Die Zerstörung der deutschen Sprache

Das ist ein Transkript meines Videos “Die Zerstörung der deutschen Sprache”:

Wer sich mit dem Youtube-Sprachgebrauch einigermaßen auskennt, weiß natürlich, dass mit “Zerstörung” keine Zerstörung im wörtlichen Sinn gemeint ist. Es geht mir nicht darum, eine Sprache auszulöschen – glücklicherweise wäre ich dazu auch gar nicht in der Lage. Es geht mir vielmehr darum, die Art und Weise zu hinterfragen, wie wir häufig über Sprache nachdenken. Denn es gibt eine auffällige Diskrepanz zwischen der Art und Weise, wie Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler Sprache konzeptualisieren, und der Art und Weise, wie sogenannte Laien über Sprache nachdenken – obwohl es natürlich streng genommen in der Sprache keine Laien gibt, denn wir alle sind in gewisser Weise Sprachexperten, weil wir mindestens eine Sprache sprechen und intuitiv sehr viel mehr über diese Sprache wissen, als uns vielleicht bewusst ist. Und trotzdem ist unser Denken über Sprache oft von Fehlannahmen geprägt, und das führt dann dazu, dass wir in gesellschaftlich relevanten Debatten, die mit Sprache zu tun haben, Argumente benutzen, die nichts mit Sprache zu tun haben – oder zumindest nicht sprachwissenschaftlich fundiert sind. In diesem Video möchte ich das an drei Beispielen klarmachen, die besonders emotional diskutiert werden: 1. Anglizismen, 2. “Falsche” Ausdrucksvarianten, 3. Geschlechtergerechte Sprache.

Anglizismen

Anglizismen. Wer kennt sie nicht, die Klagen über die angeblich überhandnehmenden Entlehnungen aus dem Englischen? Gerade in der Corona-Pandemie gab es da ja einige: Shutdown, lockdown, social distancing, home office und viele mehr. Eine solche Anglizismenflut hätte vermutlich in normalen Zeiten zu heftigen Debatten in den deutschen Feuilletons geführt – so aber wurden die Begriffe relativ widerstandslos und ohne großen Aufschrei ins Deutsche übernommen. Nur der Verein Deutsche Sprache, der uns in diesem Video noch öfter beschäftigen wird, hält noch wacker die Stellung. 2020 verlieh er den großen deutschen Nachrichtensendungen Tagesschau und heute den Negativpreis “Sprachpanscher des Jahres” mit der Begründung: In Zeiten von Corona haben die Nachrichten-Flaggschiffe Wörter wie Lockdown, Homeschooling, Social Distancing, Homeoffice usw. nicht hinterfragt, sondern einfach übernommen. „Diese Anglizismen zeigen, wie wenig Interesse Tagesschau und heute-Nachrichten haben, die Menschen in ihrer eigenen Muttersprache zu informieren. Die Devise ist: Nachplappern statt sinnvolle Übersetzungen finden, die alle verstehen”.

Der Ablehnung von Anglizismen liegt die erste Fehlkonzeption zugrunde, auf die ich eingehen möchte. Sprache wird als statisches und mehr oder weniger geschlossenes System betrachtet. Das macht auch Sinn, denn genau so lernen wir Sprache ja meistens in der Schule: Es gibt Richtig und Falsch, etwas ist entweder Deutsch oder Englisch oder Französisch, und es gibt klare, feststehende Regeln, an denen wir uns orientieren. Das Bedürfnis nach solchen Regeln ist groß, wie man beispielsweise aus Erfahrungsberichten von Sprachberatungsstellen weiß. Aber es speist sich eben auch aus dieser Konzeptualisierung von Sprache als einem statischen, geschlossenen System.

Nun wissen wir aber auch: Sprache ist dynamisch. Sprache ändert sich ständig, und zwar auf allen Ebenen. Unter anderem unterliegt das lexikalische Inventar einer Sprache natürlich Veränderungen. Viele von uns haben im letzten Jahr Wörter gelernt, die vorher allenfalls Fachleuten geläufig waren: Eintragung, Infektionsgeschehen, Maskenpflicht… Und eben auch Lockdown oder Homeschooling. Über das Wort “Lockdown” gab es auch immer mal wieder Debatten, und diese Debatten zeigen, dass es zu einfach wäre, zu sagen, dass es sich hier um ein englisches Wort handelt, das man mangels einer besseren Alternative einfach übernimmt. Denn es wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass der deutsche Lockdown ja eigentlich kein Lockdown sei, weil es beispielsweise keine strengen Ausgangssperren und keine Betriebsschließungen gab wie in anderen Ländern. Und auch der sogenannte harte Lockdown wirkt im Vergleich mit anderen Ländern gleich viel weniger hart. Das Beispiel zeigt aber, dass der Begriff im Deutschen quasi ein Eigenleben entwickelt hat. Er steht für ein ähnliches Konzept wie im Englischen, aber bezeichnet eben nicht genau das gleiche.

Ohnehin ist es ein Irrtum, anzunehmen, dass Anglizismen nur Lückenfüller sind oder dass sie sogar etwas vage ausdrücken, was man mit deutschen Begriffen präziser ausdrücken könnte. Im Gegenteil bringen Anglizismen oft Bedeutungsnuancen zum Ausdruck, die dem scheinbar bedeutungsgleichen deutschen Begriff fehlen. Zum Beispiel wird man eher von einem “Job” sprechen, wenn man ein zeitlich befristetes, oft prekäres Beschäftigungsverhältns hat – also wenn man zum Beispiel als Student kellnert oder wissenschaftliche Mitarbeiterin im akademischen Mittelbau ist -, und eher von einem “Beruf”, wenn es um eine lebenslange Tätigkeit geht. Wie andere Fremdwörter auch können Anglizismen also Bedeutungsnuancen zum Ausdruck bringen, die man mit deutschen Wörtern nur mit langwierigen Umschreibungen erreichen kann. Das sieht man übrigens auch schön im “Anglizismenindex” des VDS, der versucht, deutsche Entsprechungen für Anglizismen vorzuschlagen und wo sich für “Job” folgende Erläuterungen finden:

1: Dienst ohne Berufung, Kurzfrist-Arbeit, Niederigdienst ohne Qualifikationsbedarf. Die Verwendung dieses Namens statt nhd. ‚Dienst‘, ‚Werk‘ geschieht zumeist aus Gewohnheit: des Namens Herkunft und Nennleistung sind so dunkel, wie das mittels seiner Benannte licht- und freudlos (https://vds-ev.de/denglisch-und-anglizismen/anglizismenindex/ag-anglizismenindex/).

Die meisten Argumente gegen Anglizismen sind aber eher kultureller Natur. So warnt beispielsweise der VDS in seinen Leitlinien vor einer Anglisierung und Amerikanisierung Europas. Aber natürlich auch Kulturen gerade in der heutigen Zeit keine geschlossenen Systeme. Kulturen beeinflussen sich immer gegenseitig, unabhängig davon, ob man das will oder nicht und ob man das gut findet oder nicht. Interessant ist beispielsweise, hier einen Blick in das Buch “Allerhand Sprachdummheiten” von Gustav Wustmann zu werfen. Wustmann ist quasi der Bastian Sick des 19. Jahrhunderts – und wenn man in sein Inhaltsverzeichnis schaut, sieht man, dass er teilweise 1 zu 1 die gleichen Themen aufgreift wie Bastian Sick über 100 Jahre später. Allerdings macht er damals noch nicht so stark das Englische für den vermeintlichen Sprachverfall verantwortlich als eine Sprache, die heute kaum einem Sprachpfleger ein Dorn im Auge ist: nämlich das Französische.

Zum Beispiel findet sich schon bei Wustmann eine Kritik an Formulierungen wie “in 1870”, was ja bis heute die sprachkritischen Gemüter erhitzt – Wustmann sieht darin eine “willkürliche Nachäfferei des Französischen und des Englischen”.

Mit Formulierungen wie “in 1870” oder “in 2021” kommen wir zum zweiten Thema, das ich ansprechen möchte: Vermeintlich falsche Formulierungen.

“Falsche” Ausdrucksvarianten

Auch hier gibt es sehr viele Beispiele, die immer wieder genannt werden als Beispiele wahlweise für “schlechtes Deutsch”, “falsche Grammatik” und oft auch für Anglizismen in einem weiteren Sinn, wie ihn beispielsweise Bastian Sick definiert: Er schreibt:

“Was genau sind Anglizismen? Wörter wie ‚Sale‘, ‚U-Turn‘ und ‚Chicken Wings‘ sind englische Fremdwörter. Anglizismen sind etwas anderes: Frühe Vögel zum Beispiel. Oder Dinge, die eine Meinung haben. Kürbisse mit Fratzen. Und Rehe mit Hirschgeweih.
Unter einem Anglizismus versteht der Sprachwissenschaftler ein sprachliches Muster, das aus dem Englischen übernommen wurde und auf den ersten Blick gar nicht unbedingt als englisch zu erkennen ist.“

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist das natürlich Mumpitz, denn natürlich sind auch und gerade einzelne Wörter, die aus dem Englschen entlehnt wurden, Anglizismen. Trotzdem kann es fremdsprachlichen Einfluss natürlich auch bei größeren sprachlichen Mustern geben. Eines der klassischen Beispiele, bei denen häufig englischsprachiger Einfluss angenommen wird, ist die Wendung “Sinn machen”. Ob die Formulierung tatsächlich aus dem Englischen übernommen wurde oder unabhängig davon entstanden ist, ist allerdings nicht ganz geklärt. Jedoch werden gegen solche Wendungen auch andere Argumente ins Feld geführt, in denen sich andere Fehlkonzeptionen von Sprache niederschlagen. Schauen wir uns zum Beispiel diese Argumentation von Bastian Sick an:

“”Sinn” und “machen” passen einfach nicht zusammen. Das Verb “machen” hat die Bedeutung von fertigen, herstellen, tun, bewirken; es geht zurück auf die indogermanische Wurzel mag-, die für “kneten” steht. Das erste, was “gemacht” wurde, war demnach Teig. Etwas Abstraktes wie Sinn lässt sich jedoch nicht kneten oder formen”

Hier begeht Sick einen etymologischen Fehlschluss. Das heißt, er geht davon aus, dass man die heutige Bedeutung eines Wortes, in diesem Fall ‘machen’, aus seiner Geschichte heraus erschließen kann. Sprache wird hier also auch wieder als etwas relativ Statisches gesehen. In dem Argument, dass Sinn und machen nicht zusammenpassen, schlägt sich aber auch eine andere Konzeptualisierung von Sprache nieder, die man ebenfalls häufig findet, nämlich dass Sprache ein logisches System ist und dass in einer Sprache nur das zusammengeht, was logisch zusammenpasst. Aber sprachliche Zeichen entwickeln eben durch den konkreten Sprachgebrauch ein Eigenleben, wie wir vorhin schon am Beispiel Lockdown gesehen haben.

Ein anderes Beispiel, das häufig in der Diskussion von Übersetzungen aus dem Englischen, etwa bei Filmsynchronisationen, diskutiert wird, ist die Formulierung “nicht wirklich” als Äquivalent zu englisch “not really”. Hier wird oft behauptet, dass das eigentliche deutsche Äquivalent “eigentlich nicht” sei. Hier zeigen sich auch wieder die beiden verbreiteten verbreiteten Fehlkonzeptionen – dass Sprache statisch ist und dass sie logisch ist – beispielsweise in diesem Forenbeitrag, wo “wirklich” im Sinne von ‘real’ interpretiert wird.

Was gerade in solchen Fällen passiert, ist, dass sprachliche Strukturen sozialsymbolisch aufgeladen werden – das heißt, sie bekommen eine Art Zusatzbedeutung. Wenn man “das macht Sinn” oder “nicht wirklich” bewusst vermeidet und die vermeintlich “richtigeren” oder “deutscheren” Wendungen “das ergibt Sinn” bzw. “eigentlich nicht” verwendet, inszeniert man sich als Teil einer Gruppe, die richtiges und gutes Deutsch beherrscht – soziologisch könnte man auch sagen: als Teil einer in-group. Damit geht natürlich immer die Ausgrenzung einer out-group einher – also derjenigen, die aus vermeintlicher oder tatsächlicher Unkenntnis ein weniger gepflegtes Deutsch sprechen.

Formen wie “das macht Sinn” erfahren dadurch eine Art Stigmatisierung. In der Sprachwissenschaft spricht man auch von Indexikalisierung, in Anlehnung an den von Michael Silverstein geprägten Begriff der Indexikalität. Silverstein unterscheidet drei Ordnungen der Indexikalität: Im Falle der Indexikalität erster Ordnung werden Formen von außen mit einem spezifischen soziodemographischen Kontext in Verbindung gebracht. Wenn zum Beispiel ein Rheinländer sagt “Ich bin die Kartoffeln am Schälen” und die Berlinerin daraufhin sagt: Ah, typisch Rheinländisch! – dann ist das Indexikalität erster Ordnung. Mit Indexikalität 2. Ordnung ist gemeint, dass Formen von innen (also von den Gruppenmitgliedern selbst) mit einem spezifischen soziodemographischen Kontext in Verbindung gebracht werden. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn unter Jugendlichen Kiezdeutsch gesprochen wird, um damit Gruppenzugehörigkeit zu signalisieren. Indexikalität 3. Ordnung liegt vor, wenn Formen als “emblematisch” für einen bestimmten soziodemographischen Kontext gesehen und z.B. in Parodien genutzt werden. Wenn Sie in deutschsprachigen Comedyformaten einmal darauf achten, werden Sie merken, dass es eine Reihe von besonders stigmatisierten Konstruktionen gibt – gerade die sog. tun-Periphrase und den sog. am-Progressiv tun die Charaktere dort besonders oft am Verwenden sein tun, wenn sie als besonders dumm und inkompetent dargestellt werden sollen.

Hier zeigt sich unfreiwillig ein gewisser Sprachelitismus, dem wiederum eine Fehlkonzeption von Sprache zugrundeliegt, die eng mit der Vorstellung zusammenhängt, dass Sprache statisch sei: nämlich die Idee, dass es ganz klar richtige und falsche Formen gibt. Auch hier sind wir teilweise durch den Schulunterricht vorgeprägt: Wir denken über Sprache im Sinne von Normen nach. Wir fragen uns, was das standardsprachlich Richtige ist. Und tatsächlich gibt es ja auch Normen, die teilweise verbindlich sind – sowohl in der Schule als auch in Behörden müssen wir uns weitgehend an verbindliche Regelwerke halten. Das gilt vor allem für die Schriftsprache, wo es amtliche Rechtschreibregeln gibt. Auch diese gelten aber natürlich nur in offiziellen Kontexten – wenn eine Privatperson beschließt, von nun an nur noch klein zu schreiben, dann kann sie das tun, und wenn ein privatwirtschaftliches Unternehmen beschließt, ab sofort sein eigenes Regelwerk einzuführen, weil es die amtlichen Rechtschreibregeln für doof hält, hindert es auch niemand daran.

Wie stark aber die Orientierung an sprachlichen Normen ist, zeigt sich in der empörten Reaktion eines Lesers in den aktuellen “Sprachnachrichten” des VDS – Sie sehen, ich habe heute viel Zeit auf den VDS-Seiten verbracht. Der Leser hatte sich bei einem Unternehmen über dessen Verwendung des Gendersterns beschwert. Das Unternehmen wies ihn darauf hin, dass jeder und jede schreiben kann, wer er oder sie will – dazu der Leser: “Die Dreistigkeit dieser Antwort verschlägt mir die Sprache”, denn sie zeige eine Haltung jenseits von Recht und Gesetz. Wenig überraschend schließt sich der VDS-Vorstand seiner Empfehlung an, durch Kündigungen seine Macht als Kunde auszuüben – im Englischen nennt man das wohl: cancel culture.

Geschlechtergerechte Sprache

Und damit sind wir mitten im dritten Thema: Geschlechtergerechte Sprache. Dieses Beispiel zeigt schon, wie erbittert hier debattiert wird. Wir haben gerade über sozialsymbolische Aufladung und Indexikalisierung gesprochen – und das ist in diesem Bereich natürlich in besonders starkem Maß der Fall. Wenn wir uns dem Thema ganz nüchtern nähern wollen, ist es zunächst einmal wichtig, ein paar Dinge zu trennen: Wenn man “gendern” hört, denkt man vielleicht zuerst an das Gendersternchen oder sein gesprochenes Äquivalent, die Sprechpause wie bei Moderator-innen, die man ja auch in Nachrichtensendungen mittlerweile öfter hört. Aber es gibt ja auch andere Arten und Weisen, zu gendern. In vielen Texten findet man ja z.B. den Hinweis, dass aus Gründen der Lesbarkeit bei Personenbezeichnungen nur die männliche Form gewählt wird, aber Frauen natürlich mitgemeint sind. Auch wenn diese Praxis inzwischen in die Kritik geraten ist, handelt es sich streng genommen hier auch um eine Form des Genderns, wenn man darunter die sprachliche Sichtbarmachung von Geschlechterdiversität versteht. Und häufig wird auch argumentiert – sogar in einigen wenigen Fällen von linguistischer Seite -, dass all die Mühe um geschlechtergerechten Sprachgebrauch im Deutschen keinen Sinn habe, weil ja die maskuline Form ohnehin geschlechterübergreifend gebraucht werde und Frauen mit einschließe – das sogenannte generische Maskulinum.

Wir stehen also vor zwei Fragen, die wir auch getrennt voneinander betrachten müssen. Erstens: Brauchen wir das ganze Gendergedöns überhaupt oder tut es nicht auch das gute alte generische Maskulinum? Zweitens: Wenn wir uns fürs Gendern entscheiden, wie gendern wir am besten?

Zur ersten Frage habe ich ja schon angedeutet, dass das generische Maskulinum mittlerweile viel kritisiert wird. Vor allem deshalb, weil psycholinguistische Studien gezeigt haben, dass Frauen eben in aller Regel nicht mitverstanden werden, selbst wenn sie mitgemeint sind. Diese experimentellen Studien sind selbst zur Zielscheibe einiger Kritik geworden, weil sie natürlich stark vereinfachen, was sich bei experimentellen Untersuchungen nie ganz vermeiden lässt. Ein Teil der Kritik ist sicherlich berechtigt, aber insgesamt zeigt sich doch sehr deutlich, dass das generische Maskulinum nicht so geschlechterübergreifend ist, wie es vielleicht intendiert ist.

Die Verteidiger*innen des generischen Maskulinums berufen sich gern auf das Sprachsystem und “die Grammatik des Deutschen”. Hier begegnen uns wieder die Fehlkonzeptionen von Sprache: Sprache wird als etwas Statisches gesehen, das außerhalb der Sprecherinnen und Sprecher existiert und wofür es feste Regeln und Normen gibt.

Jetzt muss man natürlich einräumen, dass die Abstraktion eines Sprachsystems auch aus linguistischer Sicht nichts ganz Sinnloses ist. Die meisten Linguistinnen und Linguisten würden sicherlich zustimmen, dass es bestimmte Konventionen gibt, auf die sich die Mitglieder einer Sprachgemeinschaft geeinigt haben, und wenn man eine Äußerung tätigt, die nicht mit diesen Konventionen übereinstimmt, dann wird diese Äußerung als ungrammatisch oder als falsch wahrgenommen. Und es spricht nichts dagegen, diese Abstraktion als Sprachsystem zu bezeichnen. Aber: Dieses Sprachsystem existiert eben nicht oder nur sehr bedingt unabhängig vom Sprachgebrauch – ich selbst würde so weit gehen zu sagen: Sprache ist Sprachgebrauch. Aber je nach theoretischer Orientierung werden mir da viele Kolleginnen und Kollegen widersprechen. Besonders deutlich tut das übrigens Josef Bayer in den aktuellen Sprachnachrichten des VDS, wenn er für das generische Maskulinum mit den Worten argumentiert: “Sprache wird von Menschen verwendet, aber sie ist nicht von Menschen gemacht.”

Aber worauf sich die meisten Linguistinnen und Linguisten sicherlich einigen können, ist, dass gerade, wenn es um Fragen der Bedeutung geht, normative Regelwerke wie der Duden oder die amtliche Rechtschreibung wenig Erhellendes beitragen können. Wir müssen uns anschauen, wie Sprache gebraucht wird, und wenn es um Bedeutung geht, müssen wir uns anschauen, wie sprachliche Zeichen verstanden werden. Wenn wir den Anspruch der Sprachwissenschaft ernst nehmen, den Sprachgebrauch zu beschreiben und damit eine empirische Wissenschaft zu sein, verliert auch das häufig vorgebrachte Argument, dass Genus und Sexus, also grammatisches Geschlecht und biologisches bzw. soziales Geschlecht, nichts miteinander zu tun hätten, an Zugkraft, denn die empirische Beleglage zeigt ganz klar: Natürlich sind Genus und Sexus zwei verschiedene Dinge, die man nicht verwechseln sollte, aber gerade bei Personenbezeichnungen gibt es zwischen beiden einen sehr engen Bezug.

Weil die Evidenz bei allen Problemen, die die empirischen Studien im detail haben mögen, sehr eindeutig ist, gibt es zumindest in bestimmten Kreisen einen weitgehenden Konsens darüber, dass man Frauen in der Sprache sichtbarer machen sollte – eben auch, um das gesellschaftliche Ziel zu erreichen, dass Frauen öfter mitgedacht werden. Das führt uns zu der Frage, wie genau das passieren soll. Die wahrscheinlich unauffälligste Variante ist die Doppelnennung: Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und ich wage die Prognose, dass die derzeitige Debatte weit weniger erhitzt geführt werden würde, wenn es nur diese Form zur Debatte stünde.

Diese Beidnennung hat aber natürlich den Nachteil, dass sie potentiell ebenfalls Menschen ausschließt, weil sie ein binäres Verständnis von Geschlecht und Geschlechterrollen festschreibt. Mit Zeichen wie Genderstern, Gender_Gap oder Doppelpunkt sollen auch intergeschlechtliche Menschen repräsentiert werden. Das trägt sicherlich auch dazu bei, dass die Debatte so erhitzt geführt wird: Schließlich ist auch die Idee, dass Geschlecht nicht nur etwas Binäres sein kann, in Teilen der Gesellschaft noch nicht angekommen. Das ist nicht ganz überraschend, denn schließlich sind die allermeisten von uns in einem Umfeld aufgewachsen, in dem die klassischen binären Geschlechterrollen sehr stark verankert sind. Man muss vieles von dem, was man lange Zeit unausgesprochen für völlig selbstverständlich hielt, in Frage stellen, um zunächst einmal zu akzeptieren, dass vieles von dem, was wir im Alltag als Geschlecht wahrnehmen, eigentlich nur sozial konstruierte Geschlechterrollen sind, und dann auch noch anzuerkennen, dass es sowohl in bezug auf biologisches als auch in bezug auf soziales Geschlecht mehr gibt als nur die klassische Binarität von Mann und Frau. Da ist es einfacher, die wissenschaftliche Evidenz dafür zurückzuweisen und das alles als “Genderwahn” oder “Gender-Indeologie” abzutun – wie es beispielsweise AGENS e.V. macht, ein sympathischer kleiner Verein, der sich unter anderem gegen die – Zitat – “Pornografisierung der Schule” durch die “Durchsetzung der Homosexualität als neue Normalsexualität” einsetzt. Gemeinsam mit dem VDS hat dieser Verein 5 Grundthesen zur Gendersprache veröffentlicht, die er als “Teil eines ideologischen Programms zur Gesellschaftsveränderung” ablehnt.

Dabei wird ein Framing, also eine sprachliche Rahmung, verwendet, das in Zusammenhang mit sprachkritischen Äußerungen zu geschlechtergerechter Sprache häufig bedient wird: Die Gendersprache werde “von oben” durchgesetzt und die Nichtverwendung geschlechtergerechter Formulierungen sanktioniert. Schauen wir dazu noch ein letztes Mal ins Mitteilungsblatt des VDS, die Sprachnachrichten – in der jüngsten Ausgabe gibt es darin mehrere Seiten über das Gendern, und in zweien davon geht es um die Erfahrungen einer Studentin bzw. einer Dozentin, die sich gegen das Gendern positionieren und dafür angeblich Nachteile erleiden müssen. Die Studentin beispielsweise fühlt sich “überrannt”. Mit Überschriften wie “Überzeugungstäter – Mitläufer – Angst” oder “Emotional angeschlagen in den Hörsaal” wird der Eindruck erweckt, an deutschen Universitäten herrsche ein Klima der Angst. Das fügt sich natürlich gut zusammen mit der weitverbreiteten Idee, dass es an Universitäten eine Verengung des Meinungskorridors gebe – Stichwort cancel culture.

Die Realität sieht aber, zumindest in meiner Erfahrung, anders aus. Es mag tatsächlich Fälle geben, in denen Dozierende Hausarbeiten nicht annehmen, die nicht gegendert sind – das finde ich problematisch, weil sich geschlechtergerechte Sprache, entgegen der Annahme von Sprachpflegern, eben nicht verordnen lässt – außer natürlich in bestimmten Kontexten: Wenn sich beispielsweise eine Zeitung oder eine Zeitschrift für einen bestimmten Hausstil entscheidet, dann müssen sich natürlich alle daran halten. Sprachkritiker mögen sich daran stören, dass beispielsweise die taz nicht den amtlichen Rechtschreibregeln folgt, wenn sie das Gendersternchen verwendet. Konsequenterweise hätten sich dieselben Sprachkritikerinnen aber auch daran stören müssen, dass bis 2007 die FAZ in der alten, seit 1996 nicht mehr gültigen Rechtschreibung erschien.

Das Narrativ, dass die sogenannte Gendersprache aus ideologischen Gründen von oben durchgesetzt werde, gegen den Willen einer schweigenden Mehrheit, ist hart an der Grenze zur Verschwörungstheorie und bedient sich ähnlicher argumentativer Muster. Eine nicht näher definierte Elite will auf eine Art Umerziehung der Gesellschaft hinarbeiten. Wenn ich das so sage, ist natürlich sofort klar, dass das wenig überzeugend ist. Trotzdem müssen wir uns natürlich fragen, woher solche Narrative kommen und warum sie so erfolgreich sind. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Art und Weise, wie wir über Sprache denken, geprägt ist von falschen und teilweise problematischen Vorstellungen.

Dazu gehört, dass Sprache statisch und normativ ist, und dazu gehört auch, dass Sprache eng mit kultureller Identität in Verbindung gebracht wird. Gerade in Deutschland gibt es eine lange Tradition des Sprachnationalismus – die deutsche Sprache wird mit der deutschen Kultur in Verbindung gebracht, die zumindest aus einer sehr konservativen Warte wiederum mit Werten verbunden ist, die sich mit Geschlechtervielfalt und anderen Spielarten der Diversität nicht so ohne weiteres in Einklang bringen lassen. Das heißt nicht, dass alle, die generisches Maskulinum verwenden, reaktionär und illiberal sind. Ich will nur deutlich machen, dass sich die Fehlkonzeptionen von Sprache, die ich in diesem Video auseinandernehmen möchte, sehr gut vertragen mit einem illiberalen Weltbild, wie es gerade von der Neuen Rechten sehr stark propagiert wird. So ist es ja sicherlich kein Zufall, dass sich der VDS für seine Fünf Grundthesen zur Gendersprache mit einem Verein zusammengetan hat, der seine Homophobie und Transphobie erstaunlich offen zur Schau stellt.

Aber jetzt sind wir von den vorhin genannten beiden Fragen – Ist Gendern sinnvoll und wenn ja, wie gendern wir am besten? – auf einen Nebenzweig der zweiten Frage abgekommen, nämlich die Frage: Wie werden gegenderte Formen wahrgenommen? Um den Begriff von vorhin noch einmal aufzugreifen, sind gerade Formen wie Genderstern und Gendergap stark indexikalisiert, stark soziosymbolisch aufgeladen, und entsprechend lösen sie bei Gegner*innen auch hochemotionale Reaktionen aus. Wenn wir auf die Frage zurückkommen, welche Form des Genderns sich am besten eignet, müssen wir diese Aspekte mit bedenken. Letztendlich gibt es darauf keine endgültige Antwort, da viele verschiedene Aspekte mit hineinspielen, von ästhetischen Fragen und Fragen der Lesbarkeit bis hin zum Kontext, in dem eine sprachliche Interaktion stattfindet. Deshalb gibt es ja auch so viele verschiedene Varianten des Genderns – was übrigens manchmal auch paradoxerweise als Gegenargument angeführt wird.

Ohnehin ist es ganz instruktiv, sich noch einmal die Gegenargumente gegen das Gendern anzuschauen, weil sich daran die Fehlkonzeptionen von Sprache, über die wir in diesem Video gesprochen haben, ebenso illustrieren lassen wie argumentative Fehlschlüsse, denen Sprachpflegerinnen und Sprachpfleger oft auf den Leim gehen.

Ein Gegenargument ist, dass in Umfragen immer wieder eine Mehrheit das Gendern ablehne. Das müsste mich eigentlich überzeugen, weil ich immer wieder betone, wie demokratisch Sprache ist. Aber hier zeichnet sich wieder die normative Fehlkonzeption von Sprache ab: Sprache ist nicht in dem Sinne demokratisch, dass eine Mehrheit verbindliche Regeln beschließt, an die sich dann alle zu halten haben. Sondern in dem Sinne, dass sich das durchsetzt, was viele machen – auch wenn es am Anfang vielleicht nur wenige sind. Wenn ich hier eine Umfrage über meine Frisur machen würde, gäbe es sicher auch eine relativ große Mehrheit dafür, dass da noch Luft nach oben ist – vor allem, wenn sich insbesondere konservative Medien in den Jahren zuvor alle Mühe gegeben hätten, meine Frisur als Untergang des Abendlandes zu brandmarken. Aber trotzdem zwingt mich glücklicherweise niemand, mich diesem Mehrheitsvotum zu beugen.

Ein weiteres Gegenargument ist, dass sich geschlechtergerechte Sprache nicht konsequent umsetzen lässt. Tatsächlich ist es ja so, dass man schnell an Grenzen versucht, wenn man versucht, wirklich bis ins letzte Detail zu gendern – Texte werden dann im besten Fall schwer lesbar, im schlechtesten unfreiwillig komisch. Auch dieses Argument beruht aber auf einer Fehlannahme, die eng mit dem logischen Fehlschluss verwandt ist. Warum sollte es in einer Sprache etwas nur ganz oder gar nicht geben? Speziell fürs Deutsche gibt es eine ganze Reihe an Beispielen, wo die Grammatik chaotisch, unlogisch, inkonsequent ist, und wenn das schon in der Grammatik gilt, also in dem Bereich der Sprache, wo die Metapher eines Regelgerüsts oder Regelkorsetts, das sprachliche Variation beschränkt, noch am ehesten greift, warum sollte das dann nicht umso mehr im konkreten Gebrauch von Formen gelten, die sprachhistorisch gesehen noch sehr jung sind?

Das wahrscheinlich häufigste Gegenargument bezieht sich auf die Lesbarkeit – auf dieses Argument bin ich schon eingegangen; es kann berechtigt sein, wenn man bestimmte Formen des Genderns sehr konsequent einsetzt. Aber erstens geht es ja, wie schon gesagt, nicht um alles oder nichts, sondern man kann auf verschiedene Art und Weise eine Balance zwischen Lesbarkeit und gendergerechter Sprache finden. Ich selber gendere zum Beispiel Erstglieder von Komposita in der Regel nicht – Leserbrief zum Beispiel, was schon so lexikalisiert, also so verfestigt, ist, dass auch eine Umschreibung mit dem Partizip wie Lesendenbrief mir persönlich eher merkwürdig vorkommen würde. Und zweitens gibt es ja, wie schon gesagt, verschiedene Arten des Genderns – eine häufig benutzte, die die Lesbarkeit quasi gar nicht beeinträchtigt, besteht darin, einfach maskuline und feminine Personenbezeichnungen abwechselnd zu verwenden.

Wir sehen also, wenn es ums Gendern geht, werden in der Diskussion häufig verschiedene Dinge zusammengeworfen: Die Motivation für geschlechtergerechten Sprachgebrauch auf der einen Seite, die Umsetzung auf der anderen. Weil die Debatte so emotionalisiert ist, wird man schnell als missionarisch wahrgenommen, wenn man sich für gendergerechte Sprache ausspricht. Sicher mag es auch Leute geben, die da tatsächlich sehr missionarisch unterwegs sind. Die allermeisten aber wollen nur Argumente austauschen und Denkanstöße liefern und niemanden zum Gendern zwingen – das gilt übrigens auch und gerade für Leute, die solche Handreichungen und Empfehlungen schreiben, wie es sie in vielen Bereichen gibt.

Auch in diesem Video ging es mir nicht darum, irgendjemanden zum Gendern zu bekehren – oder dazu, ganz viele Anglizismen zu benutzen und bei jeder Gelegenheit “das macht Sinn” zu sagen. Sondern ich wollte ein Grundproblem der Argumentation aufzeigen, die häufig von sprachpflegerischer Seite bemüht wird. Da gibt es ganz viele Fehlschlüsse und argumentative Sackgassen, die man aufdröseln könnte, aber mein Eindruck ist, dass sich viele dieser einzelnen Fehlschlüsse zurückführen lassen auf ein gemeinsames Problem, nämlich eine Konzeptualisierung von Sprache, die wenig damit zu tun hat, wie Sprache eigentlich funktioniert. Dieses Modell sieht Sprache als relativ statisches, stark normatives System, das unabhängig von den Sprecherinnen und Sprechern existiert. Sprache wird dabei auch eng mit kulturellen Aspekten verwoben, was sie für rechte Ideologien anfällig macht – nicht zufällig ist der Kampf gegen Anglizismen und gegen das Gendern ja nicht nur ein Anliegen des VDS, sondern auch Teil des Grundsatzprogramms rechter Parteien.

Natürlich gibt es auch innerhalb der Sprachwissenschaft keinen hundertprozentigen Konsens darüber, wie Sprache genau funktioniert und wie man Sprache am besten modellieren kann. Vieles ist sehr umstritten – beispielsweise, in welchem Maße die menschliche Sprachfähigkeit auf angeborenen Grundlagen beruht und in welchem Maße sie kulturell erworben wird. Klar ist aber: Sprache ist kein gottgegebenes, unantastbares Heiligtum, und weder der Duden noch die amtlichen Rechtschreibregeln sind Gesetzbücher. Weder Anglizismen noch Gendersternchen können die Sprache kaputtmachen, denn Sprache ist ein sich selbst organisierendes System, und weil wir als Sprecherinnen und Sprecher an erfolgreicher Kommunikation interessiert sind, werden wir auch immer dafür sorgen, dass die Sprache, die wir sprechen, diese Funktion erfüllt. Um die Zerstörung der deutschen Sprache oder irgendeine Art des Sprachverfalls müssen wir uns also keine Sorgen machen – was uns aber Sorgen bereiten sollte, sind die Ideologien, die der Sprachverfallsdebatte zugrundeliegen, und die Tatsache, dass der Mythos vom Sprachverfall außerhalb der Linguistik immer noch so große Resonanz findet.

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