many of Pinker’s tweets and statements are problematic, and below, I’ll also explain why, focusing on one of his tweets that was mentioned in the open letter. But I would still give him the benefit of doubt and assume that his intentions have been good. Focusing exclusively on his statements on police violence for now, he seems to be convinced of his hypothesis that the world has become more peaceful and that problems like racism have become less important. For the moment, let’s treat this as a scientific hypothesis that’s open to debate. This raises two questions:

a) Do the sources that Pinker cites actually support his hypothesis? And that’s not necessarily a binary question – in science, there are usually no simple answers. Science communication in social media, on the other hand, often requires simplification and stating hypotheses and research findings in a pointed way. And this leads us to the second question:

b) Is the way in which he construes the findings problematic, and if so, in what way?

Note that these are two levels of analysis and two levels of discussion that should be kept apart (although I’ll argue below that this is not always possible). In much of the discussion so far, I’d argue that they have been conflated. As an example, let’s take a look at Sendhil Mullainathan’s New York Times article, which Pinker summarized as follows: “Police don’t shoot blacks disproportionately. Problem: Not race, but too many police shootings.” The article is worth reading in full, not only because it has been a key point in the debate about the open letter: The authors of the open letter accuse Pinker of misrepresenting the article, while e.g. Jerry Coyne accuses the authors of the open letter of quoting one sentence of the article out of context. And indeed, the article can’t be easily summarized as it discusses many different aspects of the problem of police shootings. To me, the main message of the article seems to be: Racism is a very real problem, but it is not, or at least not first and foremost, a police problem. Instead, the fact that disproportionately more Black people are shot in police encounters is a side effect, as it were, of structural racism at a societal level.

This does not mean, of course, that it is not also a problem in and of itself. But let’s remain, for a second, on the level of pure fact checking, taking a benevolent stance towards Pinker, if only for the sake of the argument. Is his summary “Police don’t shoot blacks disproportionately.” a misrepresentation of the article? (And note that I’m only talking about the article: I’m not talking about the scientific study that is summarized in the article, nor am I evaluating its scientific merit.) At first glance, it seems to be a gross misrepresentation indeed, especially given the following quote that is also cited in the open letter: “The data is unequivocal. Police killings are a race problem”. But on closer look, we might be dealing with two perspectives on the same data that do not exclude each other.

Spurious correlations and statistical control

As a point of comparison, consider the alleged problem of migrant criminality – a trope that has always been popular in right-wing circles and that has arguably become even more widespread in the wake of the so-called “refugee crisis”. In many cases, just looking at the raw data may insinuate that this is more than a clichĂ© as the crime rate among migrants tends to be higher than among the rest of the population. But just looking at the raw data is never a good idea. If we control for other factors like age, gender, and socio-economic status, which are usually good predictors for criminal behavior, then we’ll usually see that migrants are not significantly more likely to commit crimes than other members of the population. Anybody who has ever argued against the “migrant criminality” trope knows this. This shows that two statements can be true at the same time: (1) Migrants commit more crimes than the rest of the population, (2) migrants are not more likely to commit crimes than the rest of the population.

This leads us to the question of how we interpret these findings and how we present them. I’m a leftist who thinks that categories like race, gender, nationality, descent etc. shouldn’t play a role in our lives, except maybe as a means of self-identification. That’s why I would never state something like (1) out of context, and I even find it hard writing it here, even though it is clearly contextualized. By contrast, if I was a conservative who thinks that national borders are a necessity and that some cultures are more inclined towards criminal behavior than others and who is therefore in favor of more restrictive migration policies, then I might cite (1) to support my argument. From this perspective, (2) is just not relevant. From this perspective, what is relevant are the effects, not the cause.

As I said, I strongly disagree with the conservative position, but I can respect it to a certain extent and I wouldn’t go so far as to say that everybody who holds such positions is racist. However – and this brings us back to question b) above – stating something like (1) out of context almost necessarily perpetuates racist stereotypes. What is more, it is basically impossible to state (1) without taking sides in the political discourse: Even if it is true, by stating (1), I basically self-identify as someone with more right-wing political views. Note that I’m not saying this in an evaluative way, in the sense of “There are things that you can’t say any more without being called right-wing”, another trope frequently employed by “free speech” activists. The association between certain beliefs, true or not, and political stance is just a perfectly ordinary outcome of cultural evolution. And I think one of the problems in the current debate is that this is often not taken into account.

Misrepresentation?

In the case of police violence, we are faced with a similar problem, but in this case, the correlation between the two perspectives on the data on the one hand and political stance on the other are reversed: Again, we have the two seemlingly contradictory observations that (1) more Black people than other members of the population are killed by the police and (2) Black people are not more likely to be killed by police officers than other members of the population. In this case, it is obvious that (2) – especially in connection with the observation that Black people have more police encounters – can easily be instrumentalized for racist agitation. So it is of course tremendously important to choose one’s words carefully when summarizing these data.

And this brings us back to Pinker and to the two questions mentioned above: a) Are the data compatible with his hypothesis? And b) Is the way he construes the findings problematic? As for a), I hope to have shown that “Police don’t shoot blacks disproportionately” is a perfectly legitimate way of summarizing one of the main findings presented in the article, although, admittedly, it’s a phrasing that can easily be misunderstood. And this leads us to b), the question of construal. Pinker puts one key aspect of the study discussed in the article into focus: According to the article, there is no evidence that in any given encounter, police officers are more likely to shoot a Black person than any other person (again, I’m just paraphrasing the article, not judging the statistical analysis). In addition, Pinker adds his own interpretation, according to which the number of police shootings itself is the actual problem.

The question now is whether this interpretation is problematic. According to the open letter, it definitely is because it downplays the problem of (police) racism. I’ve put “police” in parantheses because the tweet can be interpreted in various ways. The worst possible reading would be a blunt denial of the fact that racism is still a problem, but I strongly doubt that this is what Pinker has in mind, especially when linking to an article that explicitly states the opposite. Instead, the most plausible reading of his tweet seems to be: Racism among the police is not as big a problem as is usually assumed.

Ground truths

Now, the question is, again: Is this conclusion inherently problematic? And again, I think we have to approach this question from multiple perspectives. And as above, the first question is whether the hypothesis is supported by the facts. My gut feeling is that it is obviously blatantly wrong, but right now I don’t have data to substantiate this gut feeling. However, it seems to be shared by many people, and the impression that the police in the US, but also elsewhere, have a huge problem with racism has arguably become some sort of “ground truth” in the current debate. Importantly, this is also a domain where the two aspects of objective facts and subjective experience, which I have tried to neatly separate into a) and b) above, tend to get conflated for very good reasons. There are literally thousands of reports of Black people who state that they fear for their lives in any police encounter, and the very idea that the problem of police racism might have been overstated must feel like a slap in the face to those people.

But, for the sake of the argument, let us consider the possibility that there’s at least a grain of truth to Pinker’s interpretation: Would it still be inappropriate? In another heated controversy, J.K. Rowling recently tweeted: “It isn’t hate to speak the truth” – but as I’ve just argued, it’s not that simple. Firstly because it is not always easy to determine what the truth is. Secondly because even telling the truth can be harmful in some situations. Thus, the more general question is: When is a scientific hypothesis, or the presentation thereof – and that’s what all this is ultimately about, in my view – inherently problematic?

This brings us back to the notion of “ground truths” that I’ve mentioned above. In any discussion, there are arguably some ground truths that are shared either virtually universally, or at least among certain groups. Climate change is a good example: There is a broad consensus that climate change is real. It is supported by all the facts and virtually all experts. Climate change is a ground truth. If you want to argue against it, you’ll need very, very good arguments – or you have to be a member of a group who shares the ground truth that climate change is a lie. The latter option is probably the easier one, which illustrates the inherent problem of ground truths: They do not necessarily have anything to do with facts, let alone with the truth.

So in any debate, it may be worth asking the following questions: What are the ground truths that I am defending? Why are they ground truths, and is it actually appropriate to treat them as ground truths?

These questions provide a good link to the other side of the debate. Here, many people have raised concerns about potential threats to free speech, and the concept of ground truths can maybe help us understand where they’re coming from and to what extent these concerns might be justified. First of all, as it has often been pointed out, of course there’s currently no threat whatsoever to freedom of opinion – at least not in the US, which is most relevant to our topic, or in Germany, where I live. But more and more people seem to share the concerns that have recently been expressed in another open letter, signed by, among others, Margaret Atwood, Joanne K. Rowling, and John McWhorter: “The free exchange of information and ideas, the lifeblood of a liberal society, is daily becoming more constricted.”

I think one reason for this perceived development is that there are more ground truths than there used to be, that these ground truths are defended more vididly, and that that there are more and more ground truths that are diametrically opposed to each other. Probably this is also a result of cultural evolution, as the rapid exchange of information and ideas via the Internet greatly facilitates the formation of ground truths. I’m always a bit sceptical of the concept of “online bubbles” because I think the concept is not particularly well-understood by most people who use it (including myself, which maybe explains my scepticism), but the basic idea is very similar: Given the vast amount of information that we have available, it’s easy to pick out those pieces of information that fit well with our ground truths.

For example, it is a relatively new – but scientifically very well-supported – ground truth that gender is a non-binary concept. This is very much at odds with the ground truth that most people grew up with, in a world of men’s rooms and ladies’ rooms, pants and skirts, blue and pink. So it’s hardly surprising that many people have trouble questioning the ground truth of binary gender that they perceive as an obvious fact. And what makes all this even more complicated is that gender turns out to be not only non-binary, but it also has biological and socio-cultural aspects. As in the case of climate change, it’s pretty easy in this case to identify the ground truth that’s closer to the actual “truth”, whatever that may be, given the vast amount of scientific evidence. But even in this case, the same ground truth can be interpreted in different ways.

Self-evident and non-negotiable

Within the groups that share them, ground truths are self-evident. And perhaps even more importantly, ground truths are usually non-negotiable. And in many cases, there are good reasons for ground truths to be considered non-negotiable. If my ground truth is that all people are born equal and should therefore have the same fundamental human rights, then there are very good arguments (philosophical, biological, etc.) that make this ground truth indeed self-evident to most if not all people. And of course most people would vigorously defend this ground truth against anyone who argues against it. In fact, it is maybe even one of the basic ground truths, and many others follow from it – for example, the ground truths that racism, sexism and other behaviors that marginalize individuals or groups of people are unacceptable. In recent years, the awareness has grown that all kinds of marginalization are a huge problem that not only manifests itself in individual behavior but at a much more subtle structural level, e.g. in language.

This increased awareness is a very good thing, and I’m pretty optimistic that, in the long run, it will contribute to long-overdue changes at a societal level. But it also entails some potential for conflict and polarization. The long-standing conflict between proponents of “political correctness” (in scare quotes because it is often used as a derogatory term) on the one hand and “free speech activists” on the other is a case in point. The Pinker affair can be seen as another episode in this conflict.

At the very beginning of this post, I have said that I can’t really take sides here, and the reason for that is that the “ground truths” that underlie the argumentation of the open letter do not seem self-evident to me. In my lengthy analysis above, I have only referred to the first of the six tweets or statements discussed in the open letter, but two of the other cases discussed follow the same line of argument. From what I can see, the “ground truth” that Pinker is accused of arguing against (if only implicitly) is that (US) police officers have a racism problem. More specifically, it is that police officers kill Black people out of racist motives – because Pinker does not deny the racism problem itself, and in his response to the open letter quoted in Larry Coyne’s blog (in which he, unfortunately and unnecessarily, insults the signatories of the open letter quite harshly), he explicitly states that “racism among the police is a genuine problem”. So, the question is: Is the “ground truth” that is at issue here really self-evident and non-negotiable? At least from my perspective, this seems to be an area where different, nuanced perspectives can and should be discussed. As long as we acknowledge that racism exists, that it is a problem, and that something should be done about it, a position like Pinker’s seems to be well within the confines of what can legitimately be discussed.

Unconvincing arguments

That leads us to the reactions to the open letter. Unfortunately, they all make the mistake of employing some of the typical tropes that “free speech activists” use all the time – even Barbara Partee’s otherwise very thoughtful response contains an unnecessary allusion to communist censorship. And Jerry Coyne’s response is mostly ad-hominem, even though he does make some fair points. And I think this illustrates an important problem of many current debates: Instead of seriously taking the other person’s perspective into account, we tend to fall back into the same argumentative patterns, talking about each other rather than to each other. To exaggerate a bit, it’s always the same pattern: One side goes, “Person A has chosen to do B, and we feel this is bad because X”, and the other goes, “Orwell! 1984! Censorship!” Usually, I tend to align with the former side (even though I have to confess that the reproachful use of choose to is among my personal pet-peeve constructions), but I also try to keep an open mind for other opinions, even though their proponents don’t always deserve it.

The open letter about Pinker, however, might convey the impression that those who claim that the confines of what can be said without fear of an enormous backlash have become alarmingly narrow. I’m not saying that this is the case, I’m also not saying that the authors and signatories of the letter want to give that impression. But in my view all the examples that they cite are quite unconvincing, which is why they could easily be interpreted as deliberate misinterpretations (which is an interpretation that I don’t share). Above I’ve spent some time to show why the accusation of downplaying police racism is only partly convincing. Calling out Pinker for the use of the terms “urban crime” or “urban violence” is even less convincing given the fact that the researchers he cites use the terms in their paper titles. Of course, this doesn’t mean that these terms are not used as implicit political messages (maybe it’s just me, but I find the term “dogwhistle” really disturbing, which is why I’m reluctant to adopt it as a scientific term), and of course that’s something that should be discussed and that should be kept in mind when using (or avoiding) these terms, but in this particular case it seems just to be Pinker adopting the terminology of his sources.

However, the least convincing and most problematic argument is this:

Pinker (2011:107) provides another example of Dr. Pinker downplaying actual violence in a casual manner: “[I]n 1984, Bernhard Goetz, a mild-mannered engineer, became a folk hero for shooting four young muggers in a New York subway car.” (
) Once again, the language Dr. Pinker employs in calling this person “mild-mannered” illustrates his tendency to downplay very real violence.

In this passage of his popular science book, Pinker employs a perfectly ordinary narrative technique, and it should be more than obvious that he is not characterizing the killer here but rather how he was perceived in his daily life before he committed his undeniably horrendeous crimes. The juxtaposition of his “mild manners” and his crimes make the passage even more effective. There is no reason whatsoever to assume that the term “mild-mannered engineer” reflects Pinker’s opinion of the person as a whole. And here, I think the message that the letter sends is highly problematic: It conveys the impression that the use of simple rhetorical devices could get you into trouble because they are are either not properly understood or deliberately misinterpreted.

I don’t blame the authors of the open letter for this – I am sure they have good reasons for including this example that might be convincing if they spelled them out in more detail. But as it stands, the example is unconvincing to me and only strengthens the case of the “free speech” faction – even though I’m very well aware that it’s not free speech that is at issue here.

Finally, Pinker’s tweet about the UCSB murders is hard to judge because the link he provides in his tweet is not active any more, so it’s impossible to tell whether the source he links provides any arguments that support his interpretation.

Thus, in the ongoing debate between proponents of “political correctness” on the one hand and “free speech” on the other, the open latter adds fuel to the flames. However, I should add that it has also had a number of positive consequences: Despite some furious reactions that in turn have spawned furious counter-reactions, I’ve seen quite a few thoughtful and nuanced comments and debates, on Twitter and elsewhere. The best one so far, in my view, is David Adger’s blog post, who explains very convincingly why he has signed the letter even though he didn’t find all arguments in the letter compelling. He also cites an example of Pinker denying scientific facts that is probably more convincing than all six arguments in the open letter taken together (it is mentioned in the open letter as well, but only in a footnote). Also, the letter has led to important discussions about power differentials in academia – Hagit Borer’s public Facebook post is definitely worth a read, although the fact that she focuses on the divide between early career researchers might detract a bit from what is actually at stake in the discussion, and what is probably the most important consequence of the open letter, namely that we are witnessing the start of a discussion about racism and other patterns of marginalization in linguistics in particular and in academia in general.

Let’s talk to each other, not about each other

So, let me reiterate that I agree that many of Pinker’s statements are problematic to say the least. Also, his reactions to the whole affair have not been very constructive, to put it mildly. Still I think the open letter does the linguistics community a disfavor by presenting his tweets as well as excerpts from his popular science work in a way that invites the interpretation that the authors are desperately trying to dig up examples that can somehow be interpreted as problematic, and the fact that one of their analyses is an obvious misinterpretation while others are at least debatable plays into the hands of people who believe that there’s some kind of “thought policing” on the political left that doesn’t tolerate deviant opinions. Again, let me emphasize that I don’t share this opinion. But we all know that there are quite a few people for whom this is a “ground truth”, and even though there are usually good arguments for not taking them too seriously and not trying to anticipate their reactions in everything we do and say, we should avoid giving anyone the impression that they are right.

One way to do this may be to reflect on our ground truths and to talk about them – not only in our “in-groups” that share our views. Of course there will always be people whose ground truths are so different from ours that any attempt at convincing them will be futile. But there are many more people whose ground truths are similar enough to ours that a fruitful debate is possible. Also, I think we have to practice dialectic discourse more than we usually do these days: We have to accept that several seemingly contradictory things can be true at the same time and that several people may draw very different conclusions from the same facts because they have different perspectives on it. Some of those perspectives may be so at odds with our ground truths that we will have to forcefully reject them, but in most cases, it might be worth considering them, trying to understand where our interlocutor is coming from, what their “ground truths” are, and why we disagree.

Finally, let me point out that I’m very well aware that as a white male academic, I’m writing all this from a position of extreme privilege, and I wholeheartedly agree that we have to listen to those groups that have been silenced for much too long. I am also very much aware that my post may be interpreted as downplaying the harmful effects of Pinker’s statements – but as I said above, my goal is not to show that they are unproblematic but that they are problematic to very different degrees and that the six statements cited in the open letter can only be seen as evidence for a pattern of racist and/or misogynist behavior if we interpret them in the worst possible way. Also, my goal was to point out that the whole debate is connected to another, more general discussion that we need to have: When are scientific hypotheses at odds with ground truths that should be universally shared? Some colleagues have stated that the open letter to the LSA is not about science at all, but I disagree: The whole debate is all about Pinker’s hypotheses and the way he presents them. Some people will probably say that there should be no boundaries whatsoever on the formulation of scientific hypotheses. I’m not entirely sure about that – there are probably good arguments that a study linking, say, IQ and ethnicity would be an inherently bad idea even if the study was well-designed and if IQ wasn’t such a problematic measure of intelligence.

At the beginning of this post, I’ve mentioned different levels of analysis – roughly speaking, the level of brute facts and the level of interpretation. I’ve argued that they should usually be kept apart, but we’re facing the challenge that they often cannot be kept apart because science usually combines both aspects, observation and interpretation. We should still try to keep the levels of analysis apart, but we should also be aware that we can’t always do that. This is why we need to discuss things like the ethical limits of scientific hypotheses and the presentation of scientific findings controversially, without ad-hominem attacks and without being too self-assured about our own judgments.

But as I already mentioned: I think it’s important to talk more to each other than about each other, so if you disagree with me, I’m happy to hear your thoughts.

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